Jus: Unis gegen Beschränkungen

Minister Mitterlehner will den Zugang für die Rechtswissenschaften beschränken. Zahlreiche Unis finden das aber gar nicht nötig. „Das würde nichts verbessern“, heißt es aus Wien.

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Juridicum in Wien: „Beschränkungen wären eine große Anstrengung für etwas, das wir anders fairer leisten können.“ – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Es ist das Fach, dessen Name seit fast einem Jahr immer als erster fällt, wenn es um eine Ausweitung der Zugangsbeschränkungen an den Unis geht: Jus. Erst kürzlich bekräftigte Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP), dass er mit der SPÖ demnächst über Beschränkungen in den Rechtswissenschaften verhandeln will. Bloß: Nicht nur der Koalitionspartner ist davon alles andere als begeistert. Auch einige Unis halten Beschränkungen im Fach Jus gar nicht für nötig.

„Es gibt momentan keinen Bedarf“, heißt es aus dem Rektorat der Uni Innsbruck gegenüber der „Presse“. „Die Zahl der Studienanfänger in den Rechtswissenschaften ist bewältigbar.“ So sieht man das auch in Salzburg: Man sehe in der derzeitigen Situation in Jus keinen Bedarf für Zugangsbeschränkungen, heißt es dort.

Auch an der größten Hochschule des Landes – an die mehr als die Hälfte aller Jus-Anfänger drängt – hält sich das Interesse an neuen Zugangshürden in Grenzen. „Unsere Rechtswissenschaften haben eine gut gestaltete, herausfordernde Studieneingangsphase, sodass derzeit eine zusätzliche Aufnahmeprüfung nicht notwendig ist“, sagt der Rektor der Universität Wien, Heinz Engl, gegenüber der „Presse“.

 

Dekan fürchtet „Fehlauslese“

„Die Frage ist, was eine Zugangsbeschränkung wirklich verbessern kann“, sagt der Wiener Jus-Dekan Paul Oberhammer: „Und ich sehe eigentlich nichts. Wir haben zwar eine sehr große Zahl von Studienanfängern, haben aber mit der Studieneingangsphase ein Instrument geschaffen, mit dem sie relativ rasch erfahren, ob sie für das Jus-Studium geeignet sind.“

In der sogenannten Studieneingangs- und Orientierungsphase (Steop) müssen Studierende in den ersten Semestern mehrere Prüfungen positiv bestehen, um weitere Lehrveranstaltungen besuchen zu dürfen. „Es ist unserer Meinung nach fairer, ein Bildungsangebot zu machen und dann zu schauen, ob die Studierenden geeignet sind, als in einem sterilen Auswahlverfahren vor dem Einstieg auszusieben“, so Oberhammer. Immerhin sei es schwierig zu sagen, was einen guten Juristen, eine gute Juristin wirklich ausmache.

An der Uni Wien habe man in Jus jährlich rund 3000 Studienanfänger – von denen sehr viele allerdings in den ersten beiden Semestern ohnehin abspringen würden. „Ab dem zweiten Studienabschnitt sind es pro Jahrgang nur noch rund 700 Studierende“, sagt Oberhammer. „Wenn wir bei einer Zulassungsprüfung allzu brutal aussieben würden, würden wir vielleicht aus den falschen Gründen aussieben. Und wenn wir nur 300 Interessenten aussondern, sind das jene Studierenden, die ohnehin in den ersten Wochen des Wintersemesters von selbst aufgeben.“

Schranken wären „eine große Anstrengung für etwas, was wir anders besser und fairer leisten können“, so Oberhammer. So, wie Zugangsbeschränkungen derzeit realistisch umsetzbar seien, „macht das nur Aufwand, bringt Ungerechtigkeiten, Fehlauslese und kostet noch Geld, das wir nicht haben“. Die derzeitige Praxis verursache keine besonders großen Kosten, so Dekan Oberhammer. Wenn man wo nachschärfen wolle, dann müsse man die Studieneingangs- und Orientierungsphase noch weiter verbessern.

 

Linz: Verdrängung verhindern

In Linz sieht man die Sache etwas anders als in Salzburg, Innsbruck und Wien. Zwar gebe es noch keine abgeschlossene Willensbildung, wie es heißt. „Angesichts der budgetären Lage und des großen Andrangs zum Jus-Studium muss man sich dem Thema aber stellen.“ Das konkrete Problem dürfte sein, dass Studienanfänger statt des seit zwei Jahren beschränkten BWL-Studiums vermehrt Jus inskribieren.

Es dürfe „nicht der Eindruck entstehen, dass für das Jus-Studium geringere Anforderungen bestehen als für Studien mit Zugangsbeschränkungen“, erklärt der Linzer Jus-Dekan Meinhard Lukas. „Das könnte es letztlich notwendig machen, hier mit den Wirtschaftswissenschaften gleichzuziehen.“

WU will Wirtschaftsrecht beschränken

Ähnlich sieht man die Sache an der Wirtschaftsuni: Dort plädiert man stark für Zugangsbeschränkungen. Auch an der WU ortet man Verdrängungseffekte von den nun beschränkten Wirtschaftsstudien hin zum Wirtschaftsrecht, ebenfalls ein rechtswissenschaftliches Studium.

Aus der Uni Graz kommt eine relativ schwammige Ansage: Man trete dafür ein, „dass man sich generell die Kapazitäten in Massenfächern wie Rechtswissenschaften oder Pädagogik anschauen sollte, um den Studierenden eine gute Betreuung bieten zu können“.

Dass Beschränkungen derzeit wieder Thema sind, liegt daran, dass Ende dieses Jahres die Beschränkungen in Wirtschaft, Architektur, Biologie, Pharmazie und Informatik auslaufen. Ende März soll die Evaluierung des sogenannten Testlaufs vorliegen. Dann wird neu über Schranken verhandelt.

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels war keine Rede von der Wirtschaftsuniversität. Auch diese bietet aber ein rechtswissenschaftliches Studium an: Wirtschaftsrecht.

Auf einen Blick

Beliebt. Jus ist aktuell das beliebteste Uni-Studium. 5201 Studienanfänger haben sich im vergangenen Herbst dafür eingeschrieben, die meisten in Wien. Das Fach liegt damit vor Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (3402), Pädagogik (2895), Wirtschaftsrecht (2365) sowie Anglistik und Amerikanistik (2244).

Beschränkt. Die Evaluierung der Hürden in Architektur, Informatik, Biologie, Pharmazie und Wirtschaft soll Ende März fertig sein. Dann wird wieder über Zugangsbeschränkungen verhandelt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2015)

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