Wien. Lange waren konkrete Zahlen zur sogenannten Studienplatzfinanzierung ein gut gehütetes Geheimnis – vergangene Woche wurden die angepeilten Pro-Kopf-Beträge, die die Universitäten pro Student erhalten sollen, erstmals bekannt. Und die Kritik folgte postwendend: Die Studentenvertreter der ÖH warnen angesichts der zur Berechnung herangezogenen Studentenzahlen. Sie befürchten, dass die Regierung künftig nur noch Plätze für rund 164.000 Studierende zur Verfügung stellen will – und nicht für die derzeit inskribierten 300.000 Studierenden.
Die Kritik im Detail: Die Arbeitsgruppe von Uni-Ministerium und Rektoren, die das neue Finanzierungsmodell ausgearbeitet hat, hat sich in ihren Berechnungen zu den Betreuungsrelationen an der Zahl jener orientiert, die im Studienjahr 2009/10 als „prüfungsaktiv“ galten. Als „prüfungsaktiv“ gelten Studierende aber nur, wenn sie im abgelaufenen Studienjahr mindestens 16 ECTS-Punkte erworben oder positiv beurteilte Studienleistungen im Umfang von zumindest acht Semesterwochenstunden erbracht haben. Im nächsten Schritt stellten Ministerium und Rektoren diese Studentenzahlen der Anzahl der habilitierten Lehrenden gegenüber. Das Ergebnis bildet ab, inwieweit genügend Plätze vorhanden sind, in denen den international üblichen Betreuungsstandards entsprochen wird.
Das Problem: Von 300.000 Studierenden gelten derzeit eben nur die – zuvor genannten – 164.000 als „prüfungaktiv“. 136.000 Studierende wurden also gar nicht in die Berechnung der Uni-Kapazitäten einbezogen. „Das verfälscht die Zahlen dramatisch“, so ÖH-Chef Martin Schott (Fachschaftslisten FLÖ) im „Presse“-Gespräch.
WU: Bis zu 14.000 Plätze fehlen
Auch die Zahlen der Arbeitsgruppe selbst belegen das Missverhältnis. Sie hat die Unis einer Bestandsaufnahme unterzogen. Der Uni Wien fehlen – wenn man nur mit den „prüfungsaktiven“ Studenten rechnet – demnach derzeit 21.500 Studienplätze. Allein: Nur die Hälfte der an der Uni Wien Inskribierten gilt überhaupt als „prüfungsaktiv“. Um für alle Inskribierten gute Bedingungen zu schaffen, käme man mit 21.500 neuen Plätzen also bei Weitem nicht aus, kritisiert die ÖH. Ähnlich die Lage an der WU: Rechnet man mit allen belegten Studien, fehlen 14.000 Plätze. Das sind mehr als doppelt so viele, als sich aus der Rechnung mit nur „prüfungsaktiven“ Studenten (6.500) ergibt .
Die Gründe, warum Studierende nicht ausreichend Leistung erbrächten, um als „prüfungsaktiv“ zu gelten, seien „vielfältig und hausgemacht“, sagt Schott. Die Studierendensozialerhebung 2009 etwa habe ergeben, dass 60 Prozent der Studierenden mehr als 20 Stunden pro Woche arbeiten. Das Studium gerät da oft zwangsläufig ins Hintertreffen. Zusätzlich würden die Studieneingangsphase, Voraussetzungsketten im Studium und die Nichtberücksichtigung von Doppelstudien die Zahlen grob verfälschen.
Im Ministerium steht man zur Berechnungsmethode: „Wir haben ein Modell erarbeitet, das auf den Status quo und historisch gewachsene Realitäten Rücksicht nimmt“, sagt Elmar Pichl, stellvertretender Sektionsleiter im Ministerium und Mitglied der Arbeitsgruppe.
„Prüfungsaktive Studien sind eine Rechen- und Planungseinheit, die im österreichischen Modell den Studienplatz definiert.“ Davon sei die Kopfzahl der Studierenden zu unterscheiden. Ziel sei es, die Zahl der aktiven Studierenden zu erhöhen und die Zahl der Studienplätze mit guten Betreuungsqualitäten an die Zahl der Studierenden heranzuführen. Pichl: „Wir wollen nicht die Zahl der Studierenden auf die heutige Zahl der Prüfungsaktiven reduzieren.“
Die Studienplatzfinanzierung ist eine Pro-Kopf-Finanzierung. Die Unis würden künftig – vereinfacht gesagt – kein Globalbudget mehr, sondern einen Fixbetrag pro Student erhalten. Die Summe, die ein Student wert ist, differiert je nach Studienrichtung. Sie liegt im derzeitigen Arbeitskonzept zwischen 6300 und 29.500 Euro. ÖVP und SPÖ wollen sich noch im September einigen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2012)
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