Lehrerbildung: Unis wollen "Praxis" anders definieren

09.12.2012 | 18:17 |  JULIA NEUHAUSER (Die Presse)

Die Pädagogischen Hochschulen galten stets als Vorreiter, was den Praxisbezug im Studium betrifft. Gerade ihre Form der Schulpraxis sei aber oft die falsche, sagt Ilse Schrittesser von der Uni Innsbruck.

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Wien. Die Pädagogischen Hochschulen (PH) mussten in der Diskussion um die neue Lehrerbildung schon viel Kritik einstecken. Erst vor einer Woche erklärte Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (ÖVP) im „Presse“-Interview, dass der Zwang zur Kooperation für die PH viel offensichtlicher sei als für die Unis. Ihnen fehle die Anbindung an die Wissenschaft. Ein Manko, das auch durch den guten Bezug der PH zur Praxis nicht ausgemerzt werden kann. Im Gegenteil: Die Unis arbeiten im Hinblick auf die neue Lehrerausbildung zusehends daran, den PH, was den Praxisbezug betrifft, den Rang abzulaufen.

Eine Uni, die stolz auf ihre Nähe zur Praxis ist, ist die Uni Innsbruck. Erst im Oktober wurde mit der „School of Education“ eine eigene Fakultät für Lehrerbildung gegründet. Praxisnähe heißt dort aber etwas ganz anderes als an den Pädagogischen Hochschulen. Während die Studierenden an der PH durch zahlreiche Praktika und Praxistage viel Zeit in der Schule verbringen, werden die Lehramtsstudenten der Uni Innsbruck als Forscher in die Klassenräume geschickt. Das Credo von Ilse Schrittesser, Leiterin des „Instituts für LehrerInnenbildung und Schulforschung“ in Innsbruck: Es gilt, zwei Formen des Praxisbezuges zu unterscheiden. Die Einübung in die Praxis – gemeint sind dabei etwa die klassischen Unterrichtspraktika – und die Praxisforschung, die in und gemeinsam mit Schulen stattfindet.

 

Praktikum nur als Orientierung

Die Einübung – also genau jene Form der Praxis, auf die sich die PH spezialisieren – soll nicht überhand nehmen, warnt Schrittesser. Die Studenten sollten lediglich zu Beginn ihres Studiums als Praktikanten in die Schule geschickt werden. Dieses Praktikum sei aber als Orientierungshilfe zu verstehen – mehr nicht. Das Unterrichten lerne man nicht in der Klasse. Ohne entsprechende wissenschaftliche Begleitung würden sich die Studierenden während des Praktikums jene Form des Unterrichts einprägen, die sie als Schüler genossen haben.

Je weiter das Studium fortschreitet, desto seltener sollten die Lehramtstudenten als Praktikanten im Klassenzimmer stehen. Schon während des ersten Semesters sollten sie aber mit Forschungsarbeiten konfrontiert werden, die sie zurück in die Schule bringen. In Forschungsteams könnten sie sich dann mit Themen wie Leistungsbeurteilungen oder Schulprofile auseinandersetzen. Die Studierenden bekämen dadurch nicht nur die Möglichkeit, den Unterricht mithilfe des an der Uni kennengelernten theoretischen Werkzeugs zu untersuchen, sondern auch, Rückschlüsse auf ihre eigene Lehrtätigkeit zu ziehen. Außerdem würden die Praxisschulen von den Forschungsergebnissen profitieren.

In Innsbruck wird derzeit versucht, die Forschungseinsätze der Studierenden in den Schulen zu intensivieren. Ziel ist es außerdem, ein Zertifikat für jene Schulen einzuführen, die kooperieren.

