Lehrerbildung: Unis wollen "Praxis" anders definieren

Die Pädagogischen Hochschulen galten stets als Vorreiter, was den Praxisbezug im Studium betrifft. Gerade ihre Form der Schulpraxis sei aber oft die falsche, sagt Ilse Schrittesser von der Uni Innsbruck.

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(c) APA ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)

Wien. Die Pädagogischen Hochschulen (PH) mussten in der Diskussion um die neue Lehrerbildung schon viel Kritik einstecken. Erst vor einer Woche erklärte Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (ÖVP) im „Presse“-Interview, dass der Zwang zur Kooperation für die PH viel offensichtlicher sei als für die Unis. Ihnen fehle die Anbindung an die Wissenschaft. Ein Manko, das auch durch den guten Bezug der PH zur Praxis nicht ausgemerzt werden kann. Im Gegenteil: Die Unis arbeiten im Hinblick auf die neue Lehrerausbildung zusehends daran, den PH, was den Praxisbezug betrifft, den Rang abzulaufen.

Eine Uni, die stolz auf ihre Nähe zur Praxis ist, ist die Uni Innsbruck. Erst im Oktober wurde mit der „School of Education“ eine eigene Fakultät für Lehrerbildung gegründet. Praxisnähe heißt dort aber etwas ganz anderes als an den Pädagogischen Hochschulen. Während die Studierenden an der PH durch zahlreiche Praktika und Praxistage viel Zeit in der Schule verbringen, werden die Lehramtsstudenten der Uni Innsbruck als Forscher in die Klassenräume geschickt. Das Credo von Ilse Schrittesser, Leiterin des „Instituts für LehrerInnenbildung und Schulforschung“ in Innsbruck: Es gilt, zwei Formen des Praxisbezuges zu unterscheiden. Die Einübung in die Praxis – gemeint sind dabei etwa die klassischen Unterrichtspraktika – und die Praxisforschung, die in und gemeinsam mit Schulen stattfindet.

 

Praktikum nur als Orientierung

Die Einübung – also genau jene Form der Praxis, auf die sich die PH spezialisieren – soll nicht überhand nehmen, warnt Schrittesser. Die Studenten sollten lediglich zu Beginn ihres Studiums als Praktikanten in die Schule geschickt werden. Dieses Praktikum sei aber als Orientierungshilfe zu verstehen – mehr nicht. Das Unterrichten lerne man nicht in der Klasse. Ohne entsprechende wissenschaftliche Begleitung würden sich die Studierenden während des Praktikums jene Form des Unterrichts einprägen, die sie als Schüler genossen haben.

Je weiter das Studium fortschreitet, desto seltener sollten die Lehramtstudenten als Praktikanten im Klassenzimmer stehen. Schon während des ersten Semesters sollten sie aber mit Forschungsarbeiten konfrontiert werden, die sie zurück in die Schule bringen. In Forschungsteams könnten sie sich dann mit Themen wie Leistungsbeurteilungen oder Schulprofile auseinandersetzen. Die Studierenden bekämen dadurch nicht nur die Möglichkeit, den Unterricht mithilfe des an der Uni kennengelernten theoretischen Werkzeugs zu untersuchen, sondern auch, Rückschlüsse auf ihre eigene Lehrtätigkeit zu ziehen. Außerdem würden die Praxisschulen von den Forschungsergebnissen profitieren.

In Innsbruck wird derzeit versucht, die Forschungseinsätze der Studierenden in den Schulen zu intensivieren. Ziel ist es außerdem, ein Zertifikat für jene Schulen einzuführen, die kooperieren.

Auf einen Blick

Lehrerbildung Die Regierung arbeitet bereits seit 2008 an einer Reform der Lehrerausbildung, bei der alle Pädagogen gemeinsam ausgebildet werden sollen. Alle Lehrer sollen zuerst einen vierjährigen Bachelor machen. In einer ein- bis zweijährigen Induktionsphase sollen sie von erfahrenen Lehrern in den Beruf eingeführt werden und berufsbegleitend ein Masterstudium absolvieren. Unis und Pädagogische Hochschulen sollen dabei kooperieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.12.2012)

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