[Wien] An finanzielle Hiobsbotschaften aus der Technischen Universität Wien hat man sich mittlerweile beinahe gewöhnt. Aber eben nur beinahe. Jetzt hat das Rektorat der TU, die seit dem Jahr 2010 negativ bilanziert, die Sparmaßnahmen weiter verschärft. Betroffen von dem Paket sind in erster Linie die Lehrenden: Sie erhalten seit diesem Semester keine Prüfungstaxen – also Zahlungen für abgenommene Prüfungen – mehr. Auch für die Begutachtung wissenschaftlicher Arbeiten gibt es kein Geld mehr. Das belegt ein internes E-Mail an alle Lehrenden, das der „Presse“ vorliegt.
Der Schritt sei „notwendig, um einen weiteren Personalabbau zu verhindern“, lautet die Argumentation des Rektorats. Und, etwas lapidar: „Die Zahlung bzw. Nichtzahlung von Prüfungsentschädigungen wird häufig als Achtung bzw. Nichtachtung des Einsatzes in der Lehre interpretiert. Wir möchten [. . .] betonen, dass dieser Schritt primär finanziell begründet und unabhängig vom Stellenwert der Lehre in diesem Haus zu sehen ist.“
Rektorat muss Löcher stopfen
Den Lehrenden bringt das wenig. Die Verärgerung ist groß. War doch die Entlohnung schon bisher nicht eben üppig. Je neun Euro gab es für bis zu 100 abgenommene Prüfungen, ab der 101. Prüfung lag der Satz bei sieben Euro, ab der 201. Prüfung bei nur noch fünf Euro. Wirkte ein Assistent bei der Prüfung mit, dann musste die Taxe geteilt werden. Für die gesamte Betreuung einer Diplom- oder Masterarbeit gab es gar nur 110 Euro.
Rektorin Sabine Seidler verteidigt die Maßnahme im „Presse“-Gespräch: Die Taxen seien nicht gesetzlich geregelt sondern eine freiwillige Leistung der Universität – eine, die viele andere österreichische Unis übrigens schon seit Langem eingestellt hätten. An der TU Wien hätten diese Zahlungen jährlich rund 750.000 Euro ausgemacht, eine Summe, die rund 150 Prädoc-Stellen entspreche. Ersetzt werden sollen die Taxen durch ein „Preisgeld“ in der Höhe von 10.000 Euro pro Fakultät und Jahr, mit dem „hervorragende Leistungen“ in der Lehre gewürdigt werden sollen. Und weiter: Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen sei es nur unter großen Anstrengungen möglich, das Minus zumindest konstant zu halten. „Um die Finanzlage in den Griff zu kriegen, brauchen wir einen gemeinsamen Kraftakt“, heißt es im Rektorat.
Die Finanzlage der TU ist mehr als klamm: Im Jahr 2010 bilanzierte die Uni als erste in Österreich negativ – sie fuhr ein sattes Minus von 18,8 Millionen Euro ein. Der Jahresabschluss 2011 weist ein Minus von 3,3 Millionen Euro aus. Wie schlecht es um die TU steht, zeigt sich auch an den nötigen Budgetumschichtungen. TU-Wissenschaftler beklagen, dass von ihnen eingeworbene Drittmittel vom Rektorat abgezogen würden, um etwa überhaupt noch die ausständigen Gebäudemieten an die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) begleichen zu können. Rektorin Sabine Seidler bestätigt gegenüber der „Presse“ das sogenannte „cash pooling“. Allerdings werde dabei „nicht einzelnen Uni-Instituten etwas weggenommen und später zurückgegeben“, sondern die Universität nutze das insgesamt vorhandene Drittmittelguthaben zur Aufrechterhaltung der Liquidität.
Und das sei bei Weitem weniger problematisch als wahrgenommen, wie Seidler erklärt: In der Vergangenheit hätten die Institute solche mittelfristig nicht benötigten Mittel anderswo veranlagt – nun sei der Nutznießer eben die TU selbst. Selbstverständlich müsse darauf geachtet werden, dass die Reserven deutlich größer seien, als die abgezogenen Mittel. Derzeit handle es sich bei dem ausgeborgten Geld um die erwähnten rund 20 Millionen Euro. Die Institute bekämen monatlich anteilige Zinsen und die Garantie, dass das Geld bei Bedarf immer zur Verfügung stehe.
Technische Unis warnen Töchterle
Als letzte Hoffnung bleiben nun die Budgetverhandlungen mit Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (ÖVP). Die drei technischen Universitäten in Österreich (TU Wien, TU Graz, Montanuni Leoben) haben das Budgetangebot des Ministeriums am Freitag allerdings als „katastrophal“ bezeichnet. Der Aufwand in der Technik würde überproportional stark ansteigen – mit den Budgets lasse sich nicht einmal der Iststand finanzieren. Und: Der wiederholte Ruf nach mehr Studierenden in Mint-Fächern sei im Angebot des Ministeriums absolut nicht abgebildet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2012)
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