Kritik an neuen Uni-Zugangsregeln: Aufwendig, teuer, wirkungslos

05.03.2013 | 18:13 |  JULIA NEUHAUSER (Die Presse)

Die Rektoren konzipieren neue Tests, glauben aber selbst nicht an deren Sinnhaftigkeit. Die Schwächen im Überblick.

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Wien. Die Rektoren sind in einem Zwiespalt. Zwar werden sie in den fünf neu beschränkten Studienfeldern – Architektur, Biologie, Informatik, Pharmazie und Wirtschaftswissenschaften – großteils umfangreiche Aufnahmeverfahren durchführen. An deren Sinnhaftigkeit glauben sie aber nicht. „Die Zugangsbeschränkungen, die vom Wissenschaftsministerium als Erfolg verkauft wurden, sind eine läppische Angelegenheit“, sagt etwa Adalbert Prechtl, Vizerektor der Technischen Uni Wien (TU). Die konkreten Schwächen im Überblick:

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1. Die neuen Beschränkungen bringen keine Entlastung in überlaufenen Fächern.

Durch die Zugangsbeschränkungen wird es nicht weniger, sondern – mit Ausnahme der Architektur – sogar mehr Studierende in den ohnehin bereits überlaufenen Fächern geben. Der Hintergrund: Die Unis dürfen laut Gesetz nicht weniger Anfänger aufnehmen, als es in den einzelnen Fächern im Jahr 2011 gab. An der Wirtschaftsuni Wien (WU) heißt das laut Vizerektorin Edith Littich Folgendes: „Betreuen können wir bis zu 1900 Studenten. Tatsächlich müssen wir aber 3700 Studierende aufnehmen.“ Auch die Uni Wien klagt über die vom Ministerium festgelegten Mindestzahlen. So gebe es etwa im Bereich Pharmazie nur 190 Laborplätze. Aufgenommen werden müssten aber 700 Studienanfänger.

2. Eine Umschichtung der Studenten zwischen den Unis findet nicht statt.

Nicht an allen Uni-Standorten sind die fünf betroffenen Studienfelder heillos überlaufen. Der ursprüngliche Plan – die Studierenden besser über die einzelnen Standorte zu verteilen – ist dennoch geplatzt. So war etwa vorgesehen, dass die Wirtschaftsuni von den Beschränkungen profitiert und weniger Studienanfänger aufzunehmen hat. Die abgewiesenen Studenten sollten auf die anderen Unis verteilt werden. Das ist nun nicht der Fall. Die festgelegten Platzzahlen orientieren sich – wie in Punkt eins erwähnt – nahezu ausschließlich an den bisherigen Studierendenzahlen der einzelnen Unis und nicht an den tatsächlichen Kapazitäten.

3. Es geht nicht wirklich darum, die geeignetsten Studierenden auszuwählen.

Die Unis haben sich auf gemeinsame Aufnahmeverfahren in den einzelnen Studienfeldern geeinigt. In den meisten Studienrichtungen müssen sich die angehenden Studenten zuerst selbst testen und online ihre Eignung für das Fach überprüfen. Dann verlangen manche Unis ein Motivationsschreiben, das online eingereicht werden muss. Zu guter Letzt kommt der Aufnahmetest (siehe Faktenkasten). Der Haken: Weder die Self-Assessment-Tests noch die Motivationsschreiben werden tatsächlich bewertet. Sie wurden nur eingeführt, um den gesetzlich vorgesehenen zweistufigen Aufnahmeverfahren Genüge zu tun. Auch die Aufnahmetests sagen wenig über die wirkliche Eignung der Studierenden für das jeweilige Fach aus. Denn selbst wer bei der Prüfung schlecht abschneidet, kann unter Umständen einen Studienplatz ergattern. Die Plätze werden einfach so lange aufgefüllt, bis die festgelegte Mindestzahl an Studenten erreicht ist.

4. Die Unis befürchten, dass Interessenten die Anmeldefristen versäumen.

Bereits am 15.April beginnt die Anmeldung. Die Fristen laufen je nach Studienrichtung unterschiedlich lange. Im Bereich Wirtschaftswissenschaften endet diese schon am 31.Mai. Anmelden müssen sich sowohl jene Studieninteressenten, die bereits im Herbst ihr Studium aufnehmen wollen als auch die, die erst im Sommersemester 2014 zu studieren beginnen wollen. Die Universitäten befürchten, dass zahlreiche Interessenten die Fristen verpassen könnten.

