Private Medizin-Unis: Gier nach „Weißem Gold“

An mehreren Standorten in Österreich wollen neue Universitäten ab 2009 gegen Gebühr Ärzte ausbilden.

Schließen
(c) Bilderbox.com

Wien/Krems.Vor wenigen Tagen traten 38 junge Frauen und Männer in Salzburg an, um als erste Absolventen einer privaten Medizin-Uni in Österreich zu promovieren. Die Paracelsus Universität bot ihnen ein Studium für gehobene Ansprüche: Abschluss in nur fünf Jahren, intensive Betreuung, Auslandsaufenthalt in den USA inklusive und europaweit rechtlich ebenso anerkannt wie der Abschluss einer öffentlichen Uni. Außer der Privatuni Witten-Herdecke im Ruhrgebiet bietet das im deutschen Sprachraum niemand.

Doch von Tirol bis Wien wollen schon bald Mitbewerber bei der Ausbildung von Ärzten mitmischen. Gottfried Stienen betreut Sponsoren der Paracelsus Universität und sieht einen regelrechten Goldrausch: „Die Betonung liegt allerdings auf 'Rausch' – denn im Geld schwimmen auch wir keineswegs.“ Trotz öffentlicher Förderungen und Studiengebühren von etwa 4750 Euro pro Semester.


Das Angebot wächst

Die Li Shi Zen Universität in Wien lehrt traditionelle Chinesische Medizin, die private Uni Hall „Gesundheitswissenschaft, Medizinische Informatik und Technik“, im Kärntner Hüttenberg soll binnen fünf Jahren eine Privatuni für Tibetische Medizin gegründet werden. Erst Ende Mai wurden Pläne bekannt, am Rudolfinerhaus in Döbling eine private Medizin-Uni zu etablieren. In Linz wird seit Jahren die Gründung einer privaten Medizin-Uni nach Salzburger Vorbild diskutiert. Am weitesten gediehen sind aber Medizin-Ableger der Donau-Uni Krems und der Sigmund-Freud-Universität Wien.

Man werde das Curriculum noch im Sommer ausarbeiten. „Dem Akkreditierungsrat soll es vor Jahresende zur Genehmigung vorgelegt werden“, so Heinrich Kern, designierter Leiter der zu gründenden Medizin-Uni. „Wir peilen das Wintersemester 2009 als Starttermin an.“ 50 hoch motivierte junge Menschen sollen mit Tests, Gesprächen und Pflichtpraktika aus einem großen Pool von Bewerbern gewählt werden. Einen ähnlichen Zeitplan verfolgt die Sigmund Freud Universität (SFU), hier will man gar 80 Studenten pro Jahrgang ausbilden. „Der Markt in Österreich ist viel größer, als dass er seriös und mit hoher Qualität betreut werden könnte“, zeigt sich Heinrich Kern überzeugt. Auch SFU-Rektor Alfred Pritz sieht seine Medizin-Uni als besonders hochwertige „Ergänzung zum Angebot der öffentlichen Hochschulen, nicht als Konkurrenz.“


Breite Palette an Tarifen in EU

Mitbewerber gibt es aber durch öffentliche Universitäten in den Nachbarländern: Österreicher werden an deutschen Unis gleich wie deutsche Studenten behandelt und können um 592 Euro pro Semester selbst Elite-Unis wie die LMU in München besuchen.

Öffentliche Universitäten in Ungarn lehren teils seit Jahrzehnten das gesamte sechsjährige Medizinstudium auf Deutsch – in Szeged, Pésc und Budapest, an letzterer Uni um 5600 Euro pro Semester. Ein Medizinstudium auf Englisch bieten mehrere Hochschulen in Osteuropa an, zum Beispiel die Karls-Universität in Prag, die slowakische Comenius Universität und die Uni Debrecen in Ungarn.

Etwa 10.000 Euro im Jahr soll das Medizinstudium in Krems kosten, die SFU wird deutlich darüber liegen. „Bei der von uns angestrebten Studiendauer von fünf Jahren summiert sich das auf 50.000 Euro, der Gegenwert eines Oberklasseautos,“ kalkuliert Heinrich Kern in Krems. Dafür spare man durch das Studium an einer Privatuni Lebenszeit.

„Ein fünfjähriges Studium der Medizin geht an die Grenze der Überforderung“, meint dagegen Alfred Pritz. Die Mediziner der SFU sollen sich in den sechs Jahren ihres Studiums inhaltlich abgrenzen: Gefäßheilkunde, Psychiatrie und bildgebende Verfahren werden Forschungsschwerpunkte der SFU sein, in Verbindung mit guter Betreuung und einem prominenten Fakultätskollegium.

„Natürlich liegen die Angebote eng beisammen“, räumt Alfred Pritz ein. Die Wahl der Uni sei aber ähnlich der des Patienten, der einen Arzt wählt: Auch auf diesem Markt sei Platz für viele Ärzte.

Bernhard Tilg sieht die Entwicklung positiv. Der Tiroler Neo-Landesrat, der bis vor kurzem Vorsitzender der Rektorenkonferenz der Privat-Unis war, schätzt, dass es in Österreich Bedarf für zwei bis drei private Medizin-Unis gebe. Vor allem im Ballungsraum Wien rechnet er mit einer dynamischen Entwicklung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2008)

Kommentar zu Artikel:

Private Medizin-Unis: Gier nach „Weißem Gold“

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen