Das Doktorat als Lückenfüller

In den Rechts-, Geistes- und Sozialwissenschaften absolvieren immer mehr Studenten das Doktorat aus Mangel an Alternativen. Die Wissenschaft reizt sie nicht.

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c Die Presse Clemens Fabry

Wien. Die Zahl der Doktoranden hat in Österreich mit 26.000 einen neuen Höhepunkt erreicht (siehe Grafik). Damit gibt es nun rund ein Drittel mehr Doktoranden als noch im Jahr 2000. Daraus zu folgern, dass es für Studierende attraktiver geworden ist, eine wissenschaftliche Karriere einzuschlagen, wäre dennoch ein Trugschluss. Denn die neu entdeckte Lust am Doktoratsstudium hat viele – häufig durchaus zweifelhafte – Gründe. Das zeigt der Zusatzbericht zur jüngsten Studierendensozialerhebung, der der „Presse“ exklusiv vorliegt.

Großen Einfluss auf den Anstieg der Zahl der Doktoranden haben demnach etwa die Studiengebühren. Als diese 2001 eingeführt wurden, verloren viele die Lust am Doktoratsstudium. „Mit der Einführung der Studiengebühr verabschiedeten sich zahlreiche Scheininskribierende“, sagt Martin Unger vom Institut für höhere Studien (IHS). Damit sind jene Studierenden gemeint, die zwar inskribiert waren, aber keine Prüfungen absolvierten. Die Abschaffung der Gebühren im Jahr 2009 sorgte wiederum für einen sprunghaften Anstieg der Zahl an Doktoranden. Soll heißen: Das Wegfallen der 363,36 Euro pro Semester führte dazu, dass im Sommersemester 2009 um 43 Prozent mehr Doktoratsstudierende als im vorangegangenen Semester inskribiert waren.

 

Doktorat als Ersatz für den Job

Eine Rolle dürfte dabei aber auch die Umstellung der Doktoratsstudienpläne auf stärker strukturierte Studienpläne gespielt haben. Im Frühling 2009 war es in vielen Fächern zum letzten Mal möglich, im alten Studienplan zu inskribieren. Nicht außer Acht gelassen werden darf die Wirtschaftskrise. Der Arbeitsmarkt sei für Jungakademiker damals weniger aufnahmefähig gewesen, so Unger. Der Beginn eines Doktorats könnte eine willkommene Alternative gewesen sein.

Und dennoch: Dass die Zahl der Doktoranden immer noch hoch ist, dürfte vor allem mit der Abschaffung der Studiengebühren zusammenhängen. Das wiederum ist ein Indiz dafür, dass viele ihre Entscheidung, ein Doktorat zu beginnen, nicht vom Wunsch, eine wissenschaftliche Karriere einzuschlagen, abhängig machen. Das bestätigt auch die Sozialerhebung. So geben rund 71 Prozent der Doktoranden an, dass sie das Doktorat mitunter deshalb begonnen haben, weil sie in Wissenschaft und Forschung arbeiten wollen. Im Umkehrschluss heißt das, dass 29 Prozent der Doktoranden nicht einmal damit spekulieren, später als Wissenschaftler zu arbeiten. Hauptmotiv bleibt mit 94 Prozent das Interesse am Fach selbst.

Was Studierende dazu bewegt, ein Doktorat zu beginnen, hängt stark von den gewählten Fachgebieten ab. Studierende der Geistes- und Kulturwissenschaften beginnen überdurchschnittlich oft deshalb ein Dokorat, weil sie mit ihrem Erstabschluss keinen passenden Arbeitsplatz gefunden haben. Mehr als jeder fünfte Doktorand in diesem Bereich gibt das als eines der Motive für die Studienwahl an. Außerdem wollen 17 Prozent der Doktoranden in den Geistes- und Kulturwissenschaften unter anderem einfach nur „länger Studenten sein“.

Die Studierenden eines rechtswissenschaftlichen Doktorats werden indes von einem anderen Motiv geleitet. 58 Prozent von ihnen geben an, das Doktoratsstudium unter anderem deshalb begonnen zu haben, da sie sich davon ein „höheres Ansehen“ erhoffen. Im Vergleich dazu tun das insgesamt nur 39 Prozent der Doktoranden. Außerdem wollen Juristen das Doktorat vergleichsweise oft „ausprobieren“ und einfach „länger Studenten“ sein. Viele hatten aber auch „keine bessere Idee“. Am seltensten von allen haben die Juristen ihr Doktoratsstudium aufgenommen, um in die Forschung zu gehen. Das unterscheidet sie vor allem von den Doktoranden in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern. Diese streben überdurchschnittlich oft einen Job im Bereich Wissenschaft und Forschung an. 82 Prozent der Techniker und 83 Prozent der Naturwissenschaftler nennen das als Motiv.

Generell scheinen die Doktoranden häufig unzufrieden zu sein. So geben lediglich 58 Prozent an, dass ihre Betreuer die Erwartungen erfüllen können. Nur 41 Prozent der Doktoranden halten die Einbindung in die Forschungstätigkeit für ausreichend.

Auf einen Blick

Die Zahl der Doktoranden stieg seit dem Jahr 2000 um mehr als 6000. Den Ausbau der Doktoratsstudien lässt sich das Wissenschaftsministerium einiges kosten: 18 Millionen Euro werden zusätzlich investiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2013)

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