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"Der Budget-Wettbewerb kennt nicht nur Sieger"

16.09.2012 | 18:23 |  von MArtina LEingruber und Christoph Schwarz (Die Presse)

Uni-Graz-Chefin Christa Neuper und TU-Graz-Chef Harald Kainz fordern vom Ministerium, ihre Kooperation zu honorieren: Sie seien damit effizienter als Einzeluniversitäten.

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Die Presse: Das Uni-Ministerium verlangt von den Unis künftig noch mehr Kooperation. Ihre beiden Unis gelten mit dem „Nawi Graz“ als Vorreiter. Ein Evaluierungsbericht sprach Ihnen zuletzt großes Lob aus – einen einzigen Kritikpunkt gibt es: In der Forschung müssten Sie noch stärker kooperieren. Provokant könnte ich formulieren: „Nawi Graz“ spart Kosten in der Lehre, wirklich innovativ ist man nicht.

Harald Kainz:„Nawi Graz“ ist ein einzigartiges sowie national und international viel beachtetes Kooperationsmodell.

Christa Neuper: Das Ziel war von Anfang an, in der Lehre die Qualität zu steigern und Doppelgleisigkeiten abzubauen. Und das ist gelungen. Wir haben mittlerweile 18 gemeinsame Studien. Im nächsten Schritt werden wir die Kooperationen in der Forschung ausbauen, 2013 folgt etwa die Physik. Es war nie primäres Ziel des „Nawi Graz“, Kosten einzusparen. Im Mittelpunkt standen immer die Erweiterung und Verbesserung des Studienangebots.

Wenn die Politik über Kooperationen spricht, sind Einsparungen immer ein Faktor. Investieren Sie noch in „Nawi Graz“ – oder profitieren Sie mittlerweile auch finanziell?

Kainz: Das Ministerium hat „Nawi Graz“ mit zusätzlichen Mitteln ausgestattet, wir haben das Geld gut investiert. Etwa in Infrastruktur und in den Studienbetrieb, aber auch in Professorenstellen, die abgestimmt an beiden Unis geschaffen wurden. Auch für Forschung bündeln wir die Mittel. Wir haben zwei gemeinsame Central Labs eingerichtet. Jetzt müssen wir kämpfen, dass wir auch in den nächsten Jahren Geld bekommen. Dafür müssen wir mit Leistung überzeugen.

Ein Teil des Uni-Budgets für die Jahre 2013 bis 2015 wird vom Ministerium leistungsbezogen vergeben. Wo sehen Sie denn die messbaren Leistungen Ihrer Kooperation?

Kainz: Die Sichtbarkeit des Standorts hat sich in den Naturwissenschaften international deutlich erhöht. Das sehe ich als ganz wichtige Leistung.

Die laufenden Budgetverhandlungen zwischen Ministerium und Unis sind vor allem auch ein Verteilungskampf zwischen den Rektoren. Fürchten Sie, dass das „Nawi Graz“ Schaden erleidet, wenn die Grazer Unis nicht mehr Geld bekommen?

Neuper: Ich hoffe, das Ministerium setzt Signale, damit Kooperationen wie unsere auch entsprechend unterstützt werden. Wir erfüllen eines der zentralen Ziele der Hochschulpolitik: Wir erhöhen die Zahl der Studierenden und Absolventen in naturwissenschaftlichen Fächern. Im Verbund kann man das kostengünstiger machen.

Kainz: Unsere budgetäre Situation ist nicht einfach. Dadurch, dass wir immer mehr – und in manchen Bereichen zu viele – Studierende haben, müssen wir immer mehr Leistung bringen. Das funktioniert nur durch Effizienzsteigerung. Und diese muss vom Minister auch honoriert werden.

 

Wie konkret wollen Sie den Minister überzeugen?

Neuper: Ein wesentlicher Faktor ist, dass man nachweisen kann, dass man Großgeräte wirklich auslastet und dass Forscher die Ressourcen gemeinsam nutzen. Labors sollten nicht leer stehen. Und das ist bei „Nawi Graz“ sicher nie der Fall.
Kainz: Wir werden mit spannenden Projekten überzeugen. Am Ende des Jahres werden wir sehen, wie das ausgeht. Zur Wissenschaft gehört Wettbewerb. Und Wettbewerb kennt nicht nur Sieger. Dem müssen wir uns stellen.

