Alpbach/Wien. Als beim Technologiebrunch in Alpbach vergangene Woche die Vertreter der Universitäten begrüßt wurden, musste Heinrich Schmidinger lange warten, bis sein Name fiel. Erst an vierter oder fünfter Stelle, nach den Chefs und Vizerektoren einiger anderer Universitäten kam Schmidinger an die Reihe – als Rektorenchef immerhin oberster Uni-Vertreter im Land.
Es mag nicht mehr als ein Versehen gewesen sein. Und doch ist diese Szene charakteristisch für Schmidingers Amtsführung. Der 58-jährige Uni-Salzburg-Rektor ist auch nach knapp einem Jahr an der Spitze der Universitätenkonferenz (Uniko) nicht dafür bekannt, sich in den Vordergrund zu drängen. Er ist vielmehr einer geblieben, der den Dialog, das Gespräch, die langatmige Diplomatie einem lauten Vorstoß jedenfalls vorzieht. Er ist besonnen, immer freundlich, konziliant. Zu konziliant?
Manchmal schon, sagen einige seiner Kollegen, die sich noch an die Ära des öffentlichkeitsaffinen Christoph Badelt in der Uniko erinnern. Vor allem in den vergangenen Wochen soll im internen E-Mail-Rundlauf der 21Rektoren Kritik an Schmidinger laut geworden sein. Man hätte in so mancher Debatte energischer auftreten müssen, heißt es. Auch fühlt sich nicht jeder Rektor in seinen Spezialinteressen gut vertreten.
Gegenwind aus der Hauptstadt
Und aus Wien gibt es ohnehin laufend Gegenwind – egal, ob Schmidinger laut oder leise auftritt. Eine Art Tradition, wenn der amtierende Uniko-Chef nicht aus der Bundeshauptstadt kommt. Dass Schmidinger etwa dem Uni-Ministerium ausrichtete, dass sich die Unis die Option offenhalten würden, die Leistungsvereinbarungen nicht zu unterschreiben, sorgte in Wien für– wohl auch in Salzburg hörbares – Kopfschütteln. Und als Schmidinger laut über eine Beschränkung in Mint-Fächern nachdachte, richtete ihm Uni-Wien-Chef Heinz Engl gar aus, dass der Uniko-Präsident „wohl nur von Salzburg gesprochen haben könne“.
Schmidinger selbst ist sich bewusst, dass seine eher leise Art der Amtsführung nicht nur auf Zustimmung stößt. „Ich habe das nicht erst in letzter Zeit gehört, sondern im Lauf des letzten Jahres mehrmals.“ Er sagt aber auch: „Das Auftreten als Uniko-Vorsitzender muss man jeweils der Person überlassen, die diese Funktion innehat. Wir sind 21Universitäten – und 21Rektoren schätzen die Funktion unterschiedlich ein, das ist ganz klar.“
Eine von Schmidingers Stärken: Er ist seit elf Jahren Rektor, hat noch den damaligen TU-Wien-Chef Peter Skaliczky als Uniko-Chef erlebt und ist dementsprechend gut vernetzt. Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle kennt er gar schon aus seiner Zeit beim Tyrolia-Verlag. Schmidinger lektorierte dort die zweite Auflage von Töchterles Buch über das Stubaital.
Als beide noch Rektoren waren, durfte Töchterle manchmal in Schmidingers Dienstwagen mitfahren – Schmidinger arbeitet zwar in Salzburg, er und seine Familie wohnen aber in Tirol. Die Nähe zu Töchterle gereicht ihm nicht immer zum Vorteil. „Manchmal will einer den Minister hauen, erwischt ihn aber nicht. Und dann greift er halt den Nächsten an, den er erreichen kann. Und das bin dann ich“, sagt Schmidinger.
Freude scheint ihm das Amt dennoch zu machen. Im persönlichen Kontakt kommuniziert er gerne, er ist fast immer erreichbar, Allüren sind ihm dabei fremd. Wer ihm ein Mail schickt, erhält die Antwort nicht nur rasch – sondern auch von Schmidinger persönlich und nicht von einem Büromitarbeiter. Dass der Vorsitz der Uniko – ein Ehrenamt übrigens – fordernd ist, habe er gewusst: „Dass es so fordernd ist, habe ich aber nicht erwartet. Das habe ich offen gestanden unterschätzt“, sagt Schmidinger. „Man kann freilich eine solche Funktion nicht in Opfergang-Gesinnung ausüben. Sie muss einem auch liegen. Das Amt ist jedenfalls nicht nur eine Frustration.“
Das dürfte nicht zuletzt an der Uni-Milliarde liegen. „Mein prioritäres Anliegen war, dass die Finanzierung der nächsten Periode der Leistungsvereinbarung ordentlich auf die Beine gestellt wird“, sagt Schmidinger. „Ich glaube, dazu beigetragen zu haben, dass mit der Zusage der Uni-Milliarde eine Entspannung der Situation eingetreten ist – primär hat aber natürlich Minister Töchterle dieses Geld an Land gezogen, es ist seine Leistung.“ Applaus gab es dafür, dass sich Schmidinger – diesmal sehr bestimmt – gegen die Bedingungen der Finanzministerin zur Wehr setzte. Obwohl: Über Uni-Finanzierung, vor allem über das leidige Thema Studiengebühren – und über Zugangsregeln –, würde er eigentlich gerne nicht mehr sprechen. „Ich bedaure sehr, dass diese beiden Themen die Berichterstattung über die Hochschulpolitik so sehr dominieren. Das läuft in anderen Ländern ganz anders.“
Entscheidende Verhandlungen
Nagelprobe nicht nur für die Unis, sondern auch für Schmidinger als Rektorenchef werden trotzdem die Verhandlungen über die Leistungsvereinbarungen zwischen Unis und Ministerium im Herbst sein. „Entscheidend ist, dass man sachorientiert vorgeht“, sagt Schmidinger. „Wenn jedoch die Situation eintritt, in der man nicht mehr anders kann, muss man deutlich, pointiert– und unter Umständen sogar einseitig – auftreten, damit man auch wirklich gehört wird.“
Je nachdem, wie die Verhandlungen ausfallen, könnte das im Herbst so weit sein. Schmidinger scheint jedenfalls gerüstet.
Heinrich Schmidinger (58) ist seit 2001 Rektor der Uni Salzburg. Der habilitierte Theologe wurde im Herbst des Vorjahres zum Vorsitzenden der österreichischen Universitätenkonferenz (Uniko) gewählt. Seine Amtsperiode als Uniko-Präsident läuft voraussichtlich noch bis Ende 2013.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2012)
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