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Wissenschaft: Den gläsernen Plafond aufbrechen

05.07.2009 | 18:21 |  VERONIKA SCHMIDT (Die Presse)

Vizepräsidentin Sigrid Jalkotzy-Deger will den „Pool“ der Gelehrtengesellschaft mit Frauen füllen: „Wer nicht hören will, muss fühlen.“

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WIEN. „Ich habe selbst eine Tochter, die Ärztin ist, und weiß, mit welchen Schwierigkeiten Frauen in der Wissenschaft zu kämpfen haben“, erklärte der neue Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Helmut Denk, bei seinem Amtsantritt am 1. Juli in Wien. Dass es 162 Jahre gedauert hat, bis die erste Frau ins Präsidium der ÖAW gewählt wurde, zeigt nicht unbedingt ein Problem der Gelehrtengesellschaft – wie die Akademie bezeichnet wird –, sondern ein Problem der Gesellschaft an sich. „Dafür orte ich Verständnis in der gesamten Akademie“, betont Denk. Man solle Frauen in ihrem Bestreben, sich intensiv in die Wissenschaft einzuarbeiten, unterstützen.

Wie sieht dies die Wissenschaftlerin, deren Wahl ins Präsidium die Diskussion aktuell ausgelöst hat? Sigrid Jalkotzy-Deger, Altertumswissenschaftlerin von der Uni Salzburg und jetzt Vizepräsidentin der Akademie der Wissenschaften, legt gleich eine Statistik auf den Tisch: „Von 630 Mitgliedern der Akademie sind nur 43 Frauen.“ Das ergibt einen Anteil von knapp sieben Prozent. „Im Gegensatz zum hohen Frauenanteil bei der Neuaufnahme von Mitarbeitern ist es bei den Mitgliedern wirklich spärlich“, so Jalkotzy-Deger. Die Auswahl der „wirklichen“ (oberstes Entscheidungsgremium) und „korrespondierenden“ Mitglieder, die in Kuratorien und Gremien als Expertenpool mitwirken, soll in der ÖAW eine Gesellschaft von hoch qualifizierten Forschern aus dem In- und Ausland repräsentieren.

 

„Lange Zeit die einzige Frau“

Die gläsernen Plafonds, an die Frauen in ihrer Laufbahn und Forschungstätigkeit oft stoßen, „müssen aber viel früher aufgebrochen werden“, sagt Jalkotzy-Deger: „An der Uni Salzburg war ich für lange Zeit die einzige ordentliche Professorin.“ Der Pool, aus dem die ÖAW ihre Mitglieder schöpft, ist einfach noch nicht ausreichend mit Frauen gefüllt. Das ist das Problem. „Zum Glück tragen hier Bemühungen des Gleichbehandlungsgesetzes bereits Früchte. Denn wer nicht hören will, muss fühlen.“ Somit konnte in den letzten Jahren der Prozentsatz der ordentlichen Professorinnen an heimischen Unis gesteigert werden. Auch die „Junge Kurie“ der ÖAW, der 53 junge Spitzenforscher angehören, hat mit 13 Frauen bereits einen Anteil von 25 Prozent. „Und aus diesem Reservoir könnte man neue korrespondierende Mitglieder gewinnen“, erklärt Jalkotzy-Deger zuversichtlich. Ein besonderes Anliegen ist ihr jedenfalls die Förderung des Forschungsnachwuchses – geschlechtsunabhängig: „Bei Hochleistungsstipendien soll es keine Kürzungen geben.“

Die Einrichtung der „Jungen Kurie“ ist ein Ergebnis des Reformprozesses, in dem sich die „größte außeruniversitäre Trägerin der Grundlagenforschung in Österreich“ befindet. „Dank des scheidenden Präsidiums ist der Reformprozess schon weit fortgeschritten, wir werden diesen mit Mut und Augenmaß nach allen Kräften weiterführen“, betont Präsident Denk. Was bleibt, ist die Aufteilung der Gelehrtengesellschaft und Forschungsträger in zwei Klassen: die philosophisch-historische und die mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse. „Die zwei großen Säulen kommen den Forschungseinrichtungen bei der Beratung und Neuentwicklung von neuen Forschungsfeldern zugute“, sagt Denk.

Jalkotzy-Deger hebt etwa die sieben Forschungszentren der philosophisch-historischen Klasse hervor, die im Reformprozess errichtet wurden: „Aber neue Gebiete zu ergründen erfordert eine entsprechende Finanzierung.“ So kommt der neue Generalsekretär Arnold Suppan, Fachmann für osteuropäische Geschichte, auf „das liebe Geld“ zu sprechen: „Während uns von der damaligen Bundesregierung im Juli 2008 106 Millionen Euro angekündigt wurden, sprach die jetzige Regierung einen Voranschlag von 80 Millionen aus, plus fünf Millionen aus der Nationalstiftung.“ Daher fährt die ÖAW nun ein reduziertes, genau eingeteiltes Programm: „Wir sind bis Ende Juni mit der Hälfte der 80 Millionen gerade ausgekommen. Aber für neue naturwissenschaftliche Institute müssen wir uns nach neuen Geldquellen umsehen.“

 

ÖAW-Statements auch ungefragt

Für die mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse zuständig ist weiterhin der Dermatologe Georg Stingl. Er betont, dass die Akademie – ähnlich den internationalen Vorbildern – eine stärkere politisch beratende Rolle spielen soll: „Wir sollten gefragt wie ungefragt Statements zu gesellschaftspolitisch relevanten Themen wie Stammzellen, Gentechnik und Klimaforschung abgeben.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2009)

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