Die Presse: An Ihnen ziehen seit fast drei Jahrzehnten Studenten vorbei. Was hat sich verändert, wie sind die heutigen Studienanfänger?
Heinz Mayer: Die Jugendlichen sind heute kritischer, und zumindest die Juristen sind zum Großteil aufgeweckter, als wir das waren. Mängel gibt es bei der Arbeitshaltung und der Beherrschung der deutschen Sprache. Sie lernen in der Schule, sich auf Prüfungen vorzubereiten, indem sie sich in kurzer Zeit den Stoff hineinstopfen und dann schnell wieder vergessen. Längerfristiges Bearbeiten eines Themas ist den Studenten schwer beizubringen. Gerade beim Jus-Studium ist das aber tödlich. Wir brauchen Leute, die in großen Zusammenhängen denken.
Jugendliche sollten also zum Beispiel mehr Zeitung lesen?
Mayer: Zum Beispiel. Zehn bis fünfzehn Prozent der Studenten sind hervorragend: gebildet, gescheit, fleißig. Weitere vierzig bis fünfzig Prozent wären gut, aber es fehlt ihnen die Arbeitshaltung bzw. sie bringen Defizite aus der Schule mit.
Und der Rest?
Mayer: Das sind jene, die wir irgendwann verlieren: Von den insgesamt 2500 Anfängern im Jahr beenden nur 500 bis 600 tatsächlich das Studium. Ein großer Prozentsatz ist leider desinteressiert, hat aber auch keine ausgeprägten anderen Interessen.
Die Schule ist ein Manko?
Mayer: Sie bereitet nicht wirklich auf die Universität vor, speziell in Deutsch. Die Studenten können einen Gedanken oft nicht gut schriftlich ausdrücken. Der Gipfel war ein Student, der die Aktiv- und Passivform nicht unterscheiden konnte.
Müssten sich die Universitätsprofessoren nicht mehr in die Schulreform einmischen?
Mayer: Das hielte ich für gut, aber dieser Kontakt klappt nicht.
Und was ist mit der Uni? Bildet das Juridicum für den Arbeitsmarkt richtig aus?
Mayer: Wir haben die letzte Studienreform in enger Zusammenarbeit mit der Praxis gemacht und holen uns von dort auch Rückmeldungen.
Wie schaut der Arbeitsmarkt für Juristen aus?
Mayer: Also, für gute Juristen ist er besser als je zuvor. Die großen Anwaltskanzleien nehmend laufend Leute auf.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2009)

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