Medizin-Unis: Neue Wege beschreiten!

16.12.2012 | 18:46 |  H. PETER SOYER UND RICHARD SOYER (Die Presse)

Die heimischen Medizin-Unis müssen professionell, nicht professoral geführt werden. Ein Plädoyer für eine "Austrian Medical School" als zukunftsweisender Modellversuch.

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Die medizinischen Universitäten in Österreich, die sich mit Beginn 2004 aus dem Verband der Stammuniversitäten herausgelöst haben, gehen nun bald in ihr zehntes Jahr. Eine kritische Bestandsaufnahme im internationalen Kontext ist angezeigt. Die medizinische Versorgung an österreichischen Universitätskliniken hat zweifelsohne Topqualitäten. Die Studierendenausbildung erfolgt auf international herzeigbarem Niveau. Nicht zuletzt weist auch die universitäre Forschung hohe Standards auf; in manchen Spezialgebieten liegt sie sogar im internationalen Spitzenfeld. Können wir uns also getrost zurücklehnen, die Feiertage genießen und den Status quo als Erfolgsstory abhaken?

Nicht nur um die Positionierung der heimischen Med-Unis in internationalen Rankings steht es nicht zum Besten (www.topuniversities.com). Es ist kein Zufall und nicht (nur) auf die Unterrichtssprache zurückzuführen, dass z.B. fünf australische Schools of Medicine unter den ersten 50 der Rangliste zu finden sind.

 

Ist Humboldt noch zeitgemäß?

Ist das Humboldt'sche Ideal der Einheit von Lehre und Forschung noch zeitgemäß? Unseres Erachtens nach keineswegs. In Wahrheit nimmt dieses deutsch-humanistische Faszinosum und die daraus entstehende Verantwortung/Verpflichtung die deutschsprachige Uni-Landschaft, insbesondere die heimischen Med-Unis, seit Jahrzehnten in andauernde Geiselhaft.

„Normale“ Medizinstudenten möchten nicht Forscher, sondern Arzt werden und möglichst früh von praktischen Ärzten und Fachärzten lernen. Dem wird im österreichischen Medizin-Curriculum auch Rechnung getragen. Eigene Teilzeit-Lehrprofessuren für engagierte „Lehrmediziner“, derer es hierzulande doch einige gibt, sind ein erster Schritt in diese Richtung. Verglichen mit den Curricula der angelsächsischen „Medizinschulen“ kann aber noch nachgebessert werden.

 

Reine Forschungsprofessuren

Ein Charakteristikum an angelsächsischen Universitäten – und Medizinfakultäten machen da keine Ausnahme – sind „research only”-Professuren. Der Erstautor ist ein Beispiel dafür: Zuerst eine fünfjährige „research & teaching“-Professur, dann erfolgte aufgrund eines Review-Prozesses die fünfjährige Verlängerung in beidseitigem Einverständnis „research only”. Dass trotzdem gelegentlich Vorlesungen für Studenten anfallen, ist selbstverständlich.

 

Professionell statt professoral

Es braucht professionelles Management statt professoraler Leitungsorgane. Die administrative Realität in Österreich ist anders – Universitäten sind aber auch öffentliche Unternehmungen. Grundsätze der Wirtschaftlichkeit, Sparsamkeit und Zweckmäßigkeit gelten hier wie anderswo auch. Das setzt aber professionelles Handeln im Public Management voraus.

Der Aderlass, der mit der Ausgliederung der medizinischen Fakultäten aus den Stammuniversitäten einherging, ist bekannt. Die letzten Jahre konnten jedenfalls an einzelnen Med-Unis nicht genützt werden, um Führungsebenen zu installieren, die üblichen Standards von Führung und Verantwortung genügen. Rektorate sind Management Boards, die wirtschaftliche Sachkunde aufweisen müssen – die Realität ist teils weit davon entfernt. Uni-Räte sind keine Frühstücksdirektionen – dennoch finden sich dort zu viele Persönlichkeiten, für die Bilanzlesen und Rechnungswesen Fremdwörter sind.

