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Ghostwriter: "Ein bis zwei Arbeiten pro Woche"

30.09.2012 | 18:29 |  ROSA SCHMIDT-VIERTHALER (Die Presse)

Dass seine Texte "zum Betrug genutzt werden könnten" findet Thomas Nemet, Leiter einer Ghostwriting-Agentur, nicht verwerflich. Ein "Presse"-Interview.

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Die Presse: Sie sind Geschäftsführer einer Agentur, die „akademisches Ghostwriting“ anbietet. Seit 2011 haben Sie auch eine Filiale in Salzburg. Was genau bestellen Ihre Kunden?

Thomas Nemet: Unsere Kunden bestellen wissenschaftliche Arbeiten mit fünf bis 200 Seiten Länge.

 

Was sagen Sie jemandem, der bei Ihnen seine Dissertation bestellen will?

Eine Dissertation bei uns zu bestellen ist formalgesetzlich nicht möglich (siehe auch Factbox). Sie können uns aber dazu beauftragen, eine wissenschaftliche Arbeit im Umfang von 200 Seiten zu fertigen. Das machen wir dann gern.

 

Wie viele Arbeiten werden fürÖsterreich in etwa verfasst?

Die meisten Aufträge kommen natürlich aus Deutschland. Aber ich würde sagen, dass wir ein bis zwei Arbeiten pro Woche aus dem österreichischen Raum haben.

 

Sie haben selbst einen Doktortitel. Haben Sie bei Ihrer Dissertation eine solche Art von „Hilfe“ beansprucht?

Nein, meine Dissertation habe ich selbst geschrieben.

 

Ist diese Frage für Sie ein Angriff?

Ja, wenn Sie mich so fragen, schon. Ein Ghostwriter kann ja keinen Ghostwriter in Anspruch nehmen, wo kämen wir denn da hin?(lacht)

 

Empfinden Sie Ihren Job eigentlich als moralisch verwerflich?

Moral ist immer abhängig von der Geschichte und der Gesellschaft. Das Hexenverbrennen war auch einmal ein Volksfest, um es profan zu formulieren. Wenn irgendwelche Leute meinen, sie müssten Ghostwriting verteufeln, dann ist das deren Sache. Ich fühle mich mit meinem Job glücklich.

 

Aber Sie wissen, dass Ihre Produkte zum Betrug genutzt werden. Kommt Ihnen das nicht falsch vor?

Zum Betrug genutzt werden könnten. Und nein, das kommt mir im Prinzip nicht falsch vor. Ansonsten müssten Sie ja beispielsweise auch die Waffenhersteller verteufeln. Deren Produkte können auch falsch eingesetzt werden. Ich gehe davon aus, dass mein Produkt grundsätzlich ungefährlich ist.

 

Der Deutsche Hochschulverband will einen Strafbestand für Wissenschaftsbetrug – mit Strafen bis hin zu einer Haft. Fürchten Sie sich davor?

Ich fürchte mich nicht, ein solcher Tatbestand ist völlig unrealistisch. Die jetzigen Ahndungsmöglichkeiten reichen meines Erachtens aus. Man muss sie nur anwenden.

 

Die Agentur für Wissenschaftliche Integrität in Österreich sagt, von Ghostwritern verfasste Arbeiten seien mittlerweile ein „massives Problem“.

Die Aussage ist einmal grundsätzlich falsch. Was ist ein massives Problem? Wenn ein Prozent der Studenten schummelt, sei es durch Ghostwriting oder Abschreiben bei Kommilitonen? Was hat sich da im Vergleich zu früher geändert?

Studien zufolge schummeln vier von fünf Studenten. Das klingt doch nach einem größeren Problem.

Gut, aber das muss man nicht bei den Ghostwritern suchen, sondern bei den Hochschulen. Dann müssen Wissenschaft und Lehre eben so gut arbeiten, dass niemand mehr schummeln muss.

 

Sie sehen das als Fehler der Unis?

Wir hatten einmal einen Medizinstudenten, der alle Forschungsergebnisse fix und fertig hatte – aber er wusste nicht, wie er eine wissenschaftliche Arbeit verfassen sollte. Wenn den Leuten beim Studium nicht einmal das Minimum an wissenschaftlichen Arbeitstechniken beigebracht wird, woher sollen sie es denn dann bitte können?

 

Wie viel kostet eine 200-seitige Arbeit?

Das lässt sich nicht grundsätzlich beantworten, der Preis ist vom Themenschwerpunkt, vom Aufwand etc. abhängig. Sie können aber zwischen 15.000 und 50.000 Euro investieren. Bei einer 100-seitigen Arbeit können Sie je nach Aufwand von 6000 bis 10.000 Euro ausgehen.

 

Was sagen Sie eigentlich zum Fall Karl-Theodor von Guttenberg – es wurde ja gemunkelt, er habe seine Plagiatsdissertation gar nicht selbst verfasst.

