Freier Zugang für alle

Lernen per Internet wird ausgefeilter – und dank frei zugänglicher Vorlesungen leicht konsumierbar. Doch was gilt es mit MOOC und OER zu beachten?

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Wenn Severin Schleser, Bachelorstudent im achten Semester, in Wien sein iPad zückt, ist er nur mehr einen Klick vom Lehrangebot der Yale University in New Heaven (Connecticut, USA) entfernt. „Ich sehe mir regelmäßig gefilmte Vorlesungen aus Yale an. Das thematische Angebot ist breit gefächert, und die inhaltliche Qualität hervorragend. Zuletzt habe ich mir einführende Lehrveranstaltungen zu Psychologie und Spieltheorie gegönnt“, so der BWL-Student.

 

Studieren per App

Möglich macht es die iTunes-University-App, mit der Studenten eine Video- oder Audiovorlesung abspielen und Notizen machen können, die zusammen mit der Vorlesung synchronisiert werden. Weitere Optionen: Bücher lesen, Präsentationen abspielen, Aufgaben erledigen. Und wenn ein Dozent eine neue Aufgabe stellt, bekommen die Benutzer eine Push-Benachrichtigung. Für Lehrkräfte bietet sich die Chance, ihre Kurse als kostenlose Lerninhalte bereitzustellen. Zu den Einrichtungen, die diese Plattform nutzen, gehören so renommierte wie Harvard, Stanford, Yale, Oxford, UC Berkeley oder die New York Public Library. In Österreich bieten beispielsweise die Unis Innsbruck und Salzburg oder die TU Graz ausgewählte Vorlesungen, Vorträge und Studieninfos auf iTunes an.

 

Trend: Gratisplattformen

Die iTunes-University ist ein Beispiel für „Open Educational Resources“ (OER) – ein Begriff, der in der digitalen Bildung immer häufiger benutzt wird. Während die Entwicklung in Europa noch in den Kinderschuhen steckt, gehört es in Nordamerika bereits seit zehn Jahren zur universitären Praxis, diese Kursunterlagen zu erstellen und zugänglich zu machen.

Damit einher geht die Entstehung neuer Lehr- und Lernformen, wie beispielsweise zertifizierter Online-Lehrangebote in Form von sogenannten Massive Online Open Courses (MOOC). „MOOC stellen die aktuell höchste Qualität im Bereich Online-Distance-Learning dar. Dabei werden Universitätskurse über gemeinsam genutzte Netzwerke – zu den größten Plattformen zählen Coursera, Udacity und EdX – zur Verfügung gestellt. Kostenlos und für jedermann frei zugänglich“, erläutert der kanadische Professor Ian Sutherland, MOOC-Experte und aktuell Director of PhD Studies an der IEDC-Bled School of Management in Slowenien. Bei einem MOOC entscheiden die Lernenden selbst, wie und ob sie sich einbringen. Entschließen sie sich aktiv zu partizipieren, erstellen sie selbst Beiträge wie Blogeinträge, Wikis, Tweets, Videos oder Podcasts, die veröffentlicht und von den anderen Teilnehmern und Lehrenden gelesen, gesehen, kommentiert, diskutiert und – ähnlich einem Wiki – erweitert werden können.

 

Neue Lerncommunity

Geschaffen wird damit laut Sutherland eine Gemeinschaft von Lernenden, die sich nicht auf das bloße Abrufen von Kursinhalten beschränkt: „MOOC dauern meist acht Wochen, beinhalten wöchentliche Aufgabenstellungen und sorgen für genügend Struktur, um am Ball zu bleiben. Dahinter steht die Idee einer engagierten Lerncommunity und eines Croudsourcing von Themen – unter tausenden gleich gesinnten Teilnehmern rund um die Welt.“

Nancy J. Adler, Expertin für Interkulturelles Management an der McGill University in Montreal, Kanada, bringt einen zusätzlichen Aspekt ein: „Wir wissen, dass es in Sachen Lernerfolg auch um starke, verbindliche Beziehungen zwischen Studierenden untereinander sowie zu Lehrenden geht. Doch wie lassen sich diese Beziehungen schaffen und aufrechterhalten, wenn Bildung zunehmend im virtuellen Raum konsumiert wird? Damit müssen wir uns befassen.“

Eine Möglichkeit ist die Kombination von Online-Distance-Learning mit aufbauenden Präsenzlehrveranstaltungen. Ein Pilotprojekt, unter anderem von Sutherland und Adler initiiert, startete jüngst an der IEDC – Bled School of Management. „Im Rahmen der MOOC treffen wir uns mit 60 internationalen Teilnehmern in fünf sogenannten Learning Accelerator Studios. Wir vertiefen in Diskussionsgruppen die MOOC-Inhalte und überlegen uns praxisbezogene Anwendungen des Lehrstoffes“, erläutert Sutherland.

Adler ergänzt: „Das Blended-Learning-Format, das die Stärken von Massive Open Online Courses und Präsenzveranstaltungen zusammenbringt, stößt auf großes Interesse und zeigt, wie innovativ Bildung in Zukunft sein wird.“

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.iedc.si; www.coursera.org,

www.udacity.com, www.edx.org,

www.apple.com/at/education/itunes-u/

Lexikon

E-Learning bezeichnet alle Formen von Lernen beziehungsweise Lehren, bei denen digitale Medien für die Präsentation und Verteilung von Lehrinhalten zum Einsatz kommen.
Online-Distance-Learning: Lernen, das nicht gemeinsam in einem Hörsaal oder einer Lehrveranstaltung durchgeführt wird. Die Inhalte werden von Institutionen online zur Verfügung gestellt.
Blended Learning steht für eine Kombination von E-Learning und Präsenzveranstaltungen.
Croudsourcing bezeichnet die Auslagerung von Aufgaben an eine Menge von freiwilligen Usern, z. B. über das Internet. Der bekannteste Vertreter für die Anwendung des Crowdsourcing ist das Online-Lexikon Wikipedia.
Blog: Das Blog oder auch Weblog ist ein auf einer Website geführtes und damit meist öffentlich einsehbares Tagebuch oder Journal, in dem der Blogger Aufzeichnungen führt, Sachverhalte protokolliert oder Gedanken niederschreibt.
Wikis sind im World Wide Web veröffentlichte Seiten, die von den Benutzern online geändert werden können. Im Gegensatz zur Web-Programmiersprache HTML wird mit einer vereinfachten Syntax gearbeitet, die ein leichtes Ändern der Inhalte ermöglicht.
Tweets: Über den Dienst Twitter verbreitete Kurznachrichten mit maximal 140 Zeichen.
Podcasts: Eine Serie von Medienbeiträgen, in Form von Text-, Audio- oder Videodateien, die – in der Regel kostenlos – abonniert werden können.
Open Educational Resources(OER): frei zugängliche Lehrmaterialien, etwa Vorlesungstexte oder -mitschnitte. Ein Beispiel ist die iTunes U Website.
Massive Open Online Course, kurz MOOC: spezielle Form von meist frei zugänglichen Onlinekursen mit sehr vielen Teilnehmern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2013)

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