Jeder achte Student ist behindert oder beeinträchtigt

30.11.2012 | 14:34 |   (DiePresse.com)

Zwölf Prozent der österreichischen Studenten sind behindert, chronisch oder psychisch krank. Das zeigt eine aktuelle Befragung.

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Zwölf Prozent der Studenten an Unis, Fachhochschulen (FH) und Pädagogischen Hochschulen (PH) leiden nach eigenen Angaben unter einer Behinderung oder einer chronischen, psychischen oder sonstigen Erkrankung, die sie im Studium erheblich einschränkt. Das zeigt eine Online-Befragung unter 44.000 der insgesamt 300.100 Studenten, die das Institut für Höhere Studien (IHS) 2011 durchgeführt hat. Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (ÖVP) betonte bei der Präsentation der Studie, dass die Unis bereits viel unternehmen, um Hürden abzubauen, aber "es gibt noch viel zu tun".

Den weitaus größten Anteil unter den hochgerechnet 36.490 Studenten mit Behinderung oder Beeinträchtigung machen mit 30,5 Prozent jene aus, die eine psychische Beeinträchtigung - am häufigsten Depressionen oder Angststörungen - angeben. Rund 24,6 Prozent ordnen sich der Gruppe mit chronisch-somatischen Beeinträchtigungen zu (Magen-/Darmerkrankungen, chronische Schmerzen), 11,9 Prozent geben Mehrfachbeeinträchtigungen an, 10,3 Prozent leiden unter Allergien oder Atemwegserkrankungen. 6,9 Prozent gaben andere Beeinträchtigungen wie Tumore an.

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2700 Studenten mit Behinderung

Einen relativ geringen Anteil machen Studenten mit Behinderungen aus, insgesamt sind es laut Befragung 0,9 Prozent aller Studenten (hochgerechnet 2700 Personen). Unter den Beeinträchtigten sind es ebenfalls wenige, die eine Mobilitäts- oder motorische Beeinträchtigung (4,8 Prozent), Sehbeeinträchtigung (4 Prozent) oder Hör-/Sprachbeeinträchtigung (2,8 Prozent) haben. Auch Teilleistungsstörungen wie Legasthenie kommen relativ selten vor (4,2 Prozent).

Insgesamt ist der Anteil an Studenten, die sich als behindert oder beeinträchtigt bezeichnen, im Vergleich zur letzten Erhebung 2009 leicht gesunken. Im Schnitt entspricht er laut Studienautor Martin Unger der Verteilung in der Gesamtbevölkerung.

Studiengebührenerlass, Barrierefreiheit

Töchterle hob bestehende Angebote wie die an 17 der 21 Unis vorhandenen Behindertenbeauftragten, Baumaßnahmen, Blindenleitsysteme oder spezielle Bildschirme hervor. Zusätzliches Geld gebe es für die Unis für solche Maßnahmen nicht, betonte er. Diese seien gesetzlich bzw. durch die Leistungsvereinbarungen verpflichtet, etwa bei mehr als 50-prozentiger Behinderung Studiengebühren zu erlassen, Maßnahmen für Barrierefreiheit zu setzen oder andere Arten der Prüfung anzubieten und so Einschränkungen im Studium so gering wie möglich zu halten.

Zusätzliches Geld gibt es für spezielle Projekte wie GESTU an der Technischen Uni Wien, bei dem Gehörlose bei der Organisation von Gebärdendolmetschern oder Mitschreibhilfen unterstützt werden, sowie für die österreichweit sechs Standorte der psychologischen Studentenberatung.

