Was taugen die Argumente zu Schavans Verteidigung?

06.02.2013 | 18:07 |  Von unserem Korrespondenten KARL GAULHOFER (Die Presse)

Schavan und ihre Unterstützer forderten ein externes Zweitgutachten. Das Schavan-Lager schießt scharf gegen die Uni Düsseldorf. Zu Recht?

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Die Fälle Guttenberg und Schavan sind nicht zu vergleichen.
Das stimmt. Der frühere Verteidigungsminister schrieb schamlos ab: Bei 94 Prozent aller Seiten im Hauptteil seiner Arbeit wandte Guttenberg das Verfahren „Copy & Paste“ an. Bei Schavan fehlen „nur“ auf 30 Prozent der Seiten die korrekten Verweise auf fremdes Gedankengut. Zudem betreffen die Fehler vor allem den referierenden Teil, in dem es ohnehin nur um einen Überblick über den Stand der Forschung und die vorhandene Literatur geht. Das Fazit, das die junge Wissenschaftlerin daraus gezogen hat, wird nicht nur von ihrem Doktorvater als eigenständig und originell gepriesen. Schavan hat also, anders als der plumpe Plagiator Guttenberg, die Forschung in ihrem Fach weitergebracht. Die Frage ist: Entschuldigt das eine Täuschungsabsicht an so vielen Stellen?

• Die Zitierkultur war damals eine andere, zumal in den Geisteswissenschaften.
Ein gefährliches Argument, weil dabei anklingt, die Dissertanten hätten es Anfang der Achtzigerjahre mit dem Ausweis fremder Gedanken allgemein nicht so genau genommen. Konkret gemeint ist ein freies Paraphrasieren aus der vorhandenen Literatur, wobei nicht bei jedem sinngemäß übernommenen Gedanken eine entsprechende Fußnote gesetzt wird, sondern nur vereinzelt oder zusammenfassend. Schavans Fehler beschränken sich aber nicht auf solche „Bauernopfer“. Richtig ist, dass die deutschen Universitäten unterschiedliche Standards bei der Quellenarbeit hatten (und zum Teil heute noch haben). Allerdings ist vor wenigen Tagen ein Heftchen mit „Zitierregeln“ der Uni Düsseldorf aus jener Zeit aufgetaucht, das vom Doktorvater Schavans mitverfasst wurde. Gegen diese Regeln hat die Studentin klar verstoßen, was das Argument entkräftet, der „Entstehungskontext“ werde nicht angemessen berücksichtigt.

• „Ich habe Flüchtigkeitsfehler gemacht, aber niemals bewusst getäuscht.“
So lautet Schavans eigene Rechtfertigung. Knapp die Hälfte der als Plagiate erkannten Stellen in ihrer Dissertation sind „Verschleierungen“, bei denen die wirkliche Quelle nirgends genannt wird. Oft gibt die Autorin vor, dass sie Primärquellen zusammenfasst und interpretiert, obwohl sie tatsächlich fast wörtlich aus der Sekundärliteratur abschreibt – und dabei entlarvenderweise auch Fehler übernimmt. Worauf Schavan plädiert, ist ein „bedingter Vorsatz“. Das heißt: Sie habe die Täuschung nicht beabsichtigt, aber in Kauf genommen – was etwa passieren kann, wenn man Fußnoten und Literaturangaben erst nachträglich setzt und dabei auf ein paar vergisst. Zu verschleiern, dass man die Originalliteratur gar nicht gelesen hat, geht über solche Schlampereien aber deutlich hinaus.

Ein externer Forscher vom Fach hätte die Arbeit prüfen müssen.
Untersucht wurde die Dissertation von einem Judaisten der eigenen Universität. Schavan und ihre Unterstützer forderten ein externes Zweitgutachten von einem Erziehungswissenschaftler, der die nötige Fachkenntnis mitbringt. Diese Forderung konnte die Uni plausibel abwehren: Zur Diskussion stand nicht die fachliche Qualität der eigenständigen Teile der Arbeit. Zu klären war nur, ob und in welchem Umfang abgeschrieben wurde. Ob aber bei der Quellenarbeit die erforderlichen Mindeststandards eingehalten wurden, sollte jeder habilitierte Geisteswissenschaftler beurteilen können. Ein externer Gutachter mag unbefangener und wünschenswert sein. Aber es bleibt jeder Uni überlassen, wie sie ein Prüfverfahren organisiert. Hier ist der Uni also zumindest kein Formalfehler vorzuwerfen.

• Der Fall liegt über 30 Jahre zurück und ist damit rechtlich und moralisch verjährt. Die juristische Grundlage für die Prüfung durch die Uni Düsseldorf ist ein Landesgesetz von Nordrhein-Westfalen. Es sieht vor, dass die Anlassfälle für Verwaltungsverfahren nach 30 Jahren verjähren. Seitdem Annette Schavan ihre Dissertation eingereicht hat, sind bereits über 33 Jahre vergangen. Allerdings gilt die Frist nicht, wenn neue Umstände bekannt werden. In die Dissertation konnte aber die ganze Zeit über jeder einsehen. Der „neue Umstand“ war nur, dass sich Plagiatsjäger im Internet die Mühe machten, den Text zu untersuchen. Insofern dürfte dieser juristische Einwand stichhaltig sein. Zudem halten es viele für unangemessen und menschlich zu hart, dass nach so langer Zeit eine „Jugendsünde“ das Lebenswerk einer angesehenen Politikerin zerstört. Steuerhinterziehung etwa verjährt in Deutschland schon nach längstens 13 Jahren, der Sünder muss nicht einmal nachzahlen.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2013)

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12 Kommentare

Um die ist es nicht schade

Ex und Hopp, weg ist sie.