Auf einen Blick

Lehrerbildung Die Regierung arbeitet bereits seit 2008 an einer Reform der Lehrerausbildung, bei der alle Pädagogen gemeinsam ausgebildet werden sollen. Alle Lehrer sollen zuerst einen vierjährigen Bachelor machen. In einer ein- bis zweijährigen Induktionsphase sollen sie von erfahrenen Lehrern in den Beruf eingeführt werden und berufsbegleitend ein Masterstudium absolvieren. Unis und Pädagogische Hochschulen sollen dabei kooperieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.12.2012)

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Mehr aus dem Web

18 Kommentare

Wahnsinn

Ein Irrweg. Zuviel Schratz und Altrichter. Und Mitesser. Bühne auf für die 16. Fakultät.

Ausbildung und Bildung

Muss der Lehrer auch Schauspieler sein?
Wie soll er dann ausgebildet werden? Praxis oder Forschung?

Gibt es Vorbilder - vorbildliche Lehrer? Als Orientierungshilfen?

Trainierbare Techniken, spontan abrufbar?

Altbekannte Vorschungsergebnisse immer wieder neu entdecken gleicht der Neuerfindung des Rades.

Der geistige Erwerb ist über den Nürnberger Trichter noch nicht hinausgekommen.


''Das Unterrichten lerne man nicht in der Klasse''

Diese Aussage made my day, obwohl ich es erst jetzt gelesen habe (ich habe mich vor lachen gekrümmt)

Ich studiere selber an einer PH (Hauptschullehramt für Deutsch und Geschichte) und möchte aber nach meinem Bachelor, ein Lehramtsstudium für die Oberstufe beginnen bzw. fortsetzen.

Der Grund hierfür liegt, da ich zwar unheimlich gerne unterrichte, mir aber die unterrichtete Thematik, besonders in Geschichte, zu wenig Tiefe hat.

Ich befinde mich zurzeit im 3. Semester und bin heilfroh, das Studium an der PH begonnen zu haben, da hier der Praxisbezug einfach so viel positives mit sich bringt.

Durch Fächer wie Fachdidaktik werden bei uns laufend Unterrichtsverfahren und - methoden betrachtet, die dann sofort in der jeweiligen Praxis umgesetzt werden können.

Dieser Praxisbezug fehlt ganz klar an einer Uni, wo man sich erst am Ende des Studiums in einer Schulklasse wiederfindet und das zum größten Teil hospitierend.

Ich kenne viele Aussagen von Bekannten, die ihr Studium so toll finden, es aber ab dem ersten Moment in einer Klasse nicht mehr ganz so toll finden, weil sie den Beruf verfehlt haben. Nur sind bis dorthin schonmal mind. 3 Jahre vom Studium vergangen.

Österreich braucht in dieser Hinsicht eine Bildungsreform!!!!

Re: ''Das Unterrichten lerne man nicht in der Klasse''

Sie sprechen mir aus der Seele. Genau das ist der Unterschied PH und UNI. Auf der PH wird beides kombiniert. Die Motivation des Artikels,der die PH negaiv darstellt, ist mir schleierhaft. Ich weiß es, da ich Praxislehrerin bin. Die wissenschaftliche Begleitung hat ein Praxisberater. Jahrelange Kritik gab und gibt es immer wieder bei den AHS Lehrern, die wenig Unterrichtserfahrung haben.
Unterrichten lernt man doch in der Klasse.

Jössas

"Das Unterrichten lerne man nicht in der Klasse." Das ist eindeutig der dümmste Kommentar des Jahres 2012 zur Bildungspolitik. Und den von den Unis so gerne beschworenen Kausalzusammenhang zwischen Forschung und guter Lehre (zumal in der Schule) müßte man erst mal begründen - gerade auf den Unis schauts in der Lehre nämlich finster aus. Gute Forscher sind Wissensschaffer und latent anarchistisch veranlagt, gute Lehrer sind Wissensverwalter und neigen eher zum Ordnen und Bewahren. Meiner Erfahrung nach schließen einander beide Typen aus.

Das Unterrichten lern man nicht in der Klasse...