Psychische Probleme hemmen Fortschritt

Psychische Beeinträchtigungen seien jene, die den Studienfortschritt am stärksten hemmen, verwies der Leiter des Wiener Standorts, Franz Oberlehner, auf Ergebnisse der Befragung. Er registriert eine Zunahme an Hilfesuchenden, die sich nicht wegen Studien-, sondern persönlichen Problemen an die Beratungsstelle wenden. Zwischen 2005 und 2011 sei die Zahl um 48 Prozent gestiegen. "Das zeigt, wie akut die Problematik ist". Während Studienprobleme wie Prüfungsangst oder Schreibblockaden direkt vor Ort gelöst werden, werden Studenten, die Psychotherapie benötigen, an niedergelassene Psychotherapeuten weiterverwiesen. Dabei sei man in Wien mit Kassenplätzen "sicherlich unterversorgt". Manche Studenten würden mittlerweile auch auf die Psychologische Studentenberatung ausweichen, weil sie keinen Termin bei niedergelassenen Psychiatern bekämen.

Für Unger sind aber nicht nur fehlende Angebote ein Problem, sondern dass bestehende nicht ausreichend genutzt würden - entweder mangels Kenntnis von Stellen wie den Behindertenbeauftragten oder aus Angst vor Stigmatisierung. Immerhin gaben drei Viertel der Betroffenen an, dass sie nicht wollen, dass jemand von ihrer Behinderung oder Beeinträchtigung erfährt.

Erstmals durchgeführt wurde 2011 auch eine Erhebung zur Arbeitsmarktsituation von Akademikern mit Behinderung oder Beeinträchtigung. Dabei zeigte sich, dass diese zwar seltener arbeitslos werden als Geringqualifizierte, dass sie aber häufiger nicht entsprechend dem Niveau ihrer Ausbildung eingesetzt werden. Laut Wolfgang Nowak von Uniability, einer Arbeitsgemeinschaft zur Gleichstellung dieser Gruppe an den Hochschulen, gibt es in diesem Bereich auch an den Unis selbst "sehr großen Handlungsbedarf".

(APA)

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19 Kommentare
1 0

doch

wenn man die foerdern wuerde, dann waere das system nicht aufrecht zu erhalten, da bereits heue jeder zweite oesterreicher schwere verfehlungen und korruption als institutionalisiert belegen kann laesst man sich nicht mehr leicht weiter ausbilden, ausser in der kunst... es waere staatsgefaehrdeend, im uebrigen halten die taeter eh dagegen indem sie sich jedes beliebige zeugnis ausstellen...

Es fehlt am nationalen Konsens, dass jeder junge Mensch , dass jede Begabung gefoerdert wird

Gerade hochintelligente Menschen sind auch emotional sehr sensibel,
emotionale Intelligenz ist oft die Voraussetzung fuer abstrakte Intelligenz.
Doch gerade das Alleuebereinenkammscheren schneidet die besonderen Begabungen oft ab.
Was fuer eine Verschwendung!

Re: Es fehlt am nationalen Konsens, dass jeder junge Mensch , dass jede Begabung gefoerdert wird

ich kann den zusammenhang zwischen ihrem ersten und zweiten satz nicht sehen: was spielt die emotionale intelligenz eines menschen für eine rolle dabei, ob seine eventuellen anderen intellektuellen begabungen gefördert werden oder nicht?

Re: Es fehlt am nationalen Konsens, dass jeder junge Mensch , dass jede Begabung gefoerdert wird

das kommt dabei raus, wenn es das erklärte ziel ist, eine durchschnittsgesellschaft erzeugen zu wollen. die guten ins töpfchen, die schlechten ins kröpfchen. und was gut und schlecht ist entscheidet bereits der landesschulrat...

Traue keiner Statistik die du nicht selbst gefälscht hast.

Die Zahlen der Studenten sagen relativ wenig aus, wenn man die Zahlen der Gesamtbevölkerung nicht kennt.
Wie hoch sind nun die einzelnen Beeinträchtigungen in der Gesamtbevölkerung? Bei welchen Beeinträchtigungen liegen die Studenten höher als der Gesamtschnitt, bei welchen liegen sie niedriger?

10 2

Erfahrung

Leider ist für viele Leute, die nicht studiert haben, nicht ersichtlich, was studieren bedeuten kann.

