Deutsche Fern-Uni könnte Österreich entlasten

02.12.2012 | 18:26 |  CHRISTOPH SCHWARZ (Die Presse)

Podcasts und Onlineseminar statt Bibliothek und Hörsaal: Während heimische Unis den Zugang weiter beschränken, buhlt die deutsche Uni um Hörer aus Österreich.

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Hagen/Linz. Erstsemestrige, die sich in einen Hörsaal drängen, Studentengruppen, die über den Campus schlendern und Schlangen vor der Buchausgabe in der Bibliothek. All diese Bilder, die den Alltag an einer Uni prägen, sucht man in Hagen vergeblich. Und das, obwohl die Universität im nordrhein-westfälischen Ruhrpott mit etwas mehr als 80.000 Studierenden – etwas weniger als an der Uni Wien – die größte Deutschlands ist.

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Nur vereinzelt trifft man auf dem 20.000 Hektar großen Campus auf Menschen, eine einzige Studentin schreibt in der Bibliothek an einer Seminararbeit. Nur die Kantine ist gut gefüllt. Aber auch hier prägen Mitarbeiter und nicht zuletzt Pensionisten, die die Menüs wohl vor allem für ihre billigen Preise schätzen, das Bild.

Die Uni in Hagen ist eine reine Fern-Uni – die erste und bislang einzige derartige öffentliche Institution von Rang im deutschsprachigen Raum. Wer hier studiert, der bekommt seine Alma Mater selten zu Gesicht. Gelernt werden soll unabhängig vom Ort – und zumeist auch von der Zeit. Mit umstrittenen Fernlehrinstituten à la Humboldt hat die Uni nichts zu tun, sie ist voll akkreditiert, auch geforscht wird. Die Drop-outs im ersten Jahr sind hoch, die Ausbildung ist fordernd.

Zur Zielgruppe zählen nicht die Maturanten – sondern in erster Linie Studenten auf dem zweiten Bildungsweg, Weiterbildungswillige, Mütter in Karenz oder auch Studierende mit Behinderung, denen ein Präsenzstudium nicht möglich ist. Der durchschnittliche Studierende ist 29 bis 35 Jahre alt. 85 Prozent studieren Teilzeit. Zu den berühmten Absolventen zählt etwa der frühere Fußballprofi Oliver Bierhoff.

Hinter dem Betrieb steckt nicht zuletzt eine komplexe Maschinerie aus Technik und Verwaltung. Insgesamt 1750 Mitarbeiter beschäftigt die Uni, sie ist einer der größten Arbeitgeber in der 190.000-Einwohner-Stadt Hagen. Allein 670 Mitarbeiter verwalten das System, das akademische Personal nimmt sich demgegenüber gering aus. Nur 80 Professuren und 350 wissenschaftliche Mitarbeiter gibt es für die vier Studienbereiche – Wirtschaftswissenschaften, Rechtswissenschaften, Kultur- und Sozialwissenschaften und Mathematik/Informatik. Auch 270 Mentoren beschäftigt die Uni, viele in den 13 über ganz Deutschland verteilten „Regionalzentren“. Jeder Student solle im Umkreis von 100 Kilometern eine Anlaufstelle finden, so die Philosophie der Uni.

Wie aber funktioniert ein Onlinestudium in der Praxis wirklich? Wer in Hagen inskribiert, der erhält einen virtuellen Studienplatz, also eine Matrikelnummer samt Passwort, die ihm Zugang zu den Lernplattformen – etwa „Moodle“ – gewährt. Per Knopfdruck belegt man die Kurse. Die Studienmaterialien erhält man per Post. Dafür sorgt ein Druckzentrum wenige Fahrminuten vom Campus entfernt. Hier werden Skripten und Klausurbögen produziert, händisch die Pakete für die Studenten geschnürt – und alle zwei Wochen versandt. 1000 Tonnen Papier kostet das im Jahr, und rund zwei Millionen Euro Porto.

 

Am Anfang war das VHS-Video

Als die Uni in den 1970er-Jahren vom Land gegründet wurde, setzte man noch auf Bildungsfernsehen. Vorlesungen wurden Samstagvormittag im Regionalfernsehen ausgestrahlt, aufgezeichnet, als VHS-Kassette verschickt. Heute regiert das Internet. Lehrende stellen Videovorträge zur Vertiefung online und nehmen Podcasts auf. Auch Wikis und eine Lernkarten-App gibt es. Manche Kurse haben bis zu 5000 Hörer. Einmal im Semester ist Anwesenheit Pflicht. Allerdings nicht zwingend physisch, es reicht online live präsent zu sein. Bis zu 25 Studenten sitzen im Onlineseminar. Sie sind im virtuellen Seminarraum via Webcam verbunden, der Professor trägt vor, Fragen können in ein Textfeld eingegeben werden. Prüfungen laufen ähnlich. Wer nicht im Regionalzentrum anwesend sein kann, darf die Klausur im Ausland in jeder deutschen Botschaft schreiben.