Ob Guttenberg einen Ghostwriter gehabt hat, oder ob er seine Arbeit selbst verfasst hat, ist nicht klar. Allerdings: So schlecht darf man als Ghostwriter eigentlich gar nicht arbeiten. Wenn, dann war da ein Stümper am Werk.

Zur Person

Thomas Nemet (42) gründete nach dem Philosophiestudium die Ghostwriting-Agentur Acad Write mit Filialen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Der Deutsche bietet dort wissenschaftliche Texte für alle Fachbereiche an. Der Kunde unterschreibt allerdings, dass er das Werk nicht unter dem eigenen Namen veröffentlicht und dass bei Zuwiderhandeln juristische Konsequenzen folgen können. [privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2012)

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8 Kommentare
Gast: Tornado
02.10.2012 13:02
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das beginnt schon in der AHS und BHS

Wenn Eltern ihren AHS Kids die vorwissenschaftliche Arbeit schreiben - wie soll man das nennen?

Wenn das technische Niveau der BHS laufend sinkt aber der Lehrer Aufgaben stellt, deren Lösung man nicht im Web findet - dann muss der TU Student helfen.

Ürigens: Die Ghostwriter sind im technisch-wissenschaftlichen Bereich völlig überfordert. Man braucht als LehrerIn ja nur stets die neuesten Technologien/Plattformen einfordern. Die ändern sich alle 6 Monate, da findet der Ghostwriter nichts in seiner Schublade.

Blöd halt für den Lehrer - der muss selbst am Laufenden sein.

fake

jetzt kann man mich für naiv halten oder was auch immer - aber dieses Interview ist meiner Meinung ein Fake - es ist mir völlig unvorstellbar, wie sowas funktionieren soll - ich brauch für eine Arbeit durchschnittlich vier Jahre - d.h. Idee - Projekteinreichung - Arbeit in der Gruppe zur Datengewinnung - Analyse - Schreiben. Bedeutet natürlich nicht, dass mann nicht parallel mehrere Arbeiten verfasst - das Ganze kann in meiner Vorstellungswelt insofern auch nicht sein, da es in meiner Welt keine Einzelautoren-Arbeit gibt.

Re: fake

Also im Bereich der Geisteswissenschaften ist das völlig realistisch! Als ich Student der Germanistik war, hatten wir für ein Proseminar 20 Werke zu lesen, was ich tat und auf die Prüfung erhielt ich eine 3. Meiner Bekannten in der selben Lehrveranstaltung war das viel zu viel, sie lernte halt die Zusammenfassung der Handlungen aus den Literaturlexikon auswendig und erhielt ein Sehr gut.

Re: fake

er hat eine agentur und macht nicht alles alleine. außerdem gibt es nicht nur empirische arbeiten, sondern auch theoretische. fast jede uni-arbeit ist eine wissenschaftliche arbeit: bachelor arbeit, master arbeit, hausarbeiten etc. und für die hat man ca. 3 monate zeit. also wieso sollte das nicht stimmen? vier jahre dauert ein sehr umfangreiches forschungsprojekt.

Re: Re: fake

aber ich kenne doch auch die Arbeit die meine Diplomanden machen - ich könnte mir nie vorstellen, dass die mir was unterschieben, wo die Daten einfach erfunden sind.

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Re: Re: Re: fake

Ein Institut an der WU betreut schnell einmal 50 Masterarbeiten, mehrere Dissertationen und über hundert Bachelorarbeiten gleichzeitig. Da werden die einzelnen Arbeiten an die wissenschaftlichen Mitarbeiter abgeschoben, die das Ding während der gesamten Entstehungszeit nicht mehr als 3-4 Mal überhaupt aufschlagen und bestenfalls 2 Mal grob überfliegen. Plagiate kriegt da keiner mit. Wenn einen die Software nicht erwischt und man sich halbwegs geschickt anstellt (was von einer solchen Agentur zu erwarten ist), fällt das im Leben niemandem auf, dass man das nicht selbst verfasst hat.

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Re: Re: Re: Re: fake

Wenn der Ghostwriter etwas taugt, KANN die Plagiatssoftware nichts finden. Allerhöchstens könnte dem Betreuer auffallen, dass ein ansonsten nicht so heller Student plötzlich eine glänzende Arbeit abliefert, mit deren Inhalt er sich selbst nicht auskennt. Bei den derzeit herrschenden Betreuungsverhältnissen an den Universitäten ist das jedoch so gut wie ausgeschlossen.

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Re: Re: Re: Re: Re: fake

Der Inhalt einer Bachelor- oder Masterarbeit wird praktisch nie überprüft, es gibt meist auch keine Defensio wie bei der Diss. Der Betreuer überfliegt Inhaltsverzeichnis, Einleitung, Zusammenfassung und Schlusswort und schaut sich vielleicht noch kurz die Dateninterpretation an, wenn es um eine empirische Arbeit geht. Nachfragen wäre ein zeitlicher Aufwand, der für die meisten gar nicht drin ist, die werden sowieso nur halbzeit bezahlt und sind mehr als vollzeit eingespannt.

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