Einmal abgesehen davon, was es heißt, sich in zwei bis drei Wochen den Stoff eines Jus/Geschichts/Chemie/Physik-Lehrbuch anzueignen, besteht außerdem ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Beherrschen des Stoffes und dem Bestehen der Prüfung. Man lernt an österreichischen Unis primäre, Prüfungen zu bestehen, den Stoff nur in zweiter Linie.

Dazu kommt noch, dass Uni ein abgeschlossener Mikrokosmos ist, wo immer wieder Sachen passieren, die außerhalb jedes Rechts und jeder Gerechtigkeit liegen.
Versuchen Sie mal, gegen einen Dekan vorzugehen, der jeden Montag bei der mündlichen Prüfung eher nach Geschlecht, Sympathie und religiöser Ausrichtung prüft, und nicht stoffbezogen (selbst miterlebt), und dann noch mit persönlichen Beleidigungen heimgeschickt wird.

Nein, die Uni machts einem nicht leicht. Dass einem solchen System psychisch angeknackste Leute entspringen, ist mehr logisch als überraschend.


Re: Erfahrung

Den nicht Studierten ist die Ungerechtigkeit, die Sie im Studium bedauern, bereits in der Schulzeit begegnet und war der Grund, dass sie gar nicht erst bis zur Matura gekommen sind. Sie müssen also keine Angst haben, dass den nicht Studierten etwas entgeht, die haben das bereits früher erfahren.
Die es bis zum Studium schaffen, waren während der Schulzeit die Vorteilsnehmer des ungerechten Leistungsbeurteilungssystems. Die trifft es dann im Studium besonders hart. (Ich will damit nicht sagen, dass es keinen Unterschied in der Intelligenz gäbe, aber in unserem System ist es nicht die Intelligenz die darüber entscheidet wer studieren darf und wer nicht.)

Re: Re: Erfahrung

nur weil man studiert, heisst das nicht, dass man es in der schule so viel leichter hatte als alle anderen.
man hat vielleicht mehr durchhaltevermoegen gezeigt, oder es ist einem der knopf frueher aufgegangen, oder man wurde zuhause mehr aufs lernen gedrillt.
man kann nur mutmaßen, woran es lag. vielleicht auch an den lehrern, am wohnort, den finanziellen gegebenheiten, wer weiss.

vielleicht moegen es manche mehr zu lernen, als andere. gut, dass nicht alle menschen den gleichen drang haben, ihr wissen nur praktisch oder hauptsaechlich aus buechern zu lernen.
mein bruder hatte es in der schule alles andere als leicht (von mobbing mitunter durch die volksschullehrerin mitunterstuetzt - "iiieh dem seine haut is schirch, ich ekel mich vor dem" - weil er von klein an neurodermitis hat, bis hin zu legasthenie, lernschwaeche, etc) und hat am ende trotz foerderklasse in der hauptschule, die HTL mit auszeichnung abgeschlossen und studiert nun.

weil er ausdauer u kampfgeist bewiesen hat.

Re: Re: Erfahrung

für all jene, die nicht studiert haben.

in der schule lernt man 10-50 Seiten, auf der Uni 500-5000 Seiten.

vergleichen sie nicht etwas, das sie nicht kennen!

Re: Re: Re: Erfahrung

letztenendes steht es jedem der maturiert hat frei, zu studieren oder nicht. sich darüber zu beschweren, dass es "ja soooo viel und sooo ansterengend ist" ist mEn lächerlich. es ist immerhin ein privileg, das man wahrnimmt. eventuelle ungerechtigkeiten an den unis oder unnötige barrieren sind natürlich zu beseitigen, aber sich über die menge des lernstoffs zu beschweren, da hab ich kein mitleid mit ihnen.

Wer suchet, der findet!

Untersucht einmal die "Untersucher"!

Von denen, die sich Experten nennen und empirische Feldstudien betreiben, sind geschätzte 90% krank!

8 5

Once upon a time....waren Universitaeten eine Zuchstaette der Eliten..

