Architektur: "Dürften aus 1030 Bewerbern 1030 aussuchen"

18.03.2013 | 13:39 |  von Bernadette Bayrhammer (DiePresse.com)

Dekan und Studiendekan für Architektur an der TU Wien über den "großen Bluff" bei den neuen Zugangsregeln und die Illusionen angehender Architekten.

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Obwohl die Fächer Architektur und Informatik überlaufen sind, wird die TU Wien den Zugang nicht beschränken. Das Argument: Die vom Ministerium festgelegte Zahl an Studienplätzen seien nicht akzeptabel, sondern viel zu hoch. In der Architektur verfüge man über Kapazitäten für 535 Studienanfänger, das Ministerium habe jedoch 1030 Plätze vorgegeben. Der Dekan der Fakultät für Architektur, Rudolf Scheuvens, und Studiendekan Christian Kühn erklären, warum noch immer keine Verbesserung wäre - obwohl die Anfängerzahl zuletzt bei rund 1400 lag.

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Die TU Wien verzichtet in der Architektur auf Aufnahmetests. Da stellt sich die Frage: Ist ein solches politisches Statement vonseiten der Uni wichtiger als eine Verbesserung der Bedingungen – und sei es nur ein bisschen?
Christian Kühn: Man muss sich diese Zahl genau ansehen. Der große Bluff beginnt nämlich bei der Gleichsetzung von inskribierten mit prüfungsaktiven Studenten. Von den 1400 Inskribierten waren schon bisher an die 350 bloße Karteileichen. Die vorgeschriebenen 1030 entsprechen also der Studentenzahl, die wir schon bisher hatten. De facto würde das Verfahren, so wie es jetzt aufgesetzt war, bedeuten: Wir dürften aus 1030 Bewerbern 1030 aussuchen.

Neue Beschränkungen
Möglich wären Zugangsbeschränkungen ab Herbst in fünf Bereichen. Für Wirtschaft, Architektur, Informatik, Biologie und Pharmazie – insgesamt 28 einzelne Studienfächer – wurde die Anfängerzahl per Gesetz festgelegt; gibt es mehr Interessenten, können die Unis Aufnahmeverfahren durchführen.

Die TU Wien verzichtet in Architektur und Informatik auf Beschränkungen. Die Unis Graz und Innsbruck werden in Architektur Aufnahmetests durchführen. In Informatik verzichtet auch die Uni Wien auf einen Test, die Uni Salzburg will in den Fächern Informatik und Biologie kein Aufnahmeverfahren durchführen.

Wären nicht von diesen 1030 wieder einige bloß am Papier inskribiert, sodass es doch zu einer Reduktion kämet?
Rudolf Scheuvens: Die Bedingungen wären jetzt andere. Bisher haben viele inskribiert, und sind dann gar nie aufgetaucht. Und nun ging es um eine aktive Bewerbung, bei der man sich auch mit Motivationsschreiben vorstellen muss. Der Schwund derer, die inskribieren, zu jenen, die wirklich studieren, wäre wahrscheinlich nicht so groß gewesen.

Nun werden aber in der Architektur aber womöglich auch noch jene Studenten, die anderswo nicht zum Zug kommen, auch noch an die TU Wien drängen.
Scheuvens: Das kann sein, ja. Das Problem ist, dass wir bislang alleine aufgetreten sind. Wenn die anderen Unis das Aufnahmeverfahren durchführen, werden wir auf noch höhere Zahlen kommen.
Kühn: Die Rektoren der anderen Universitäten sind jetzt dabei, zu überlegen, ob sie mitgehen oder nicht. Die Grundidee wäre sehr wohl eine einheitliche Vorgehensweise für ganz Österreich. Ob es dazu kommt, wird man in den kommenden Tagen sehen.

Das würde bedeuten, dass die Unis den Töchterle-Vorschlag für den Bereich Architektur einfach boykottieren.
Scheuvens: Um eines klarzustellen: Wir sperren uns nicht gegen solche Verfahren. Aber wir brauchen Werte, die uns wirklich arbeitsfähig machen, Zugangsregelungen, die uns auch helfen. Und nicht solche, die im Endeffekt keine Veränderungen zum Status quo bringen.

Der Minister argumentiert, dass sein Vorschlag ein erster Schritt sei, um zu idealen Betreuungsverhältnissen zu kommen, dass aber nicht alles sofort möglich sei.
Scheuvens: Es ist so: Wir hätten den Studierenden jetzt mitteilen müssen: Ihr habt zwar das Aufnahmeverfahren überstanden, aber wir haben trotzdem nicht die Kapazitäten, um euch entsprechend betreuen zu können. Wenn jemand aber nach einem Auswahlverfahren einen Platz bekommt, dann muss man doch auch garantieren können, dass diese Plätze ausreichend bewältigbar sind. Und die Kapazitäten, die wir haben, entsprechen keinesfalls diesen 1030.