Für das heimische Hochschulsystem könnte Hagen als „Entlastungs-Uni“ dienen: Die Uni darf laut Gesetz ihren Zugang nicht beschränken. Wer den überfüllten österreichischen Unis entfliehen will, kann sich inskribieren. Die Uni Linz fungiert mit ihrem „Zentrum für Fernstudien“ als „Broker“, sechs Studienzentren von Wien bis Bregenz gibt es. Mehr als 3000 Studenten nutzen die Möglichkeit bereits – Tendenz steigend. Bis zu 6000 Studierende will Franz Palank, Leiter des Zentrums, künftig aufnehmen. Hagen unterstützt die Pläne – wenn die Finanzierung stimmt.

Schon jetzt erhält die Fern-Uni, übrigens als einzige ausländische Uni, ein Budget vom österreichischen Staat. Das Wissenschaftsministerium zahlt rund 1,5 Millionen Euro, umgerechnet rund 400 Euro pro Österreicher. Allerdings nicht direkt – das Geld versteckt sich im Budget der Uni Linz, deren Aushängeschild die Kooperation ist.

In Hagen wünscht man sich eine noch stärkere finanzielle Beteiligung, bis zu 800 Euro pro Student sollen es sein. Derzeit trägt primär Nordrhein-Westfalen die Kosten. „Keine einzige österreichische Uni kommt dem Staat so billig wie wir“, sagt Rektor Helmut Hoyer. Zudem wandern die Studierenden trotz Auslandsstudium nicht ab, zahlen Steuern. Und, nicht zuletzt: „Jedes Land soll die Kosten zahlen, die seine Landeskinder verursachen.“ Eine Forderung, die die deutsche Politik wohl nicht gern vernimmt: Bisher weigert sie sich, für die 24.000 deutschen Studierenden in Österreich Ausgleichszahlungen zu leisten.
„Die Presse“ besuchte die Fern-Uni Hagen auf Einladung des österreichischen Zentrums für Fernstudien.

Auf einen Blick

Die Fern-Uni Hagen in Nordrhein-Westfalen bietet Studiengänge in den Bereichen Wirtschaftswissenschaften, Rechtswissenschaften, Kultur- und Sozialwissenschaften sowie in Mathematik und Informatik. Rund 80.000 Studenten sind bereits inskribiert. Für Österreich ist das „Zentrum für Fernstudien“ der Universität Linz die Anlaufstelle. Der Zugang zur Uni ist nicht beschränkt, die Gebühren belaufen sich auf insgesamt rund 2500 Euro für ein Bachelorstudium. Der Master kostet 1500 Euro. Informationen zum Studium gibt es unter www.fernstudium.at.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2012)

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3 Kommentare

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ewig das gleiche spiel...

wir sind zpatschert und zdeppert, schieflagen zu detektieren und dann auch zu lösen. es wird maximal im kreis diskutiert und dann verläufts im sand, geändert hat sich nix. das nennen wir kultur.

dann kommt ein smarter beobachter von sonstwo mit einem fixfertigen konzept, das man gegen einwurf kleiner scheine nutzen kann.

dann liegts nur noch am oberhansl, ob er die nutzung zulässt oder nicht. umlegbar auf alle österr systeme..

Sollte in Wien auch eingeführt werden

Warum kann so ein System nicht mal ansatzweise auch an den Wiener Unis eingeführt werden?
Somit würde man das Platzproblem und Finanzproblem zum Teil hinkriegen. Das UniFeeling geht zwar verloren aber mehr Nachteile sehe ich darin nicht.
Jeder dürfte somit ohne Nachteile studieren bzw ohne Beschränkungen, man würde anstatt von Vorlesungen Online Kurse erstellen mit Videovorlesungen, die ausführlichrr und detaillierter vorgetragen werden. Jeder hat dann die Chance mit seinem Tempo zu studieren, mehr Zeit in das eine oder andere Fach zu stecken. Somit haben auch mehr Zielgruppen die Möglichkeit zu studieren, wie auch im Artikel erwähnt.
Wenn der Vortragende auf der TU Wien sagt, dass er im Fach Mathematik 2 denselben Stoffumfang wie bei Mathematik1 jedoch in halbierter Zeit durchdrücken muss, dann halte ich das für einen Wahnsinn, und er selbst auch.

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