Die Presse: Sie haben sich als Senatsvorsitzender eigentlich für den weiteren Verbleib des bisherigen Rektors der Uni Klagenfurt, Heinrich C. Mayr, ausgesprochen. Nun sind Sie der Nutznießer seiner Abberufung. Wollten Sie überhaupt Rektor werden?
Oliver Vitouch: Das eine hat mit dem anderen nur wenig zu tun. Es war die Aufgabe des Senats, die Entscheidung des Rates zu überprüfen. Dabei kam der Senat zu dem Schluss, dass die Gründe für eine Abberufung Heinrich Mayrs nicht ausreichen. Das hat nichts damit zu tun, ob ich Rektor werden wollte oder nicht. Und was den Begriff des Nutznießers anlangt: Das hängt ohnehin davon ab, ob man die Rolle des Rektors als eine unter allen Umständen erstrebenswerte sieht.
Das klingt nicht gerade euphorisch. Würden Sie den Rektorsposten überhaupt als Traumjob bezeichnen?
In der derzeitigen Budgetsituation ist es kein Traumjob. Was meinen Jobwechsel betrifft: Ich bin nach der Abberufung des ehemaligen Rektors als Senatsvorsitzender in die Bresche gesprungen und wurde vorerst Teil des Interimsrektorats. Dann wurde ich zum Rektor gewählt.
Der Verwaltungsgerichtshof beschäftigt sich derzeit noch mit dem Fall Mayr. Fürchten Sie sich, dass er recht bekommt und Sie schon bald wieder abgelöst werden?
Gewissermaßen ist es tatsächlich ein Schwebezustand. Es ist möglich, dass die Entscheidung im Sinne Mayrs ausfällt. Die Sachlage ist klar: Wenn er vom Verwaltungsgerichtshof recht bekommt, dann kann er zurückkehren. Das ist dann genau so hinzunehmen.
Sie waren Senatsvorsitzender. Der Senat spielt eine entscheidende Rolle bei der Wahl des Rektors. Können Sie ausschließen, dass dieses Naheverhältnis Ihre Bestellung beeinflusst hat?
Nein, das kann ich überhaupt nicht ausschließen. Es ist zu hoffen, dass ein langjähriger Senatsvorsitzender auch das Vertrauen des Senats genießt.
Sie kommen aus einem sozialdemokratischen Umfeld, sind aber für Zugangsbeschränkungen. Ist das nicht ein Widerspruch in sich?
Die Frage ist, wie sie sozialdemokratisches Umfeld definieren.
Würden Sie die Nähe zur SPÖ zurückweisen?
Nein. Ich bin aber definitiv ohne Parteimitgliedschaft und auch in keiner politischen Funktion. Ich kenne die Zustände im Psychologiestudium seit meinem eigenen Studienbeginn im Jahr 1989. Deshalb spreche ich mich für Zugangsbeschränkungen aus. Der freie Hochschulzugang allein ist keine Garantie für ein studienwertes Studieren. Die schlechten Studienbedingungen laufen auf etwas hinaus, was man als Sozialdarwinismus bezeichnen könnte. Also das Überleben der Fitteren im Studienbetrieb.
Gibt es an der Uni Klagenfurt noch weitere Fächer, die Sie gern beschränken würden?
Ich treffe die Entscheidung zwar nicht allein – aber: Im Bereich der Pädagogik bereitet mir die Situation Sorge.
Was halten Sie von Studiengebühren?
Ich halte Studiengebühren für einen Nebenschauplatz und eine Stellvertreterdebatte, die von den tatsächlichen Problemen der Unis in der öffentlichen Wahrnehmung ablenkt. Man könnte darüber diskutieren, ob das nicht absichtlich gemacht wird. Studiengebühren, wie wir sie bis zuletzt hatten, sind eine symbolische Sache. Da spricht vieles dafür und manches dagegen.
In Kärnten ist der Brain Drain besonders groß. Die Uni Klagenfurt scheint für angehende Studenten wenig attraktiv zu sein.
Dass nicht alle bei uns studieren, ist nur zum Teil ein Problem. Kein Problem ist es, wenn es Fächer betrifft, die wir nicht anbieten. Ein Problem hätte ich damit, wenn sich erweist, dass viele Studierende abwandern, um Fächer zu studieren, die auch wir anbieten. Wobei: Es ist nicht automatisch verkehrt, dass jemand, der in Kärnten gelebt hat, an einem anderen Ort studiert. Ein Problem ist es nur dann, wenn die Leute nicht mehr zurückkommen. Dabei spielen vor allem die Berufschancen eine große Rolle. Da gibt es sicherlich einen Aufhol- und Modernisierungsbedarf.
Glauben Sie nicht, dass Sie in diesem Zusammenhang vor allem am Ruf der Uni Klagenfurt arbeiten sollten?
Daran arbeiten wir mit Sicherheit. Die Reputation einer Uni ist aber etwas, das sich über Jahrhunderte aufbaut.
Zu den Verhandlungen der Leistungsvereinbarung. Ist es für Sie eine Option, diese nicht zu unterzeichnen?
Ich kann mir momentan nicht vorstellen, dass es auf eine Verweigerung der Unterschrift hinauslaufen wird – weder an der Uni Klagenfurt noch an den anderen Unis.
Oliver Vitouch (41) ist neuer Rektor der Uni Klagenfurt. Er folgt auf Heinrich C. Mayr, der vom Uni-Rat wegen eines „begründeten Vertrauensverlusts“ abberufen wurde. Auslöser war der Streit um die Errichtung eines Freizeitzentrums für Uni-Angehörige. Zuletzt war Vitouch interimistisch Vizerektor, davon Senatsvorsitzender und Vorstand des Instituts für Psychologie. Seine Mutter sitzt in Wien für die SPÖ im Gemeinderat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2012)
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