Welche Platzzahl wäre denn für Sie noch akzeptabel gewesen?
Scheuvens: Wir haben Kapazitäten für 535 Studienanfänger. Eine solche Anpassung war aber gar nicht gefordert. Sondern schlicht eine, die uns eine Möglichkeit gibt, handeln zu können. Das wäre ein erster Schritt gewesen.
Kühn: In Summe wäre das wohl eine Zahl von etwa 800 gewesen.

Das Interesse am Architekturstudium ist in den vergangenen Jahren rapide gestiegen. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Kühn: Junge Menschen verbessern gern die Welt. Und Architektur ist eine Art, sichtbar die Welt zu verbessern. Man kann auch als Biochemiker oder als Elektrotechniker die Welt verbessern, es ist nur nicht ganz so sichtbar. Wir versuchen, den Leuten auch klar zu machen, dass das Glück der Welt nicht von den Architekten abhängt. Aber es ist natürlich auch ein großer Motivationsfaktor.

Allein der Gedanke der Weltverbesserung wird es aber doch nicht sein, oder?
Kühn: Die, die glauben, dass sie reich werden, haben bald begriffen, dass das nur auf ein Promille unserer Absolventen zutrifft. Ein anderer Punkt ist das Gefühl, selbstständig agieren zu können und nicht in ein Räderwerk eingespannt zu sein. Auch das ist eher Illusion als Realität, aber ich verstehe natürlich, wenn es bei der Berufswahl eine Rolle spielt.

Zu den Personen
Rudolf Scheuvens ist seit 1. Jänner Dekan der Fakultät für Architektur und Raumplanung an der TU Wien. Christian Kühn ist an der TU Studiendekan für Architektur und Building Science.

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6 Kommentare

Und wie sieht es mit den Berufschancen der Absolvent/inn/en aus ?

.
"Kapazitäten" sind an der TU Wien ja bekanntlich ohnehin dünn gesät ..

Bluff-Regelung

Ironischerweise "profitieren" einige Unis (zB die WU Wien-3700 Anfaengern besser als 6000+) von dieser Pseudo-Regelung. Eigentlich, ein Armutszeugnis fuer Oesterreich.

Es ist ganz klar wer das Problem verursacht hat-die SPOE (Andrea Kuntzl)

Fuer die SPOE stellen die von der Unis festgelegte Kapazitaeten keinen Wert dar. Der BM Toechterle konnte sich einfach nicht durchsetzen-eine dunkle Seite der Demokratie.

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Der schöne und elitäre Titel der relativ einfach nach einem durchschnittlich Studiendauer von 16 Semestern erworben werden kann, lässt verführerisch von einer Welt träumen, die nur darauf wartet von den Architekten verbessert zu werden.
Dass allerdings nur ein ganz kleiner Bruchteil der Architekturstudenten und Innen tatsächlich einmal in entsprechende Positionen gelangen, wo ihre Künste die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit bekommen, ist und bleibt nicht abschreckend. Alle anderen fristen meist als unterbezahlte so genannte freie Dienstnehmer und Innen einen Existenzkampf, wo nach jahrelanger Praxis das bescheidene Minimalziel “Überleben“ als bescheiden gewordener Akademiker doch noch in Erfüllung geht. Wer nicht spätesten bis 35 auch nur einen halbwegs adäquaten Job erhascht hat, endet mit 40zig als akademisch ausgebildeter Zeichner. Somit ist der Traum vom Traumberuf schon frühzeitig ausgeträumt, und der Kampf um die Mindestsicherung kann beginnen…

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Der schöne und elitäre Titel der relativ einfach nach einem durchschnittlich Studiendauer von 16 Semestern erworben werden kann, lässt verführerisch von einer Welt träumen, die nur darauf wartet von den Architekten verbessert zu werden.
Dass allerdings nur ein ganz kleiner Bruchteil der Architekturstudenten und Innen tatsächlich einmal in entsprechende Positionen gelangen, wo ihre Künste die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit bekommen, ist und bleibt nicht abschreckend. Alle anderen fristen meist als unterbezahlte so genannte freie Dienstnehmer und Innen einen Existenzkampf, wo nach jahrelanger Praxis das bescheidene Minimalziel “Überleben“ als bescheiden gewordener Akademiker doch noch in Erfüllung geht. Wer nicht spätesten bis 35 auch nur einen halbwegs adäquaten Job erhascht hat, endet mit 40zig als akademisch ausgebildeter Zeichner. Somit ist der Traum vom Traumberuf schon frühzeitig ausgeträumt, und der Kampf um die Mindestsicherung kann beginnen…

Schöne Stadthäuser, die die Architekten planen.

Das Wasser, das Abwasser, die Zufahrtstraßen, die Parkplätze, den Müll organisieren die andern.

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