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Georg Wick: „Eine unglaubliche Demotivation für junge Forscher“

22.03.2009 | 17:51 |  ERICH WITZMANN (Die Presse)

Der ehemalige FWF-Präsident Georg Wick spricht von einer „Katastrophe für Österreich“, sollte das Forschungsbudget nicht erhöht werden.

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Die Presse: Der Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, der staatliche Mittel für die Grundlagenforschung zur Verfügung stellt, hat nun schon zwei Vergabesitzungen ausgesetzt, weil es kein Geld gibt. Ist das ein Alarmzeichen für Österreichs Forschung?
Georg Wick: Das ist ein ganz großes Alarmzeichen, und ich glaube, das ist nicht mehr gutzumachen. Das dürfte vielen Leuten nicht bewusst sein. Der Schaden ist da, es sei denn, man geht den erfolgreich beschrittenen Weg der vergangenen Regierungen weiter und erhöht das Budget des FWF um zehn Prozent. Das war 2008 ein FWF-Budget von 180 Millionen Euro – davon werden ca. 165 Millionen im sogenannten autonomen Bereich für Projekte vergeben, der andere Teil für beauftragte Programme wie Start, Wittgenstein etc. Die Erhöhung um zehn Prozent ist das Mindeste. Wenn das nicht passiert, ist der Schaden für Österreichs Forschung nicht mehr gutzumachen.

Aber die Regierung hat in ihrem Arbeitsprogramm die Forschung zu ihrer Priorität erklärt. Und die Budgetzahlen sind noch nicht definitiv bekannt. Warum also die Befürchtungen?
Wick: Die Befürchtung muss man haben, weil wahrscheinlich falsch verhandelt wurde. Ich habe vom Finanzminister noch nie etwas gehört über Forschung oder über Grundlagenforschung. Minister Hahn hat angeblich ein erhöhtes Budget bekommen, wie viel, wissen wir noch nicht; er hat aber, taktisch unklug, wie ich glaube, den Universitäten bereits eine Erhöhung zugesagt – 400 Millionen – und jetzt fehlt an allen Ecken und Enden das Budget für den FWF.
Es wurde im Vorjahr als Erfolg gewertet, dass der FWF vom früheren Infrastruktur- zurück ins Wissenschaftsministerium gewandert ist.
Wick: Im Prinzip ist das völlig logisch. Aber das Problem ist, dass jetzt innerhalb des Ministeriums, so hat man den Eindruck, Budgetmittel von den Universitäten verschoben werden können zum FWF oder – wahrscheinlicher – umgekehrt. Wir brauchen den Ausbau des wettbewerbsorientierten Anteils des Budgets. Es geht ja ohnehin vom FWF zu 90 Prozent zurück an die Universitäten. Die, die an den Universitäten gute Forschung machen, kriegen die vermehrten Mittel wieder.

Sie meinen, es ist besser, den FWF höher als die Universitäten auszustatten?
Wick: Richtig. Denn der FWF gibt kompetitiv die Mittel in die Forschung, und diese fließen ohnehin wieder zu 90 Prozent an die Universitäten. Das werden manche Universitäten, die wenig Forschung betreiben, nicht gerne hören. Die Universitäten müssten mit dem FWF Hand in Hand arbeiten. Das soll keine Konkurrenz zum FWF sein. Wenn aber beide im gleichen Ministerium angesiedelt sind, dann ist immer die Konkurrenzsituation da: FWF, Universitäten, Akademie der Wissenschaften. Unter den jetzigen Umständen wäre es sogar besser, wenn der FWF im Infrastrukturministerium geblieben wäre. Obwohl das unlogisch ist.

Es kommt immer die Gegenfrage: Wo soll denn im Gesamtbudget gespart werden?
Wick: Das ist eigentlich vollkommen klar: Wenn ich mir jetzt anhöre, was mit den Banken passiert, wenn ich höre, was in Infrastrukturbaumaßnahmen gegeben wird, dann sind das Bereiche, wo wir einsparen können. Wir dürfen nicht einsparen bei der Bildung, nicht bei der Forschung und sicher auch nicht am Ende des Lebens bei der Pflege und bei der Sorge für die Alten.


Was bedeuten gekürzte Forschungsmittel für Österreichs Forschungsszene?
Wick: Es ist für Österreich eine Katastrophe in mehrfacher Hinsicht: Wir haben in den letzten Jahren gut aufgeholt, aber man muss betonen: aufgeholt. Wir sind noch lange nicht dort, wo Schweden, die Schweiz, auch nicht, wo Deutschland steht. Man darf nicht vergessen, in Deutschland gibt es neben der DFG, dem Pendant zum FWF, noch die Max-Planck-Institute, die Bertelsmann-Stiftung und viele andere Einrichtungen. Bei uns gibt es nur den FWF. Und was jetzt passiert, ist eine unglaubliche Demotivation der jungen Leute. Aus meinem eigenen engen Umfeld kann ich jetzt drei Beispiele anführen, wo das passiert ist. Einer meiner Mitarbeiter, der sehr gute Uni-Angebote gehabt hat, geht in die Industrie. Ein zweiter, ein Sub-auspiciis-Mann, ist derzeit in London am King's College, der hat sich überlegt, mit seiner Familie nach Österreich zurückzukommen. Er verfolgte die gesamte FWF-Diskussion und hat gesagt: „Ich komme nicht nach Österreich, ich bleibe in England oder bewerbe mich in Deutschland.“ Ein Dritter ist auch weggegangen, aus mehreren Angeboten hat er eines aus der Industrie gewählt, weil er die Uni-Forschungsszene für zu riskant hält.

Das betrifft also vor allem die Jungforscher.
Wick: Ja, in erster Linie die Jungforscher und auch die, die nach Österreich zurückkehren wollen.
Wäre es ein Ausweg, dass Jungforscher an den Universitäten private Sponsoren suchen und sich statt der Grundlagenforschung der angewandten Forschung zuwenden ?
Wick: Natürlich wäre es schön, wenn man in Österreich mehr private Mittel lukrieren könnte. Aber erstens haben wir da keine Tradition, und zweitens sind gerade jetzt private Sponsoren besonders schwer aufzutreiben. Gerade deswegen müsste der FWF optimal dotiert sein, damit die Leute bei der Stange gehalten werden und nicht in die Industrie gehen, im Ausland bleiben oder in einem anderen Land ihre akademische Karriere machen.

Es bleibt dabei: Die Politik ist gefordert?
Wick: Ich fürchte einfach, dass bei den Politikern zu wenig Verständnis da ist. Es ist niemandem klar, dass die Universitäten und die Akademie der Wissenschaften die Infrastruktur zur Verfügung stellen. Dass man aber in dieser Infrastruktur praktisch null Forschung mit den Mitteln, die wir haben, betreiben kann, sondern nur durch Drittmittel, die eingeworben werden. Und da ist der FWF in Österreich die einzige Quelle.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2009)

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