Weder wurde in dem Artikel behauptet, man würde das Unterrichten nicht in der Klasse lernen, noch habe ich diese Behauptung im Interview aufgestellt. Allerdings ist wichtig, zwischen Praxis als Einübung in Unterrichtsroutinen und Praxis aus analytischer Distanz zu unterscheiden. Erstere sollte nicht überschätzt werden, zweitere sollte im Lehramtsstudium mehr Raum einnehmen. Dass diese Unterscheidung sinnvoll ist, dafür gibt es in der Lehrerbildungsforschung reichlich Hinweise.
Was ich mir allerdings in der Tat wünschen würde, wäre ein sachlicherer Ton wenn es um Lehrerbildung geht.

Re: Das Unterrichten lern man nicht in der Klasse...

doch - sie haben diese Behauptung aufgestellt ! Aber ich denke wir werden noch viele Möglichkeiten haben über die Verwissenschaftlichung der Lehrerausbildung zu streiten. Vor allem sind die Studierenden mit den eigentlichen Fachwissenschaften beschäftigt - wo soll da noch Platz für diese Form der von ihnen geforderten Wissenschaft sein - ich will aber den von ihnen geäusserten Wunsch einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung im Klassenzimmer nicht in Frage stellen - aber das ist ein "Job" für Erziehungswissenschaftler und Lehramtsstudierende sind in keiner Ausbildung zu Erziehungswissenschaftler. Primär geht es um das Aneignen von fachwissenschaftlichen Wissen, dann schulpraktischen Erfahrungen und sehr untergeordnet um bildungswissenschaftliche Theorien.

Aber vermutlich vertreten wir beide jeweils einen Extremstandpunkt und das ist gut so

Re: Das Unterrichten lern man nicht in der Klasse...

Sollte der Schrittesser-Kommentar von Frau Schrittesser stammen:
* Der o.a. Satz ist der vierte Satz nach der Zwischenüberschrift. Es steht einer Univ.Prof. sehr schlecht an, sich bei einer verlässlichen Journalistin einfach abzuputzen nach dem Motto: Der Bote ist der Tote. Der Artikel steht seit (fast) einem Tag online. Wie gut ist der Lehrstuhl organisiert, so etwas nicht in Minuten nach Erscheinen mindestens mit einem Posting zu korrigieren? Es könnte ja sein, dass dieser Ihr Satz in Zukunft zum häufigst zitierten gehört.
* In Ihrem Artikel ist überwiegend von Forschung die Rede. Das ist nun einmal weit entfernt von Reflexion, die Sie im Posting ansprechen und die der Wissenschaftsminister als "Anbindung an die Wissenschaft" versteht. Das ist auch das Verständnis der Arbeitsgruppen, die an der neuen Lehrerbildung arbeiten.
* Mit dem geäußerten Grad der Wertschätzung der wissenschaftlichen Arbeiten von I.S. stehe ich in Österreich nicht alleine da.

Re: Das Unterrichten lern man nicht in der Klasse...

Sich über den unsachlichen Ton in hiesigen Diskussionsforen zu beschweren, ist leider müßig.

Ein Trost für Sie: Die Kommentatoren und Pluspunktevergeber sind auf diepresse.com ebenso wenig repräsentativ für die qualifizierte Leserschaft wie auf derstandard.at ;)

Klingt sehr vernünftig

Lasst endlich solche Experten ran, dann kann die Lehrerausbildung vielleicht ja doch noch allgemein Hoch(!)schulniveau erreichen...zu wünschen wäre es - nicht nur der Innsbrucker Uni!

Überschrift

Es muss heissen "frau schrittesser will..." und nicht "unis wolllen...."

