Die Presse: Eine Ihrer Thesen ist, dass der Innovationswettbewerb eine zentrale Herausforderung für die Unis darstellt. Befürchten Sie tatsächlich, dass die Unis sterben könnten, wenn sie sich nicht ändern?
Andreas Pinkwart: Die Universitäten sind Schrittmacher für Innovation. Vorausgesetzt, sie werden ihrer Gestaltungsaufgabe in Forschung und Lehre gerecht und transferieren ihre Erkenntnisse in Wirtschaft und Gesellschaft. Tun sie das nicht, werden sie unter Druck kommen.
Setzen derzeit noch die Unis die Akzente, oder werden sie von der Wirtschaft bereits vor sich her getrieben?
Es gibt Unis, die sind in einer „Treiberfunktion“, weil sie sich richtig positioniert und auf die neuen Herausforderungen eingestellt haben. Dann gibt es andere, die passiv auf Dinge reagieren. Unis, die so agieren, werden es künftig schwer haben und womöglich scheitern. Dasselbe gilt für Unternehmen. Doch die Zahl der Unis, die sich innovativ und unternehmerisch orientieren, steigt ständig.
Hat die Humboldt'sche Idee demnach ausgedient?
Wer die Uni als Elfenbeinturm begreift, hat Humboldt nie verstanden. Unis hingegen, die sich neben Forschung und Lehre auch dem Transfer widmen – und zwar im Sinne einer anwendungsorientierten Grundlagenforschung – übertragen den Humboldt'schen Gedanken forschenden Lernens auf die Anforderungen der Wissenschaftsgesellschaft.
Haben Sie keine Angst, dass die Unis schon bald zu sehr von der Wirtschaft abhängig sein könnten?
Nein. Für eine gute Industrieforschung, also die produktorientierten Anwendungsforschung, bedarf es einer soliden Grundlagenforschung wie auch einer leistungsfähigen angewandten Grundlagenforschung. Diese drei Ebenen greifen wie Zahnräder in einem dynamischen Forschungsgetriebe ineinander. Unternehmen wie Unis spielen hier ihren eigenen Part.
Für die Unis könnten Auftragsforschungen zum lukrativen Geschäft werden. Das trifft wahrscheinlich eher auf technische und nicht auf sozialwissenschaftliche Bereiche zu.
Geistes- und Sozialwissenschaften haben eine enorme Bedeutung für die Weiterentwicklung der Wissenschaftsgesellschaft. In einer so komplexen und schnelllebigen Zeit wie der heutigen bedarf es dringend der kritischen Reflexion. Nehmen wir die Finanzkrise als Beispiel. Selten zuvor wurden Fragen nach der Ethik des ökonomischen Handelns und der Bedeutung von Vertrauen an den Unis so intensiv behandelt wie heute.
Das sagen Sie als Rektor, aber glauben Sie, dass dieses Denken auch in der Wirtschaft verhaftet ist?
Ja. Ich sehe eine hohe Bereitschaft der Wirtschaft, sich für die Geisteswissenschaften zu engagieren.
Sie glauben, dass auch die Sozialwissenschaften genügend Drittmittel anwerben könnten?
Ja. Man darf sich nicht von absoluten Zahlen allein leiten lassen. Medizin, Natur- und Ingenieurwissenschaften erfordern aufgrund ihrer aufwendigen Forschungsmethoden einen höheren finanziellen Aufwand. Setzt man die eingeworbenen Drittmittel in Relation zum Forschungsaufwand, dann haben die Geistes- und Sozialwissenschaften enorm aufgeholt.
Die Fachhochschulen sagen klar, dass ihre Absolventen „job ready“ sein müssen. Inwieweit sollte das auch auf Uni-Absolventen zutreffen?
Auch zur Zeit Humboldts wurden die meisten Studenten nicht für die Wissenschaft ausgebildet, sondern um danach verantwortungsvolle Aufgaben etwa als Geistliche, Lehrer oder Beamte wahrzunehmen. Das ist im übertragenen Sinne auch heute noch eine wichtige Aufgabenstellung der Uni. Absolventen werden darauf vorbereitet, in unsicheren und komplexen Situationen, sei es als Chirurg, Architekt, Ingenieur oder Richter, verantwortlich zu handeln. Daher müssen wir in fundierte Analyse- und Entscheidungsfähigkeit investieren.
Zum Thema Studienplatzfinanzierung: Ist es sinnvoll, die Wirtschaft bei der Definition von Kapazitäten miteinzubeziehen?
Man muss darauf achten, dass die Qualifikationen, die für die Wirtschaft in Zukunft wichtig sein könnten, berücksichtigt werden. Denken wir zurück: Wir waren in Europa etwa nicht ausreichend auf den wachsenden Bedarf an Informatikern eingestellt. Dies hat die Erneuerungsfähigkeit unserer Wirtschaft gehemmt.
Und wieder sind wir beim Diktat der Wirtschaft.
Ein solches kann es gar nicht geben. Es ist vielmehr vornehmste Aufgabe des Staates als Hauptträger der Unis, für eine ausgewogene Fächerstruktur zu sorgen. Außerdem: Nicht alles, was sich im Moment als gut für die Wirtschaft erweist, ist auch auf Dauer nützlich. Die Praxis weiß, dass sie über den Tellerrand hinausschauen muss, um nicht betriebsblind zu werden. Die Zusammenarbeit mit autonomen Hochschulen ist die Eintrittskarte dafür.
Welche Unis werden sich in den nächsten Jahren profilieren können?
Das werden jene sein, die ihre Fenster und Türen zur Gesellschaft und Wirtschaft regional wie global offenhalten und die produktive Unruhe in neue Fragen und Erkenntnisse umwandeln. Die Top-Unis der Welt machen uns dies schon seit Jahren erfolgreich vor.
Andreas Pinkwart (52) ist Rektor der Handelshochschule Leipzig. Er war von 2003 bis 2011 stellvertretender FDP-Chef. Von 2005 bis 2010 war Andreas Pinkwart Minister für Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie in Nordrhein-Westfalen. Das Postgraduate Center der Uni Wien lud ihn vergangene Woche als Gastredner ein. [AP]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2012)
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