Politikwissenschaft in der Krise

Das Institut für Politikwissenschaft ist dem Ansturm an Studenten nicht gewachsen. Verzweifelt sucht man Auswege aus der Notlage.

Schließen
(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Das E-Mail der Studentin an die Lehrenden des Instituts war in ausgesucht höflichem Ton gehalten. Sie „hadere“ mit den derzeitigen Studienbedingungen am Institut für Politikwissenschaft, schrieb die junge Frau.

Dabei war ihr ein paar Tage zuvor etwas Unglaubliches passiert: Sie und einige Studenten mussten eine Prüfung am Gang schreiben. Auf dem Boden sitzend. Weil im Hörsaal kein Platz mehr für sie war. „Es war eng, laut und unangenehm, auch nicht konzentrationsfördernd“, schildert die Studentin. „Kurzum: Ich finde es nicht in Ordnung, dass unter solchen Bedingungen Prüfungen geschrieben werden.“

Raumnot, überbelegte Lehrveranstaltungen, kein ausreichendes Lehrangebot für die Vielzahl an Studierenden, Probleme bei der elektronischen Anmeldung: Die Liste der Mängel am Institut für Politikwissenschaft ist lang.

Es ist die Unzufriedenheit mit den Bedingungen von Studium und Lehre, die Lehrende und Studierende vergangenen Freitag zum Krisentreffen zusammen kommen ließ. Im geräumigen Hörsaal 1 des Neuen Institutsgebäudes, die Reihen dicht gefüllt, versuchte man gemeinsam Lösungen für die derzeitige prekäre Lage zu finden.

„Studienmisere“ und „Mangelverwaltung“ nennen es manche, von „Quasimodo-Behelfsmaßnahmen“ spricht sogar der Studienprogammleiter, der in der Runde besonders unter Beschuss steht: Schließlich obliegt ihm die unangenehme Aufgabe, das geringe Budget in Form von (zu wenig) Lehrveranstaltungen auf die Studierenden zu verteilen.

 

Karteileichen werden lebendig

Hintergrund der Krise: Das Institut „hadert“ mit dem Bologna-Prozess. Bei der Umstellung der Studienordnung auf die Bologna-Architektur (das Diplomstudium läuft bis 2012 aus, es wird auf das dreistufige System Bachelor, Master sowie Doktorat umgestellt) – ging man von gleich bleibenden Studierendenzahlen aus.

Doch man hatte die Rechnung ohne die Langzeitstudenten gemacht: Um doch noch einen „alten“ Abschluss zu ergattern, hätten sich viele Karteileichen wieder „reaktiviert“, erklärt der Studienprogrammleiter Johann Dvorak. Totgeglaubte Studenten also, die angesichts der verrinnenden Zeit wieder lebendig werden. War diese Entwicklung nicht vorhersehbar? Immerhin steigen die Studentenzahlen am Institut seit Jahren. Mit so vielen Studierenden habe man schlicht nicht gerechnet, heißt es.

Verschärfend kommt hinzu, dass die Budgetmittel gleich hoch geblieben sind – die angestrebte „Kostenneutralität“ der Reform. Dabei, so kritisieren Lehrende, werde noch dazu die Lehre finanziell vernachlässigt. Die Universität Wien versuche sich als Forschungsstandort zu positionieren. Die Studierenden würden so zum „Klotz am Bein der Forscher“, formuliert die Assistentin Gundula Ludwig sarkastisch eine Einstellung, die – so fürchtet man – dabei ist, Realität zu werden.

Am meisten unter den strukturellen Problemen leidet das schwächste Glied der Kette: die Studierenden. „Der eigene Anspruch von Bologna wird permanent gebrochen“, kritisiert Ulrich Brand, Professor für Internationale Politik am Institut. Vom viel beschworenen „Dienstleister Universität“ also tatsächlich keine Spur: Zu ihrem Seminar hätten sich 50 Studierende angemeldet, gekommen seien dann um 43 Personen zu viel, erzählt Eva Nussbaumer, Lektorin am Institut. Welche Entscheidung sie auch treffe, jede sei problematisch: „Wenn 100 Leute im Saal sind, wird die Betreuung schlechter.“ Schicke sie die Studierenden weg, verzögere sich deren Studium – ein Problem vor allem für Bezieher von Stipendien und Familienbeihilfe. Den freien Hochschulzugang möchte Nussbaumer aber erhalten, wie die meisten am Politikwissenschafts-Institut: „Das Problem sind nicht die vielen Studierenden, sondern die Unterfinanzierung des Instituts.“

 

Externe: Nur „geduldet“?

Unmut auch bei den externen Lehrbeauftragten: Obwohl sie mehr als die Hälfte der Lehre leisten, fühlen sie sich an der Universität nur „geduldet“. Und manch einer wendet sich von der Uni ab. „Dem österreichischen Wissenschaftsbetrieb wird eine ganze Generation von Nachwuchswissenschaftlern abhanden kommen“, befürchtet der Lehrbeauftragte Thomas Schmidinger.

Und eine Lösung des Problems? Die ist, bis auf weiteres, nicht in Sicht. Blockveranstaltungen im September (!), so genannte „Kompaktkurse“, sollen den Studierenden, die dieses Semester leer ausgegangen sind, aus der Patsche helfen. Weitere Treffen und Arbeitsgruppen sind angedacht, man will Druck auf das Rektorat ausüben. Zumindest im Sommersemester werden die Missstände das Institut weiter begleiten: Denn für dieses Studienjahr sind alle Budgetmittel ausgeschöpft.

AUF EINEN BLICK

Das Institut für Politikwissenschaft an der Uni Wien ist in der Krise: Bei der Umstellung auf das Bologna-System hat man nicht damit gerechnet, dass Karteileichen aus dem altem System (Diplomstudium) wieder aktiv werden. Überfüllte Lehrveran- staltungen und Platzprobleme machen dem Institut zu schaffen.

Vergangenen Freitag suchten Lehrende und Studierende bei einem Treffen gemeinsam nach Auswegen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2009)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Kommentar zu Artikel:

Politikwissenschaft in der Krise

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen