Rektorenchef: "Fächer nicht uferlos weiterführen"

Rektorenchef Heinrich Schmidinger überlegt, Studienrichtungen zu streichen. Kooperationen mit der Wirtschaft würde er offenlegen. Die Fachhochschulen lässt er abblitzen.

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Die Unis leisten in der Flüchtlingsfrage einiges, sagt Rektorenchef Heinrich Schmidinger. – (c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Die Presse: Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) hat gefordert, dass sich die Unis stärker gesellschaftspolitisch positionieren und sich etwa beim Thema Flüchtlinge engagieren. Waren Sie da überrascht?

Heinrich Schmidinger: Ein bisschen schon. Alle Unis haben bereits vor gut einem Monat eine gemeinsame Initiative gestartet, bei der jede Uni gesagt hat, was sie unternehmen kann.

 

Was machen Sie denn?

Es werden Sprachkurse angeboten, aber auch Programme an Sportinstituten. Einige Universitäten überlegen, Flüchtlinge als außerordentliche Studierende aufzunehmen.

 

Weiß der Minister einfach nicht Bescheid, was die Unis machen?

Ich glaube, er stand vor allem unter dem Eindruck des Forums, wo ja auch der US-Ökonom Jeffrey Sachs von den Unis mehr Problemlösungen gefordert hat.

 

Sie fühlen sich also nicht ungerecht behandelt.

Nein. Natürlich können wir immer mehr tun, so wie alle immer mehr tun könnten. Aber ich würde sagen, jetzt, in dem konkreten Fall der Flüchtlingsfrage, haben wir durchaus einiges geleistet.

 

Was die Debatte über den geringen Stellenwert der Hochschulpolitik angeht, hat der Wissenschaftsminister gestern die Uni-Autonomie bemüht. Macht er es sich da nicht ziemlich einfach?

Beide sind gefordert. Die Autonomie funktioniert auch nicht, wenn das Ministerium nicht mittut.

 

Sind Sie auch schuld, dass das Thema untergegangen ist?

Man kann es immer besser machen. Aber wir haben uns in den letzten Jahren sehr wohl um die Öffentlichkeit bemüht. Wir sind damit sicher nicht weit genug gekommen – sonst wäre die Resonanz da. In der realen politischen Szene kommen wir jedenfalls zu wenig vor – weil vielen Politikern die Bedeutung der Unis nicht bewusst ist.

 

Sie haben zuletzt gesagt: Wenn das Geld so knapp ist, muss man notfalls Fächer einstellen. Ist das mehr als eine bloße Drohung?

Es gibt Unis, die das ganz konkret überlegen – auch wir in Salzburg. Dass man Studienrichtungen, die nicht nachgefragt sind, in einer Zeit, in der die Mittel sehr begrenzt sind, nicht uferlos weiterführen kann, liegt auf der Hand. Ich werde jetzt aber keine Fächer nennen.

 

Was passiert mit den Lehrenden?

Man muss ja nicht gleich eine Einrichtung schließen. Man kann zum Beispiel ein Fach mit zu geringer Nachfrage in ein Forschungsinstitut umwandeln.

 

In Alpbach wurde gerade über gekaufte Wissenschaft diskutiert. Können Sie ausschließen, dass es das an Ihrer Uni gibt?

Absolut ausschließen kann man so etwas nie. Aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering, weil es an den allermeisten Unis ein sehr hohes Bewusstsein dafür gibt, was geht und was nicht. Zum anderen geht es um Transparenz.

 

Wenn Transparency International die nun angekündigte Plattform startet, auf der ersichtlich sein soll, welche Unis Geld von welchen Firmen bekommen – geben Sie die Infos heraus?

Ich sehe da kein Problem. Ich würde meinen Kollegen raten, diesbezüglich offen zu sein.

 

Zur Ungleichheit, dem Hauptthema des Forums: Was muss die Politik tun, um Ungleichheiten beim Uni-Zugang zu verringern?

Da muss viel früher angesetzt werden: im Kindergarten, in den Schulen. Die Frage betrifft ja das Bildungssystem als Ganzes.

 

Was können Sie machen?

Eine zentrale Aufgabe der Unis ist, Probleme sichtbar zu machen. Es ist schon viel, wenn sie nachweisen, dass zur Lösung von Problemen im Bildungsbereich im Kindergarten anzusetzen ist.

 

Was sollen die Unis konkret tun?

Ich halte viel von der Studieneingangs- und Orientierungsphase. Da geht es auch darum, dass man den Studierenden gerade dann, wenn sie sich mit der Orientierung schwertun, Hilfestellung leistet.

 

Manchen Professoren ist das einfach zu mühsam.

Dieses Anliegen muss in manchen Köpfen noch verankert werden.

 

Die FH fordern, dass die Unis ihre Doktorate akkreditieren lassen sollen. Sind Sie dafür offen?

Hier geht es um die Frage von Qualität. Qualität im Doktoratsstudium stellt man nicht durch eine singuläre Akkreditierung ein. Sie wird durch Studien- und Forschungsbetrieb sichergestellt. Diesbezüglich sind die Unis wesentlich besser aufgestellt als die FH. Deshalb halte ich es auch für richtig, dass das Doktorat an den Unis bleibt. Das ist kein Standesdünkel.

 

Das klingt wie: Die Unis haben externe Prüfung nicht nötig.

Seit es Unis gibt, bieten sie Doktorate an. Sie tun viel, um die Qualität zu prüfen und zu garantieren. Ich verstehe nicht, warum sie auf andere Verfahren umsteigen sollen.

ZUR PERSON

Heinrich Schmidinger (61) ist seit dem Jahr 2001 Rektor der Uni Salzburg. Seit 2011 ist der Theologe Präsident der Universitätenkonferenz. Dieses Amt gibt er Ende des Jahres ab. Ein Grund: dass man in diesem Amt nur dann etwas bewirken könne, wenn Universitäten und Forschung mehr als eine nebengeordnete Rolle hätten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2015)

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