Wer über Todesstrafen nachdenkt, wird selbst bestraft

15.01.2013 | 18:20 |   (Die Presse)

Da ein Grazer Professor die Todesstrafe für den Papst diskutieren wollte, steht er vor der Disziplinarkommission. Er ist nicht der Erste, der mit problematischen Gedanken an den Unis für Aufregung gesorgt hat.

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„Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei“, heißt es in Artikel 17 des Staatsgrundgesetzes. Dass diese Freiheit genau dort zu enden scheint, wo gegen gesellschaftlichen Common Sense verstoßen wird, das bekommt jetzt Richard Parncutt, Musikologe an der Uni Graz, zu spüren: Der Professor hat in einem Text auf der Uni-Homepage die Todesstrafe für Leugner des Klimawandels und – pikant – den Papst als Gegner der Empfängnisverhütung zur Diskussion gestellt. Das „schade dem Ansehen der Uni“, stellte diese nach einer Schrecksekunde fest. Sie hat eine Anzeige bei der Disziplinarkommission im Uni-Ministerium eingeleitet, die nun darüber nachdenkt, ob Parncutt zu laut über das Falsche nachgedacht hat.

Er ist nicht der Erste, der mit seinen Aussagen für einen Eklat sorgt. Die Innsbrucker Politologin Claudia von Werlhof stellte im Jahr 2010 in einem Interview mit dem „Standard“ eine eher ungewöhnliche Aussage zur Debatte. Das Erdbeben in Haiti könnte „künstlich produziert“ worden sein, vermutete sie. Im Projekt HAARP, einer US-Forschungseinrichtung nordöstlich von Gakona in Alaska, seien Maschinen hergestellt worden, die künstliche Erdbeben hervorrufen, um Erdölreserven aufzuspüren. Das Beben, so Werlhof, könnte erzeugt worden sein, „um die US-Besetzung des Landes zu ermöglichen“.

Aussagen, die die Uni Innsbruck nicht unkommentiert lassen wollte. Werlhof habe dem Ruf des Instituts geschadet, hieß es. Die Politologin legte nach. In einem offenen Brief stellte sie die Frage, ob „das Wissenschaftsverständnis des Instituts“ von „politischen Interessen“ geleitet sei. Denn warum sonst sollten „keine Verdächtigungen gegenüber der US-Regierung ausgesprochen werden, selbst wenn sie wissenschaftlich begründet sind“?

Die Aussagen eines Professors der Wirtschaftsuniversität (WU) beschäftigten sogar die Staatsanwaltschaft. Gegen Franz Hörmann ist ermittelt worden, da er sich in einem – unveröffentlichten – Interview für die Uni-Zeitung relativierend zum Holocaust und der Existenz von Gaskammern geäußert haben soll. Hörmann rechtfertigte sich: Da er kein Zeitzeuge sei, könne er aus rein logischen Gründen nicht behaupten, selbst von der Existenz der Massenvernichtungslager zu wissen. Er könne höchstens daran „glauben“. Die Staatsanwaltschaft sah schließlich keinen Verstoß gegen das Verbotsgesetz und stellte die Ermittlungen gegen den Professor wenig später ein. j.n./chs

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2013)

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8 Kommentare

Das alles hat nichts mit der Freiheit von Wissenschaft zu tun!

"... Dass diese Freiheit genau dort zu enden scheint..."
Hier geht es doch nicht um die Freiheit und Unabhängigkeit von Wissenschaft!!!

Hier geht es um Rufschädigung, Verhetzung und Aufruf zum Mord während der Äußerung einer Privatmeinung, und zwar im Zuge einer unrechtmäßigen und nicht zweckgebundenen Verwendung der digitalen Infrastruktur seines Arbeitgebers.

Parncutts Äußerungen haben ferner nicht das Geringste mit seiner (im Übrigen umstrittenen) wissenschaftlichen Arbeit zu tun. Er ist weder Umwelt- oder Klimaforscher, Politologe oder Soziologe. Erst recht ist er kein Ethiker. Der haarsträubend absurden Argumentationslinie Parncutts zufolge (immerhin will er nicht die Verursacher des Klimawandels ermorden lassen, sondern nur dessen Leugner), ist er offenbar nicht einmal ein guter Logiker oder Philosoph. Parncutt ist Musikforscher. Er untersucht die Wahrnehmung von Rhythmus und Harmonie.

Er mag als Privatperson die Klimawandel-Leugner ebenso sehr hassen wie die kath. Kirche und den Papst. Dies sei ihm unbenommen. Aber er hat eine populistisch-propagandistische Argumentation entworfen, innerhalb des Rahmens seiner universitären Position und ihres Wirkungskreises unrechtmäßig publiziert und dadurch seiner Universität massiven Rufschaden zugefügt.
Er war also in keiner Weise kompetent oder befugt, seine Stellung, seine dienstgebende Institution und ihre Plattform zum Zwecke der Äußerung seiner unwesentlichen und unwissenschaftlichen Privatmeinung zu missbrauchen.

Erschreckend ist viel eher,

welche Kreaturen hierzulande Professuren bekommen.

Bei jedem einzelnen, im Artikel genannten Beispiel geht es nicht um die Freiheit von Forschung und Lehre (insbesondere weil es sich in keinem Fall um das Fachgebiet der betreffenden Person handelt), sondern nur um ekelhafte Kotzbrocken, die ihre Position für narzisstische Spinnereien missbrauchen.

Es ist eine Schande, ...

... wie eine Stätte der geistigen Freiheit, hier als Universität bezeichnet, vor einer (nach deutschem Recht)als Verbrecherorganisation zu bezeichnenden Kirche in die Knie geht. Dass der Profeessor rethorisch übers Ziel hinausgeschossen hat, ist eine ganz andere Sache, dass die Uni klein beigibt, ist dagegen ein Schlag gegen die freie Meinungsäußerung und den begründeten Zweifel an der katholischen Lehre. Dem Professor sollte eher ein Orden verliehen werden!

Re: Es ist eine Schande, ...

alles was sie sagen ist richtig - nur das mit Orden, wollen wir doch lassen.

1 1

Re: Es ist eine Schande, ...

An welchen Auszeichnung hätten Sie denn gedacht? An eine Stiftungsprofessur für "Musikologie und Angewandten Genozid" oder einfach an die Verleihung der Felix-Dserschinski-Medaille für die Erarbeitung der wissenschaftlichen Grundlagen zur Bekämpfung abweichender Meinungen?

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Am Wesentlichen vorbeigeschrieben

Wenn jemand die Todesstrafe für Andersdenkende fordert, dann fällt das wohl kaum unter Freiheit der Wissenschaft.

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Die sind doch weltfremd

Die sollte man einfach nicht allzu ernst nehmen.

Die Todesstrafe, für Andersdenkende zu fordern, geht dann doch zu weit

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Re: Die sind doch weltfremd

ich stimme voll zu - so lange ist es auch bei uns noch nicht her, das für (wenn auch sehr bizarre) Meinungen die Todesstrafe vorgesehen war (erst 1968 wurde in Österreich meines Wissens die Todesstrafe für Wiederbetätigung abgeschafft).

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