5. Die neuen Aufnahmeverfahren sind für die Universitäten enorm teuer.

Nicht nur die flächendeckende Information der Studieninteressenten ist kostspielig. Auch die Tests selbst strapazieren die Uni-Budgets. Zur Einordnung: Allein der Psychologie-Aufnahmetest der Uni Wien schlägt mit rund 100.000 Euro an externen Kosten (Saalmiete, Druckkosten) zu Buche. Trotz aufwendiger Planung ist lange Zeit nicht klar, ob die Tests tatsächlich stattfinden. Angesetzt werden sie nur, wenn die Anmeldezahlen die Zahl der Plätze überschreiten. Und auch dann ist die Durchführung nicht fix. Kommen am Testtag weniger Studierende, als es Plätze gibt, werden sie wieder nach Hause geschickt.

6. Trotz Beschränkungen wird es weiterhin Knock-out-Prüfungen geben.

Die Unis sprechen jetzt schon Klartext: Da die Anfängerzahlen noch weit über den Kapazitäten liegen, wird sich die Situation für die Studierenden nicht ändern. Auch Knock-out-Prüfungen wird es also weiter geben.

Details zur Anmeldung

Die Anmeldefrist beginnt für alle neu beschränkten Fächer am 15.April. Im Bereich Wirtschaftswissenschaften endet die Frist am 31.Mai. Melden sich mehr Studierende an, als es Plätze gibt, findet der Test am 9.Juli statt. Architektur-Interessenten haben bis 14.Juni Zeit, der Test folgt am 22.Juli. In den Bereichen Informatik, Biologie sowie Pharmazie läuft die Frist bis 2.August. Der Informatiktest ist für den 2.September vorgesehen, der Biologietest für den 5.September. Im Bereich Ernährungswissenschaften wird es der 6.September sein, in der Pharmazie der 9.September. Übrigens: Nicht alle Unis führen Tests durch. Nähere Infos gibt es auf den Homepages der Unis sowie auf studienbeginn.at. [Eva Rauer]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2013)

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13 Kommentare

Der Termin ist das Problem

9. Juli für den Wirtschaftsaufnahmetest? Da ist doch fast jede Klasse auf Maturareise oder auf Urlaub! Das ist wirklich blöd gelegt. Falls das Argument kommt, dass Bildung vor Urlaub kommt - Natürlich! Gebe ich Ihnen vollkommen recht! Wenn ea nur bekannt gewesen wäre! Niemand hätte seine Maturareise am 5. Juli gefeiert - da ist Medizintest (der Termin steht seit Oktober fest). Schüler haben meist nicht Unmengen an Geld, wissen eigentlich genau, wann sie frei haben und nutzen daher bestimmt jeden Frühbucherbonus!
Ich bin enttäuscht von dieser kurzfristigen, beschlossenen Sache - und sitze jetzt mit einem Flugticket am 8. Juli und ohne Plan wie ich nächstes Jahr Wirtschaft studieren soll, vor meinen Maturasachen.

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Die vernünftigste Regelung wären flexible Studiengebühren.

Wo es einen Überschuss an Absolventen gibt, soll die Studiengebühr hoch sein, wo der Bedarf mit Absolventen nicht gedeckt werden kann, soll die Studiengebühr minimal sein.

Damit gibt es nicht die Ausrede, dass finanziell Schwächere benachteiligt wären und jeder der es sich leisten kann, kann sein Wunschfach studieren.

Für Studienten, die gleich nach dem Studium ins Ausland gehen, soll die höchste Studiengebühr nachträglich fällig werden. Wenn ein ausländisches Unternehmen einen Absolventen unbedingt haben will, steht es ihm frei, die nachträglichen Studiengebühren für den Studenten zu übernehmen.

Reichsfluchtsteuer reloaded?

Die Ideen der Absätze 1&2 sind ja ganz OK, aber Absatz 3 ist lächerlich.

Was für ein Sauhaufen!

4. Die Unis befürchten, dass Interessenten die Anmeldefristen versäumen. ???? das ist ja als würde ...
Die ÖBB die Züge in den Bahnhöfen warten lassen, weil man befürchtet, dass Fahrgäste zu spät kommen könnten.
Dafür fehlt mir jedes Veständnis.