 

Nicht nur Sie, sondern alle Unis hätten gerne mehr Budget. Irgendjemand muss diesen Wettstreit verlieren. Bei welchen Institutionen, denken Sie, könnte das Ministerium einsparen?

Neuper: Wir müssen als Rektoren schauen, dass wir unser Haus entsprechend vertreten. Das werden auch die anderen Rektoren versuchen. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass die Studierendenzahlen an der Uni Graz in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen sind. Wir hatten im Jahr 2004 zirka 21.000 Studierende, jetzt liegen wir bei rund 30.000 Studierenden. Die Budgetentwicklung konnte diesem Trend jedoch nie Rechnung tragen. Wir würden diese Studentenzahlen gerne halten, aber das geht definitiv nicht ohne zusätzliches Budget.

 

Werden wir konkreter: Wie viel Geld brauchen Sie zusätzlich?

Neuper: Wenn wir uns an das Konzept einer kapazitätenorientierten Universitätenfinanzierung (Studienplatzfinanzierung, Anm.) halten, würden wir jährlich 30 Millionen Euro mehr brauchen. Letztendlich geht es mir darum, Betreuungsrelationen zu schaffen, die die Qualität unseres Angebots garantieren. Und das geht meiner Meinung nach nur mit einem geregelten Zugang in einzelnen Bereichen.

Kainz: Wir wollen unseren Studierenden nicht nur faire, sondern gute Bedingungen bieten. An der TU Graz zählen wir rund 50 Prozent mehr Studierende als noch vor wenigen Jahren, die Ressourcen haben sich nicht im selben Ausmaß entwickelt. Beschränkte Ressourcen und unbeschränkter Zugang – das verträgt sich nicht, hier braucht es Lösungen im Sinne aller Beteiligten.

 

In welchen Fächern wünschen Sie sich Beschränkungen?

Neuper: All jene Fächer, in denen wir derzeit weit über den international üblichen Betreuungsverhältnissen liegen. Das sind die Wirtschaftswissenschaften, Erziehungswissenschaften, aber auch die Molekularbiologie und die Pharmazie. Dort können wir aufgrund der beschränkten Laborkapazitäten nicht unendlich viele Plätze vergeben. Man muss sich daher endlich die Frage stellen: In welchen Bereichen will ich mehr Absolventen? Dann muss man dort investieren.

Kainz:Übersteigt der Zulauf die Kapazitäten deutlich, dann hat man zwei Möglichkeiten: die Ressourcen erhöhen oder über Begrenzungen nachdenken. An der TU Graz diskutieren wir das derzeit für die Bereiche Architektur und Informatik.

Das Konzept zur Studienplatzfinanzierung sieht vor, dass jede Uni für einen Studenten eines wirtschaftswissenschaftlichen Fachs künftig bis zu 6300 Euro erhält. Wären Sie für die Uni Graz damit zufrieden?

Neuper: Ergänzend dazu brauchen die Universitäten auch Rahmenbedingungen, um die entsprechende Betreuung zu gewährleisten.

 

Für Informatik gäbe es 8800 Euro pro Student, für Maschinenbau wären es bis zu 11.400 Euro. Ausreichend für die TU Graz?

Kainz: Studienplatzfinanzierung ist ein wichtiger Schritt. Über das gesamte neue Finanzierungsmodell für Forschung und Lehre inklusive der Beträge pro prüfungsaktivem Studierenden müssen wir noch viele Gespräche führen.

Zu den Personen

Christa Neuper (54) ist seit April 2011 Rektorin der Uni Graz. Die Neurobiologin ist die erste Frau in dieser Funktion. Harald Kainz (54) steht der TU Graz seit Oktober 2011 als Rektor vor. Zuvor war der Experte für Wasserwirtschaft Vizerektor für Infrastruktur an der TU.

Vorzeigeprojekt. Das „Nawi Graz“ ist eine Kooperation der naturwissenschaftlichen Fakultäten der Uni Graz und der TU Graz. Die Drittmittel für „Nawi Graz“ haben sich seit 2006 auf 26,6 Millionen Euro im Jahr 2011 mehr als verdoppelt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2012)

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