....und ich spreche hier von intellektuellen Eliten. Bei allem Respekt fuer Menschen mit koerperlichen Enschraenkungen (hab selber welche), denke Ich doch, dass das Masz an "Oeffnung nach unten hin..." im Sinne von Hurra, Matura fuer alle, danach Uni fuer alle nicht aufgehen wird. Erstens aus Kostengruenden und zweitens aus der simplen Tatsache heraus, dass diese ewige Ausrichtung am "schwaechsten Glied in der Kette" letztendlich die Qualitaet alle Aszubildenden nach unen zieht...

Darum, besser eine best ausgebildete Gsellschaft, die auch ordntlich verdient (und ihre Steuern in .at abdrueckt) anstelle eines "wir sind ja alle soooo gleich" Gemurkses....

Leute, schauts nach Asien, Indien, Suedamerika - dort sitzt eure Konkurrenz - nicht in Grieskirchen. Die jungs dort wissen mit 15 was sie erreichen wollen, wie sie dort hinkommen und dass die Welt nicht voller Schokoladeosterhasen ist...

Grusz an die alte Heimat

Re: Once upon a time....waren Universitaeten eine Zuchstaette der Eliten..

das asiatisch Projekt wird mittelfristig und schon gar nicht langfristig funktionieren. Dort entsteht eine Gesellschaft, die sicher scheitern wird - und das ist gut so, dass sich das Modell der dumpfen Wissensanhäufung als falsch erweisen wird

Generation Gangnam

soviel zur Rente ...

schon beim Studium

psychische Probleme, wie sieht es dann im Berufsleben aus?

Re: schon beim Studium

hab vorm studium jahrelang gearbeitet und neben vollzeitjob die matura nachgemacht - es gab harte tage, aber die waren absehbar. mittlerweile arbeit ich nur noch geringfuegig u studiere vollzeit - die zeit kommt einem unendlich vor, pruefungen ueber pruefungen, ganz ehrlich - dauerhaft so anstrengende und auspowernde zeit hab ich beim arbeiten nie gehabt.
das studium empfinde ich als einiges anstrengender.
ja - ich studiere gerne, ich freue mich aber schon wieder sehr aufs arbeiten.
(im moment hab ich das gefuehl 80h/woche zu arbeiten und zu lernen fuer nichts u wieder nichts - das geld reicht kaum zum leben, die arbeit wird gesellschaftlich nur noch belaechelt und nicht ernst genommen, finanziell bleibt nichts uebrig, um sich mal zu "belohnen" fuer die eigene arbeit. arbeitende bekommen ihren Lohn, oder ihr Gehalt. studenten mittlerweile nur noch hohn)

Re: Re: schon beim Studium

du sprichst mir aus der seele! habe vor dem studium auch mehrere jahre vollzeit gearbeitet und das war auf keinen fall so belastend wie studium

Re: Re: Re: schon beim Studium

wenn meine schwiegereltern und eltern die sache mit enkelkindern ansprechen, erschaudere ich davor. ich hab erst spaet angefangen zu studieren, wenn alles gut geht, hab ich mit 30 den master (jetzt 4.sem. bachelor) - klar will ich kinder, aber die biologische uhr laeuft und ich will ja noch "jung" sein, als mutter.

aber wenn ich mit 30 wieder voll arbeiten gehe und mich neu bewerbe, auch wenn es illegal ist, entscheidet sich doch kein Personaler fuer mich, die in absehbarer zeit in karenz geht, vielleicht gleich 2 mal.

ausserdem kann ichs mir nicht vorstellen ein kind zu haben momentan. wie gesagt, das studium zehrt so unglaublich, will man es gut und in der zeit absolvieren, ich freue mich auf die "freiheit des arbeitens", der gedanke in den naechsten 5 - 7 jahren ein Kind zu bekommen, beaengstigt mich richtig.

Informationen

"Für Unger sind aber nicht nur fehlende Angebote ein Problem, sondern dass bestehende nicht ausreichend genutzt würden."

Auf der Studienplattform gibts eine umfangreiche Linkliste
http://www.studienplattform.at/alle-anders-alle-gleich

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