"Das Unterrichten lernt man nicht in der Klasse"

* Das Schifahren lernt man nicht am Hang, sondern in der Gaststube beim Thema "Schneeforschung in der Antarktis" - nicht wahr?
* Das Geige-Spielen lernt man im Proseminar "Kontrapunkt" oder im Holzforschungsinstitut (zum Verständnis des Geigenbaues) - nicht wahr?
* Der betriebliche Teil der Lehrlingsausbildung als konstitutives Element des Dualen Systems und Ursache der geringen Arbeitslosigkeit und hohen Befähigungskompetenz in Österreich ist eigentlich pädagogischer Unsinn nicht wahr?
* Unsere Wirtschaft lebt ausschließlich von den wissenschaftlichen Schulen WU und TU - nicht wahr? usw. usw.
Empfehlung: Man lese Schrittesser (weithin bekannte Wissenschafterin), dann weiß man, wieso so viele froh waren, dass sie nach Westen zog. Si tacuisses!

Re: "Das Unterrichten lernt man nicht in der Klasse"

Stimmen Ihnen zu. "Das Unterrichten lernt man nicht in der Klasse"-selten so einen Topfen gelesen.
2. Beschwerde : Degradierung der PraxislehrerInnen- die die Studierenden begleiten -den Unterricht, den wir genossen habe unterrichten wir nicht mehr.
Schön langsam regt mich jeder Artikel, der die Bildung betrifft auf. Sitzen dort lauter Ahnungslose????

Re: "Das Unterrichten lernt man nicht in der Klasse"

Schifahren lernt man nicht dadurch, dass man sich auf die Bretter stellt und hofft, dass der nächste Baum kommt, bevor man so schnell ist, dass man sich bei einem Sturz ernsthaft verletzt.
Ein gewisses (niedriges) Niveau kann man sich vielleicht noch selbst erarbeiten - aber wenn man darüber hinaus will, benötigt man einen Trainer, mit dem man gezielt an einer Verbesserung der Technik arbeitet.

Entsprechend lernt man unterrichten nicht ausschließlich, indem man ohne oder mit schlechter Betreuung in eine Klasse gesteckt wird und sich notgedrungen in seiner Unterrichtgestaltung an dem selbst erlebten (meistens leider nicht ganz so tollen) Unterricht orientiert.

Natürlich ist es Unfug zu sagen, einE LehramtsstudentIn darf nicht in der Klasse stehen. Aber ich finde es durchaus sinnvoll, wenn angehende LehrerInnen lernen, sich kritisch mit Lehrmethoden auseinanderzusetzen und wissenschaftlich über Unterrichtsgestaltung nachzudenken - das könnte zu einer erheblichen Verbesserung der Unterrichtsqualität führen.

Re: Re: "Das Unterrichten lernt man nicht in der Klasse"

"Aber ich finde es durchaus sinnvoll, wenn angehende LehrerInnen lernen, sich kritisch mit Lehrmethoden auseinanderzusetzen und wissenschaftlich über Unterrichtsgestaltung nachzudenken"

Das eine schließt das andere nicht aus. Selbstverständlich setzen sich auch die PHs mit Lehrmethoden und Unterrichtsgestaltung auseinander. Nur haben diese auch die Möglichkeit das Gelernte in der Praxis immer wieder umzusetzen und zu reflektieren.
Unterrichtswissenschaft, Erziehungswissenschaft, Päd. Psychologie, Päd. Soziologie, Fachdidatktik usw.usw. sind ab dem ersten Semester Pflicht.

Re: Re: "Das Unterrichten lernt man nicht in der Klasse"

diese ihre Ansicht ist absolut richtig - aber es geht um einen Extremstandpunkt aus Innsbruck - damit hat Kollegin Schrittesser allen, die an einer Weiterentwicklung der Lehrerausbildung einen Bärendienst erwiesen.

Re: "Das Unterrichten lernt man nicht in der Klasse"

danke für die Langdarstellung der Kritik an Schrittesser - zuerst dachte ich, die Frau meinte ihre Aussagen als Satire - aber die meint es ernst.

bin ich froh

bin ich froh, dass Frau Kollegin Schrittesser in Innsbruck ist !

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