Den haag. ,,Ich kann es nicht fassen. Jetzt muss ich tatsächlich zahlen“, ärgert sich die 24-jährige Sanne, die an der Universität Leiden Italienisch studiert. Sanne ist im sechsten Studienjahr und damit zwei Jahre über der Regelstudienzeit. Ab September flattert ihr ein Bußgeldbescheid in Höhe von 3000 Euro ins Haus. Eine ähnliche Strafe droht am 1. September 77.000 niederländischen Studenten, weil sie ihre Regelstudienzeit überschritten haben.
Die Idee zu der harten Strafe für Langzeitstudenten kam von den Christdemokraten (CDA). Sie haben das Bußgeld durchgesetzt, obwohl die in Den Haag mit der CDA regierende liberale VVD dagegen war und ist: Der liberale Premier Mark Rutte nannte die Regelung sogar ,,das gehasste Bußgeld für Studenten“. Nun machte vor einer Woche CDA-Chef und Spitzenkandidat für die Neuwahlen am 12. September, Sybrand van Haersma Buma, einen Schritt zurück. Auf einer Wahlkampfveranstaltung an der Uni Utrecht sprach er sich plötzlich für die Abschaffung von Geldstrafen für Langzeitstudenten aus. Die Regelung soll vom Parlament blockiert werden, sodass sie zum 1. September nicht in Kraft treten könne.
Tief verschuldete Studenten
Die Oppositionsparteien ließen sich das nicht zweimal sagen. Sozialdemokraten, Grüne, Sozialisten und die linksliberale D66 waren ohnehin immer gegen die Strafe. Sie beriefen das Parlament zu einer Sondersitzung ein. Viele Langzeitstudenten atmeten auf. Doch sie wurden enttäuscht: Drei Tage lange debattierten die Politiker darüber, wie die durch Abschaffung der „Strafzahlungen“ drohende Finanzierungslücke von rund 400 Millionen Euro aufgefangen oder kompensiert werden könnte. Sie fanden keine Lösung.
So sieht es jetzt ganz danach aus, dass die Langzeitstudenten in Holland ab September zur Kasse gebeten werden. Viele der 77.000 Langzeitstudenten werden dadurch in große finanzielle Schwierigkeiten kommen. Denn wer in den Niederlanden die Regelstudienzeit überschreitet, dem wird ohnehin schon das staatliche Stipendium gestrichen. Dann müssen neue Kredite aufgenommen werden. Die gibt es zwar relativ zinsgünstig, aber der Schuldenberg wächst mit zunehmender Studiendauer immer mehr. Es ist keine Ausnahme mehr, dass so mancher niederländische Student am Ende eines sechsjährigen Studiums Schulden in Höhe von 40.000 Euro oder mehr hat.
Ironie an der Geschichte: Die meisten Politiker, die das Bußgeld für Langzeitstudenten forderten, sind früher selbst welche gewesen. Etwa CDA-Chef Sybrand van Haersma Bum: Er studierte sieben Jahre lang Jus – drei Jahre über die Regelstudienzeit. Heute würde ihn das 9000 Euro Strafe kosten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2012)
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