Wiener neustadt/Red. An wohl keiner anderen Fachhochschule in Österreich wird man am Eingang vom Personal mit dem Gewehr in der Hand begrüßt. Bei diesem speziellen Studiengang ist das aber gar nicht verwunderlich. Denn in der Burg in Wiener Neustadt ist der Studiengang Militärische Führung untergebracht. Wenngleich der Studiengang im kommenden Jahr sein 15-jähriges Bestehen feiert, geht die Geschichte der Theresianischen Militärakademie noch viel weiter zurück. Im Jahr 1751 von Maria Theresia gegründet, ist sie die älteste Militärakademie der Welt. Das spürt man, sobald man das weitläufige Gebäude betritt. Kühle, verwinkelte Gänge mit Ölgemälden von Monarchen aus vergangenen Zeiten, eine Bibliothek mit gepolsterten Wänden und Kristalllustern. Dazwischen: junge und alte Männer in grüner Uniform.
Das traditionelle Ambiente soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Bachelorstudiengang Militärische Führung „eine moderne Ausbildung anbietet und sich in den vergangenen Jahren stetig weiterentwickelt hat“, wie Studiengangsleiter Brigadier Karl Pichlkastner erklärt. „Die Aufgaben des Heers sind im Zuge der internationalen Einsätze vielfältiger, komplexer und schwieriger geworden.“ Auf diesen Umstand müsse man auch in der Ausbildung für Truppenoffiziere – die in diesem Studiengang ausgebildet werden – reagieren. Aus diesem Grund lege man derzeit auch einen „absoluten Schwerpunkt auf Internationalisierung“, sagt Pichlkastner. Dabei sind seine Ziele ambitioniert. In den nächsten fünf bis zehn Jahren möchte er es schaffen, dass der Bachelorstudiengang in Englisch und Deutsch angeboten wird, die Hälfte der Hörer aus dem Ausland kommt und alle österreichischen Studierenden mindestens ein Semester im Ausland absolvieren.
Aber auch jetzt findet ein Austausch statt: Jedes Jahr werden Studierende unter anderem an die US-Militärakademie in West Point entsandt – und Studenten von dort kommen nach Wiener Neustadt. Das schätzen auch die Studierenden: „Wir lernen hier, über den Tellerrand hinauszublicken“, sagt etwa Stephan Lackner, der kurz vor dem Abschluss seines Bachelorstudiums steht. Ihm habe auch der „aristotelische Charakter“ – also die Auseinandersetzung mit Politik, Gesetzen, der Verfassung und dem Staat aber auch mit sozialwissenschaftlichen Themen – an der Ausbildung in der Militärakademie gefallen.
Ausstiegsmöglichkeiten schaffen
Eine vielseitige Ausbildung erachtet auch Brigadier Pichlkastner als zentral. Deshalb gibt es ein Semester, in dem vier Vertiefungsrichtungen angeboten werden, die ein anschließendes Masterstudium in dem Bereich ermöglichen. Darunter: Politikwissenschaft, Bildungswissenschaften und Wirtschaftswissenschaft. Denn einer Sache ist sich Pichlkastner sicher: „Es braucht auch Ausstiegsmöglichkeiten aus dem Bundesheer.“ Auch wenn den Absolventen des Studiengangs Militärische Führung danach ein Job sicher ist – irgendwann würden auch sie ein Alter erreichen, in dem sie dem Heer nicht mehr dienlich sind.
Eine Jobgarantie ist übrigens nicht der einzige Unterschied zu anderen FH-Studien: Die Studierenden müssen sich keine Gedanken über Studiengebühren machen. Wer hier studiert, der erhält 1.900 Euro monatlich und kann auf dem Gelände wohnen. Im Gegenzug existiere das „stereotype Studentenleben“ an der Militärakademie aber nicht, erklärt Student Lackner. Mit 50 bis 60 Wochenstunden ist das Studium äußerst zeitintensiv und statt Sommerferien hat man hier fünf Wochen Urlaub.
Die Militärakademie Wiener Neustadt bietet den Fachhochschulstudiengang Militärische Führung an. Zugelassen wird, wer das Freiwilligenjahr beim Bundesheer absolviert sowie die Aufnahmeprüfung bestanden hat. Auch Zivilisten steht das Studium offen. Sie werden allerdings nicht entlohnt. Für alle anderen gibt es 1900 Euro Gehalt im Monat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2012)
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