Re: Was für ein Sauhaufen!

jein, Sie haben gewissermaßen schon zum Teil Recht. Insbesondere junge Menschen sollen lernen Fristen einzuhalten. Wenn man allerdings die Frist so anlegt, dass man sich bei der Uni anmelden muss bevor man überhaupt die Matura hat, ist das in etwa so, als müsste man bei der ÖBB den Fahrschein schon drei Wochen vor Abfahrt bestellen, um bei Ihrem Vergleich zu bleiben.

Re: Re: Was für ein Sauhaufen!

Uni-Anmeldung VOR Erhalt des qualifizierenden Abschlusszeugnisses ist international durchaus ueblich.

Da in Oe die Matura-Noten (ausser "bestanden/nicht bestanden) keine Rolle spielen, ist das sowieso kein wirkliches Problem.

Selbst WENN Abschlussnoten relevant sind, ist es durchaus moeglich "erwartete" Ergebnisse (aufgrund bisheriger Leistungen) heranzuziehen und das definitive Erreichen von Mindestnoten zur Aufnahmebedingung zu machen. Das wird z.B. in USA oder GB so gemacht (dort gibt es allerdings zusaetzlich Interviews).

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tja der töchterle ist schon ein hochqualifizierter mann

weiter so dann sind die unis endgültig ruiniert

Re: tja der töchterle ist schon ein hochqualifizierter mann

Was soll er denn machen mit den Feinden von Bildung und Wohlstand in der Regierung?

Re: tja der töchterle ist schon ein hochqualifizierter mann

entweder Studiengebühren oder Notendurchschnitt wie in der BRD. gegen beides legt sich die SPÖ quer .

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Re: Re: tja der töchterle ist schon ein hochqualifizierter mann

Das mit den Studiengebühren hatten wir schon (und das Ergebnis ist Geschichte).
Das mit dem NC funktioniert in Deutschland ja auch ganz problemlos und sorgt dafür dass kein einziges Studium überlaufen ist.

Oder so...

Re: Re: Re: tja der töchterle ist schon ein hochqualifizierter mann

Aber da die Abschaffung der Gebühren ein Wahlzuckerl war, könnten wir sie ja wieder einführen. Es gab auch damals schon Ausnahmeregelungen. Viele hätten diese nur in Anspruch nehmen müssen. Darüber hinaus waren die Gebühren moderat. In Kombination von Aufnahmeprüfung und die von den Unis geforderten Reduktionen der Studienanfänger könnte die Qualität rasch steigern. Allerdings müssten die Studiengebühren zusätzlich den jeweiligennUnis zu gute kommen. Dann fällt auch die Reduktion der Studienanfänger nicht zu stark ins Gewicht.

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Re: Re: Re: Re: tja der töchterle ist schon ein hochqualifizierter mann

Also ich habe zu Zeiten der Studiengebühren studiert. Ich "musste" nebenbei arbeiten gehen, damit ich mir nicht nur diese Gebühren sondern auch noch das Essen leisten konnte.

Auch wenn die Gebühren moderat waren können sie doch deutlich zu hoch für viele sein - und damit den einzelnen Studen das Genick brechen.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich persönlich bin ganz großer Fan der Variante wie man sie inzwischen bei einigen (privaten) Ausbildungsstätten findet: Kostenloser Kredit zur finanzierung des Studiums (plus Unterkunft+Taschengeld) der ab einem gewissen Einkommen zurückgezahlt werden muss.

Ich halte aber weder den NC noch Studiengebühren für eine geeignete Maßnahme um überlaufene Fächer vor zuvielen Studenten zu schützen.

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Re: Re: Re: tja der töchterle ist schon ein hochqualifizierter mann

NC funktioniert in Deutschland und in Österreich funktioniert es nicht mehr weil die deutschen NC-Flüchtlinge unsere Unis überschwemmen.
Ich mache den Studenten keinen Vorwurf. Es ist ihr gutes Recht die Möglichkeiten auszuschöpfen. Unsere Politiker haben bei den EU-Beitrittsverhandlungen geschlafen. Wenn damals eine klare Regelung vereinbart worden wäre, hätten wir heute nicht die Überbelegung an den Unis und wir bräuchten keine Zugangsbeschränkungen.

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