Aufnahmetests: Schule schuld an schlechten Ergebnissen von Frauen

Einer neuen Studie zufolge schneiden Frauen wegen ihrer Erziehung in Schule und Elternhaus bei Medizin-Aufnahmetets schlechter ab als Männer.

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(c) APA (Barbara Gindl)

Die schlechteren Ergebnisse von Frauen bei den verschiedenen Zulassungstests für das Medizinstudium gehen zu einem guten Teil auf das Konto der "Bildungssozialisation" durch die Erziehung der Eltern und die Schule. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse der Bildungspsychologin Christiane Spiel (Uni Wien). Demnach bewerten etwa die Lehrer Mädchen und Burschen nach unterschiedlichen Kriterien. Aber auch die Tests sollten nach Ansicht Spiels überarbeitet und durch Alternativen zu "reinen" Testverfahren ergänzt werden, etwa durch Self Assessments. VP-Wissenschaftsminister Johannes Hahn sieht in der Analyse "Kritikpunkte von ziemlicher Schwere" und plädiert für eine "Weiterentwicklung" der Tests. Vorerst bleibt aber in Wien und Innsbruck alles beim Alten.

Für die Zulassung zum Medizin-Studium wird seit 2006 in Wien und Innsbruck der in der Schweiz entwickelte Eignungstest für das Medizin-Studium (EMS) eingesetzt, der innerhalb von ca. sechs Stunden Studien-Fähigkeiten wie medizinisch-naturwissenschaftliches Grundverständnis, räumliches Vorstellungsvermögen, Umgang mit Zahlen etc. abfragt. In Graz müssen sich die Studienwerber dagegen einem dreistündigen Wissenstest stellen.

Spiel: "Bewertungsgrundlagen nicht ident"

Das schlechtere Abschneiden von Frauen ist für Spiel durch die "Bildungssozialisation" bedingt: Österreichische Frauen haben in den Auswahlverfahren insgesamt schlechtere Ergebnisse als Männer erzielt, erhielten aber davor auch in Mathe und naturwissenschaftlichen Fächern bessere Schulnoten. Schlussfolgerung: "Die Bewertungsgrundlagen für Schulnoten für Mädchen und Knaben sind offensichtlich nicht ident." Sie empfiehlt daher "Bewertungsstandards" nach bestimmten Kriterien sowie eventuell eine zusätzliche Bewertung von Bildungszielen wie Sozialkompetenz und Arbeitshaltung. Änderungen müsse es auch bei der Aus- und Fortbildung der Kindergartenpädagogen und Lehrer geben, Eltern entsprechend sensibilisiert werden.

Das Problem beginnt laut Spiel bereits früh. Zwar würde es bei jüngeren Kindern noch keinen Unterschied bei Interesse, Motivation und Leistung im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich geben. Mädchen würden aber etwa für Fleiß und Anpassung mehr gelobt als Burschen, die Knaben dagegen in Mathe und Naturwissenschaften mehr gefordert. Außerdem würde den Mädchen häufiger vermittelt, dass Mathematik für sie nicht berufsrelevant sei. Folge: Mädchen unterschätzen ihr Potenzial in diesem Bereich und haben geringere Erfolgserwartungen, was sich in geringerem Interesse und weniger "Investment" und schließlich in schlechterer Leistung niederschlägt.

Aber auch die Grundphilosophie bei den Tests für das Medizin-Studium müsse man überdenken, so Spiel. Das derzeitige Modell sei schon "sehr deterministisch": Abgefragt würden komplexe Fähigkeiten, die sich über Jahre herausgebildet hätten nach dem Motto "Kannst du es oder kannst du es nicht". Demgegenüber betonte der Vizerektor für Lehre der Medizin-Uni Wien, Rudolf Mallinger, dass "der Erfolg der Medizin auf Naturwissenschaften basiert". Daher sei es auch legitim, das im Studium gefragte naturwissenschaftliche Denken ins Zentrum des Auswahlverfahrens zu stellen. Auch EMS-Entwickler Klaus-Dieter Hänsgen warnte davor, zur Verbesserung des Frauen-Anteils einfach nach Kompetenzen zu suchen, "wo Frauen besser sind und das dann in den Test aufzunehmen".

Änderungen frühestens in zwei Jahren

Änderungen beim EMS gibt es heuer nicht, für Hänsgen wären solche erst in zwei oder drei Jahren theoretisch möglich. In Graz werden dagegen die Testanteile der Physik- und Chemie-Aufgaben, wo Frauen besonders schlecht abgeschnitten haben, zugunsten der Biologie zurückgefahren.

Hahn ortete an den Schulen durch die unterschiedliche Beurteilung von Mädchen und Burschen eine "Verfälschung der Noten". Bemerkenswert sei auch, dass es für die Testergebnisse keinen Unterschied gemacht habe, ob ein Kandidat in eine naturwissenschaftlich orientierte Schule oder etwa ein neusprachliches Gymnasium gegangen sei und - bei gleichen Schulnoten - Kandidaten mit höher gebildeten Eltern bei den Aufnahmetests besser abschnitten. SP-Unterrichtsministerin Claudia Schmied geht "vollkommen d' accord, dass es zu einer größeren Outputsteuerung kommen muss". So würden etwa künftig die Bildungsstandards für eine größere Transparenz bei der Notengebung sorgen.

Die Österreichische HochschülerInnenschaft (ÖH) hätte am liebsten ein Aus für die Zugangsbeschränkungen und fordert mindestens eine Adaption der Testverfahren und eine Reform des Schulsystems. Die Grünen fordern eine Abschaffung der Medizin-Eignungstests und stattdessen die Einführung von Studieneingangsphasen. (APA)

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