Sich neben dem Studium eine bezahlte Tätigkeit zu suchen, die zeitlich und inhaltlich dazu passt, ist alles andere als leicht. Außer natürlich, man wird Tutor - und macht dafür grobe Abstriche in Sachen Lohnvorstellung. Von vielleicht 200 bis 300 Euro - je nach Art und Ausmaß der Tätigkeit - im Semester kann man eher von Aufwandsentschädigung reden. Trotzdem: Jüngere Kommilitonen auf ihrem Weg durch die Uni zu unterstützen, interessiert die älteren zunehmend.
Betreuungsqualität erhöhen
„Das Lehrtutorienprogramm wurde an der WU erstmals 2007 ins Leben gerufen, um Lehrende und Studierende in Lehrveranstaltungen und Studienprogrammen zu unterstützen. Der ausschließliche Einsatz von Lehr-/Lerntutorien - und nicht wie bis dahin üblich von administrativ-organisatorischen Assistenten - sollte die WU in ihren Qualitätsbemühungen in der Lehre und dem Ausgleich der vielfach problematischen Betreuungsverhältnisse unterstützen", erläutert Oliver Vettori, WU-Direktor für Programm- und Qualitätsmanagement. Dezidiert nicht vorgesehen sei die Übernahme allgemein administrativer Aufgaben oder die Unterstützung von Forschungsprojekten. „Zur Erreichung der Ziele in den Bachelor- und Masterprogrammen gibt es drei verschiedene Arten von Lehrtutorien: Betreuungs-, Lehrentwicklungs- und Mentoringtutorien. Diese unterscheiden sich sowohl in den Aufgaben der Tutoren als auch im Stundenausmaß der Anstellung", so Vettori.
Während Betreuungstutoren in betreuungsintensiven Lehrveranstaltungen - also solchen mit hohem Studierendenandrang und wenig Parallelangeboten - ausschließlich zur Lernunterstützung für die Studierenden eingesetzt werden, etwa im Rahmen der Betreuung von Lern-, Arbeits- und Projektgruppen (innerhalb und außerhalb der vereinbarten Plenarzeiten) und der Durchführung von vertiefenden Übungseinheiten, sollen Lehrentwicklungstutorien Impulse setzen, die der qualitativen Weiterentwicklung der Lehre dienen.
Mentoring für Erstsemestrige
Mentoringtutoren wiederum sind inhaltlich nicht an einzelne Lehrveranstaltungen gebunden und betreuen an der WU jeweils bis zu zehn Mentees. Das Mentorenprogramm erleichtert Erstsemestrigen den Start und unterstützt Studierende bei der Bewältigung des Studiums. Die Mentoringtutoren sind dabei die erste persönliche Anlaufstelle für Fragen aller Art, leisten fachliche Unterstützung bei der Prüfungsvorbereitung, leiten Studierende zur Selbstorganisation bzw. Zeiteinteilung oder fördern die Bildung von Lerngruppen.
Hemmschwellen abbauen
Anleiten, helfen, für Fragen zur Verfügung stehen und vordefinierte Lehrtätigkeiten erfüllen lauten auch die Anforderungen an Tutoren an der Medizinischen Universität Wien. „Es geht darum, dass erfahrene Studierende jüngere Kollegen unterstützen. In der Regel werden für diese Aufgabe die besten und engagiertesten Studierenden ausgesucht. So ergeben sich gravierende Vorteile im Unterricht. Nicht zuletzt dadurch, dass etwa die Hemmschwelle für junge Studierende herabgesetzt wird, wenn sie sich mit manchen Fragen nicht an Professoren, sondern an Tutoren wenden können", erklärt Franz Kainberger, Mitglied der Curriculumsdirektion an der Med-Uni Wien, der sich einen Lehrbetrieb ohne Tutoren nicht mehr vorstellen kann. Seit einigen Jahren sind Tutoren nicht mehr nur traditionell in der Anatomie im Einsatz, sondern auch in späteren Semestern in allen klinischen Fächern. Eine außergewöhnliche Initiative stellt dabei das Projekt Sono4you im Bereich der Ultraschalldiagnostik dar, das 2007 von Studierenden selbst initiiert wurde und bei dem Lehrende nur noch als begleitende Mentoren zur Seite stehen. „Wir halten pro Semester rund 180 Kurse ab, vertiefen im Rahmen dieses Peerteaching-Konzepts Fähigkeiten und festigen Wissen", weiß Alexander Sachs, selbst Tutor und mittlerweile studentischer Leiter des Projekts. Als solcher ist ihm auch an der Fortbildung der Tutoren gelegen: „Wir halten wöchentlich Treffen ab. Einige Tutoren sind sogar auf Kongressen unterwegs, um den wissenschaftlichen Standard möglichst hoch zu halten."
Soft-Skills-Training
Dass betreute Studierende vom Tutorenkonzept begünstigt werden, liegt laut Experten auf der Hand. „Sie erhalten die Möglichkeit, den Stoff zu diskutieren, bekommen zusätzliche Übungsmöglichkeiten geboten und werden von Studierenden, die ihnen auch altersmäßig näher sind, an die Universität herangeführt. So erleben sie die Uni vor allem am Studienbeginn noch einmal von einer ganz anderen Seite, als das in den Großlehrveranstaltungen sonst üblich ist", so Vettori, der zugleich betont, dass auch Tutoren von ihrer Rolle profitieren. „Sie setzen sich noch einmal intensiver mit dem Lernstoff in den jeweiligen Fächern auseinander und erweitern dabei als Erklärende das eigene Verständnis enorm. Zudem werden auch wichtige interpersonale Fähigkeiten geschult, denn die Rolle verlangt den Tutoren auch kommunikativ und sozial einiges ab."
Wissenschaftliche Einblicke
Außerdem sei es für viele Tutoren auch eine gute Gelegenheit, ein bisschen tiefer in den wissenschaftlichen Betrieb hineinzuschnuppern. „Viele wissenschaftliche Mitarbeiter an der WU haben als Tutoren angefangen", weiß Vettori. Kainberger bestätigt: „Für engagierte Studierende, die als Tutoren arbeiten, steht das Tor zu einer späteren bemerkenswerten Karriere besonders weit offen."
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