Wien.Fünf Stockwerke Schmucklosigkeit in mausgrauem Anstrich. Man muss drin gewohnt haben, um das Haus zu mögen. Wenn Passanten das Gebäude je aufgefallen ist, dann wohl negativ. Unscheinbar wirkt der Bau, der derzeit noch an der Ecke Skodagasse/Alser Straße steht, dennoch nicht. Dazu ist er zu klotzig, fast könnte man sagen: zu hässlich.
Ab heute, Montag, werden sich die Bagger ihren Weg durch die Eingangstüre des einstigen Studentenheims bahnen. Und langsam aber sicher beginnen, den klobigen Bau Stück für Stück abzutragen. Zunächst soll ein Parkplatz entstehen, später möchte die Confraternität, eine Privatklinik nebenan, einen Zubau errichten.
„Die Sanierung wäre zu teuer gewesen“, sagt Paul Slupetzky, technischer Geschäftsführer der Österreichischen Studentenförderungsstiftung, die das Heim über 30 Jahre lang betrieben hat. Es war ein Heim mit dem Komfort der 1970er Jahre – ausgestattet mit (größtenteils) Zweibettzimmern, Toiletten am Gang, Etagenküchen. „In den letzten Jahren“, erinnert sich Slupetzky, „war das Heimleben nicht mehr intakt“. Das sei an der hohen Fluktuation der Bewohner gelegen, viele von ihnen waren Studierende aus dem Ausland. 2004 kam dann der Auszug, das Heim wurde geschlossen. „Ohne Sentimentalitäten“, sagt Slupetzky. Er werde dem Haus nicht nachtrauern.
Anders Gavino Paolini. Als er von dem Abbruch erfährt, zeigt er sich betroffen. Verschwindet das Haus, schwinden die Erinnerungen. „Diese Nachricht ist so traurig für mich“, sagt der Italiener. „Ich werde alle meine Freunde davon informieren“.
Paolini wohnte in den Sommern 2001 und 2002 mehrere Monate im „Alserheim“, wie er es nennt, als er einen Deutschkurs besuchte. Von seinem Aufenthalt in Wien – „einige der schönsten Monate meines Lebens“ – hat er sogar eine Website angefertigt: Auf www.alserstrasse33.net sind Fotos vom Heimleben und den Ausflügen der Austauschstudenten zu sehen. Mit einigen sei er auch heute noch gut befreundet, erzählt Paolini.
Vom Hotel zum Studentenheim
Bevor die Studenten in das Haus einzogen, beherbergte die Alser Straße 33 andere Gäste, solche, die noch häufiger wechselten: Das Haus war ein Hotel und Restaurant namens „Zum Goldenen Hirschen“. Übrigens ein Stammlokal des Schauspielers Hans Moser. Damals war das Gebäude freilich noch ein liebliches, zweistöckiges Biedermeierhaus.
Anfang der 1970er Jahre erwarb die Studentenförderungsstiftung das Gebäude. Um das Haus als Heim nutzen zu können, entschloss man sich zur Aufstockung. Eine dreistöckige Stahlbetonkonstruktion mit niederen Decken und kleinen Fenstern wurde über den Altbau gestülpt. Architektonisch wahrlich keine Glanzleistung, doch im Inneren der Betonfestung ging es fortan mindestens genauso lustig wie im einstigen Wirtshaus zu. Tausende Studenten haben über die Jahre in den 130 Betten genächtigt, in den Sozialräumen und Etagenküchen gefeiert. Paolini ebenso. „In einer der dreckigen Aufenthaltsräume lernte ich Joana kennen, ein nettes Mädchen aus Palma di Mallorca“, erinnert er sich. „Danach wurde unser Leben zur Party.“ Zur Sangria-Party, natürlich.
Der Kastanienbaum im Hof, auf den Johann Sprinz als Medizinstudent Mitte der 80er aus seinem Zimmer blickte, steht auch heute noch. Auch Sprinz störte die Grobheit des Baus nicht. Die Zeit im Neunten, erzählt der heute 57-Jährige, war einfach „herrlich und sehr intensiv“. Da waren die Partys, auf denen zu Wolfgang Ambros „Zentralfriedhof“ getanzt wurde, das gemeinsame Kochen (Nudeln und Salat!) und die vielen Bekanntschaften.
Tanzen zu „Zentralfriedhof“
Heute ist Sprinz als Arzt und Psychotherapeut in Salzburg tätig. Ein „riesiger Aufstieg“ war es, als der Student im Heim von einem Zweibettzimmer in ein Einzelzimmer umzog. „Von da an konnte ich auch meine Freundin mit aufs Zimmer nehmen.“
Am Ende seines Studiums heiratete Sprinz seine Freundin. „Wäre das Heim nicht gewesen, wäre das vielleicht nie passiert“, sagt er. Freilich, damit ist die Geschichte nicht zu Ende. Heute ist Sprinz geschieden. An das Studentenleben erinnert er sich aber noch immer gern zurück. Die Erinnerung an die eigene Jugend ist auch trügerisch, sagt er. „Im Nachhinein ist es immer schöner.“ Prüfungsangst, die Mühen des Zusammenlebens, der Dreck – mit den Jahren verblassen die negativen Erinnerungen.
Im Sommer 2004 brachen schließlich die letzten Tage des „Alserheims“ an. Das Heim wurde geschlossen, das Mobiliar kam nach Ungarn oder auf den Sperrmüll. Ein letzter neuer Mieter zog in das verlassene Gebäude: Ein neuer Trafikant übernahm das Geschäft im kleinen Zubau links im Erdgeschoß. „Ein leeres Haus ist kein guter Geschäftsstandort“, sagt der Mann, der den Neubau schon nicht mehr erwarten kann. Seit ein paar Monaten ist ein Container sein Ausweichquartier. „Es ist nicht schade drum“, ist alles, was ihm zum Abbruch einfällt. Das neue Haus werde „sicher schöner“.
Punks auf Wohnungssuche
Einmal noch hatte das leer stehende Haus in letzter Zeit Besuch. Am 18. Mai 2007 besetzten rund 30 Punks das Gebäude und forderten ein eigenes Haus – eine „Pankahyttn“. Nach ein paar Stunden zogen die Punks unverrichteter Dinge wieder aus. Und die Pankahyttn wurde schließlich nicht in der Alser Straße 33, sondern erst dieses Jahr in der Johnstraße im 15. Bezirk bezogen.
In drei Wochen wird das „Alserheim“ Geschichte sein. Seine früheren Bewohner werden sich zumindest gerne daran erinnern.
Bis in die 1970er Jahre war das Haus in Wien-Alsergrund nur ein zweistöckiges Gebäude.
Danach erwarb die Studentenföderungsstiftung das Gebäude und stockte es um drei Etagen auf.
Bis ins Jahr 2004 war das Studentenheim in Betrieb.
Das Privatspital Confraternität führt in den nächsten Wochen den Abriss durch.
Geplant: Ein Zubau für das angrenzende Krankenhaus und eine Sozialeinrichtung.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2008)









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