Dies führte dazu, dass die Politik und universitätsinterne Gruppierungen ihre Partikularinteressen pflegen konnten. Kein Wunder, dass in viele „autonome“ Entscheidungsprozesse die Fachabteilungen des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung in einer Weise involviert sind, die ihrer gesetzliche Funktion als Aufsichtsbehörde nicht förderlich scheinen. Ohne externe Prüfungsvorgänge, die Licht in das Dunkel vieler Gebarungsprozesse bringen und die Effizienz der Mittelverwendung evaluieren könnten, sind nachhaltige Verbesserungen nicht zu erwarten.

Es bleibt zu hoffen, dass das Auslaufen von Funktionsperioden von Organwaltern in Rektoraten und in Universitätsräten dazu genutzt wird, zeitgemäße Anforderungsprofile bei der Auswahl von Leitungs- und Aufsichtsorganen an Med-Unis zu implementieren und umzusetzen. Auch für den Gesetzgeber besteht Handlungsbedarf, um neue Organisationsstrukturen möglich zu machen.

 

Zentrale Frage: Wie organisieren?

Die zentrale Aufgabenstellung bleibt: Wie organisiert man Forschung, Lehre und Krankenversorgung in optimaler Weise im medizinischen Universitätsbereich? Eine Antwort auf diese Frage zu finden ist nicht leicht. Die an den bestehenden Med-Unis in Österreich gelebte enge Verbindung zwischen Forschung, Lehre und Krankenversorgung ist historisch bedingt, über Jahrzehnte gewachsen und zeigt im Übrigen auch „subtile“ Unterschiede an den verschiedenen Standorten Wien, Graz und Innsbruck.

Dass es auch anders gut funktioniert, belegen viele ausländische Einrichtungen, z.B. das Princess Alexandra Hospital und Royal Brisbane and Women's Hospital, die zwei großen Lehrkrankenhäuser (es gibt zahlreiche kleinere) der University of Queensland in Brisbane, Australien, wo Krankenversorgung und Forschung striktest getrennt sind. Die Lehre hingegen ist mehr oder minder permanent integriert, da Studenten im dritten und vierten (letzten) Ausbildungsjahr einzeln oder in ganz kleinen Gruppen praktisch immer präsent sind. Die strikte Trennung der Krankenversorgung von der klinischen Forschung wurde vom Erstautor zunächst also sehr störend und auch unproduktiv erlebt. Nach einigen Jahren in der Medizin- und Medizinforschungskultur der südlichen Hemisphäre erscheint jedoch der kontinentaleuropäische Ansatz ungewohnt.

 

Modellversuch: Medical School

Die „Austrian Medical School“ wäre da ein wünschenswerter Modellversuch mit strikter Trennung der Krankenversorgung von der Forschung. In den angelsächsischen Ländern verstehen sich die Medizin-Unis bzw. Med-Fakultäten als „(under-)graduate education in medicine“ and bezeichnen sich als „Medical Schools“ – auf höchstem Niveau, mit extrem hohen Zugangsschwellen.

Das Hauptaugenmerk liegt eindeutig auf der Lehre – die Forschung wird überwiegend in affilierten Forschungsinstituten der Gesamtuniversitäten betrieben. Bei dem Vorhaben, am Standort Linz eine neue medizinische Fakultät ins Leben zu rufen, sollte versucht werden, mit dem Humboldt'schen Erbe innovativ umzugehen.

Zu den Personen

Richard Soyer ist Professor für Strafrecht und Compliance an der Johannes-Kepler-Universität Linz und Rechtsanwalt in Wien. Richard Soyer war zudem bis vor Kurzem Universitätsrat an der Med-Uni Innsbruck.
H. Peter Soyer
ist seit 2007 Professor für Dermatologie an der University of Queensland, School of Medicine, Brisbane, Australien. Zuvor war H. Peter Soyer an der Medizin-Uni Graz tätig. Die beiden Autoren sind Brüder. [APA, Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2012)

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1 Kommentare

Die Med-Uni Wien ist eine Schande!

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Soyer schäm dich!

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