Re: Um die ist es nicht schade

Jene, die meinen Kommentar nicht verstehen, moegen ihre Reaktion im Fall von Guttenberg googeln.


Der ganz große Nachteil, den Frau Schavan mit Sicherheit damals hatte,

war der, dass sie mit 99,9% Wahrscheinlichkeit ihre Dissertation nicht mit einem Computer, sondern mit der "guten, alten" Schreibmaschine verfasst hat! Jeder, der sich noch an die Mühsal erinnert, wird das nachvollziehen können, was es heißt, wenn man 80 Bücher und 120 Artikel zum Thema gelesen hat und dann noch in dem Wust an Unterlagen genau die - meist handschriftlich extrahierten - Zitate irgendwo sucht.... Es war zumeist ein Riesenchaos an Unterlagen, Zetteln, Büchern etc. Ex nunc betrachtet kann man natürlich sehr viel kritisieren, aber ohne Computer und ohne das dazugehörige Programm und ohne solch ein Programm zu beherrschen, kann man heute gar keine Arbeit mehr verfassen! Im Übrigen: Heute gibt es in Österreich nur mehr die Mediziner, die nicht alle zwangsweise eine Dissertation verfassen müssen, damals gab es auch in Österreich noch die Juristen, die Psychologen etc. Das ist keine Entschuldigung, sondern eine Tatsache! Die Zeiten haben sich geändert - ohne Wertung - und das muss in der Bewertung der Dissertation berücksichtigt werden!

3 1

Weiters

wird der akademische Grad aufgrund eines erfolgreich absolvierten Studiums, mehrerer bestandener Prüfungen und einer Dissertation mit eigenständigen wissenschaftlichen Erkenntnissen verliehen. Nichts von dem steht in Frage, sondern nur die formalen Verstösse gegen Zitierregeln im referierenden Teil. Sogar ihre Gegner gestehen Frau Sch. zu, dass sie eine hervorragende Geisteswissenschaftlerin ist. Also führt sie den Doktor mit einiger Berechtigung!

2 1

Die

Vorgangsweise wirft natürlich auch einige Fragen auf:
Die Täuschungsabsicht wird - auch von Ihnen - unterstellt, auf eine Anhörung der Betroffenen wird verzichtet.
Trotz des hohen "Strafmaßes" stecken ein paar - möglicherweise befangene - Professoren Ihre Köpfe zusammen und fungieren als Ankläger, Verteidiger, Richter und Vollstrecker gleichzeitig. Möglicherweise befangen, weil vielleicht ohne Nennung zitiert oder - noch viel schlimmer - gar nicht zitiert.
Auch der Zeitpunkt der Aberkennung lässt das Verfahren in einem ungünstigen Licht erscheinen.

Ein externer Gutachter mag unbefangener...........

Das ich nicht lache. Hat man ja bei Birnbacher gesehen, wer zahlt schafft an.

Re: Ein externer Gutachter mag unbefangener...........

Sie wünschen wir spielen.

Meint die etwa Gefälligkeitsgutachten?

Die Birnbacher-Gutachter könnte ich der Person Schavan mit ruhigem Gewissen empfehlen.

Es ist absolut unglaublich, sich auf andere "Zitierkultur"

in der Entstehungszeit dieses Plagiats herauszureden! Genau in dieser Zeit besuchte ich ein Gymnasium ganz in der Nähe. Wir wurden in allen möglichen Unterrichtsgegenständen ganz gezielt in allen Arbeiten und Klausuren dazu angehalten, Zitate sauber zu kennzeichnen und Quellen sauber zu benennen. - Und an einer Universität wenige km entfernt sollte dies nicht Standard gewesen sein? - Die Ausreden dieser selbstgefälligen Dame machen alles nur noch schlimmer und verstärken die skandalöse Optik: Erst abstreiten, dann Ausreden ... - so geht es nicht, Frau ExDr. Schavan!

Re: Es ist absolut unglaublich, sich auf andere "Zitierkultur"

.... und der Inhalt war schon damals wie heute scheissegal, ...
und darum gibt es jetzt in vielen Ämtern, Ministerien, ... so viele Halbgebildete mit Doktortitel, aber sehr aufgeblasene Figuren.
In Düsseldorf, ..... und Österreich

Bezeichnend ist in D und Ö : es wird nie gegen Rote (Grüne) ermittelt. Warum wohl ?

Re: Re: Es ist absolut unglaublich, sich auf andere "Zitierkultur"

stimmt,
ausser: Pilz
aber was herausgekommen ist hat man nie erfahren

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