Innsbruck. Die Tiroler Uni-Szene kommt nicht zur Ruhe. Nicht nur das interne Arbeitspapier, das eine Fusion von Uni und Med-Uni nahelegt („Die Presse“ berichtete exklusiv), sorgt für Verärgerung. Durch den unerwarteten Abgang von Medizin-Uni-Chef Herbert Lochs, der bei der Kandidatensuche zur Rektorswahl nicht berücksichtigt wurde, werden die Karten nun neu gemischt. Welche Allianzen aber gibt es? Und wie wird es weitergehen?
1 Worüber genau wird eigentlich gestritten?
Diskutiert wird, wie die Unis noch effizienter zusammenarbeiten können. Die Konzepte reichen dabei von einer vertieften (aber freiwilligen) Kooperation in naturwissenschaftlichen Bereichen über die sogenannte strategische Allianz (mit einem Kooperationsgremium, das verbindliche Entscheidungen treffen kann) bis zur kompletten Fusion der Unis unter einem Rat und einem Rektorat. Im letztgenannten Fall gibt es mehrere mögliche Modelle: Im Zentrum steht die Frage, wie groß die interne Selbstbestimmung der (dann) Medizinfakultät im Falle einer Fusion noch wäre – etwa in budgetärer Hinsicht. So viel zum Vordergründigen. In Wahrheit geht es vor allem auch um Reputation, Eitelkeiten und Macht.
2 Wer macht Stimmung für die Fusion? Und warum?
Im Zentrum steht Uni-Minister Karlheinz Töchterle. Seine Verweise darauf, dass die Entscheidung bei den Unis liege, sind nur Schein. In seiner Zeit als Uni-Innsbruck-Chef war er für die Zusammenführung. Als Minister gab er der Debatte Schwung, indem er ankündigte, die für die Fusion nötige Gesetzesänderung zu ermöglichen. Er hält das Thema zusammen mit Landeschef Günther Platter am Köcheln. Käme es zur Fusion, könnten beide das bei der Bevölkerung als ÖVP-Erfolg verbuchen. Einen solchen hätte Platter dringend nötig. Töchterle ebenso. Auch Uni-Chef Tilmann Märk ist für die Fusion. Er würde wohl der neue starke Mann der fusionierten Uni. Der Med-Uni wirft die Politik nach Misswirtschaft und internen Streitigkeiten gern vor, nicht über funktionierende Strukturen zu verfügen. Als Vorteile der Fusion gelten bessere Chancen in Rankings, Kostenersparnis sowie Synergieeffekte in der Forschung.
3 Was können die Gegner dem entgegenhalten?
Kritiker der Fusion argumentieren, dass man eine „Evolution“, wie die Entwicklung der Med-Uni eine sei, nicht einfach umkehren könne. Manche fürchten zudem, dass die Uni sich die Med-Uni nur einverleiben wolle, um auf deren Finanzmittel zugreifen zu können. Angeblich stehe der Uni Innsbruck in den kommenden Jahren ein Budgetminus ins Haus. „Es ist nicht auszuschließen, dass sich mancher eine Querfinanzierung durch Med-Uni-Mittel erhofft“, sagt Martin Krismer, Senatschef der Med-Uni, zur „Presse“. So hätten die Studenten Angst, dass Geld aus der Lehre abgezogen werde. Krismer ist gegen die Zusammenlegung, „solange die Bedingungen nicht passen“. Mit Fakultäten, Kliniken und Instituten hätten beide Unis teilweise ganz unterschiedliche Strukturen. Diese würden etwa bei Budget und Zielvereinbarungen für Probleme sorgen. Auch wären, so eine Befürchtung Krismers, viele Betriebsvereinbarungen des Klinikpersonals z.B. zu Nachtdiensten mit der Fusion plötzlich ungültig. Als vehementeste Gegnerin der Fusion gilt Uni-Ratschefin Gabriele Fischer. Rektor Lochs äußerte sich lange nicht klar, was ihm den Vorwurf der Führungsschwäche einbrachte. Nun bevorzugt er die „strategische Allianz“.
4Was sagt die Uni Innsbruck zu den Vorwürfen?
Er fahre einen Kurs, angesichts dessen die Uni keinesfalls saniert werden müsse, sagt Märk zur „Presse“. Man werde ausgeglichen bilanzieren. Auch die Eigenmittelquote der Uni sei laufend gestiegen. Sie liege bei 32 Prozent und nicht bei den zuletzt kolportierten fünf Prozent. Auch den Vorwurf, dass Märk für die Fusion 20 Millionen Euro mehr Budget bekomme, weist er zurück: „Ein reines Gerücht.“ Was stimme: Für Kooperationen könne man aus dem „Strukturfonds“ des Ministeriums Mittel beantragen. Ob man wirklich Geld erhalte, sei aber völlig unklar. Der Vorwurf, dass seine Uni das gemeinsame Papier zur Fusion vor der Veröffentlichung tendenziös überarbeitet habe, ärgert Märk: An dem Bericht sei Med-Uni-Professor Lukas Huber beteiligt gewesen, beiden Rektoren sei er vorab vorgelegt worden. Med-Uni-Senatschef Krismer spricht – wie Lochs – trotzdem von „Interpretationen“ im Endpapier, die „wohl nicht der von beiden Seiten ausgedrückten Meinung entsprechen“.
5 Wie geht es jetzt – vor allem an der Med-Uni – weiter?
Der Med-Uni-Senat hat Lochs von der Kandidatenliste für die Rektorswahl gestrichen. Grund seien „Reibepunkte in der täglichen Arbeit“, sagt Krismer. Für alle Beteiligten heißt es nun also abwarten, wie die neue Rektorin sich positioniert. Als Favoritin gilt die derzeitige Vizerektorin Helga Fritsch. Allzu fusionsfreudig wird sie sich vorerst nicht zeigen. Sonst macht ihr der Rat unter Gabi Fischer einen Strich durch die Rechnung. Vor März ist generell keine Bewegung mehr zu erwarten: Da werden die Uni-Räte neu bestellt. Fischer verlässt die Med-Uni. Und das Ministerium wird im Gegenzug versuchen, Befürworter einer Fusion in dem Gremium zu platzieren. Märk hofft auf Bewegung: „Meine Wahrnehmung ist, dass es sehr viele Mitarbeiter der beiden Unis gibt, die sich diese Zusammenführung sehr gut vorstellen können.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2012)
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