Die Presse: Große Aufregung nach den Aufnahmetests an den drei österreichischen Medizin-Unis: Die Frauen haben prozentuell signifikant schlechter abgeschnitten. Vor zwei Jahren wurde gerade deswegen vom Wissenschaftsministerium eine Arbeitsgruppe unter Ihrer Führung eingesetzt. Konnten die Ergebnisse nicht umgesetzt werden?
Christiane Spiel: Offensichtlich nicht. Es gibt zwei Linien, in denen wir argumentiert haben. Die eine war auf die Tests bezogen, die andere auf die Sozialisation in der Schule davor.
Maßnahmen in der Schule sind wohl längerfristig ausgelegt.
Spiel: Das ist völlig klar. Wir haben argumentiert, dass das Problem in die Lehreraus- und -fortbildung eingehen muss. Wir haben in unseren Empfehlungen einige Vorschläge dazu gemacht, ich weiß nicht, welche Maßnahmen gesetzt wurden. Es zeigt die Forschung, das Mädchen wenig bestärkt werden, sich für Mathematik und Naturwissenschaften zu interessieren. Die Unterschiede bemerkt man am Ende der Volksschule, bis dahin sind keine Unterschiede sichtbar. Das hat unter anderem damit zu tun, dass es bei vielen Lehrerinnen und Lehrern noch immer geschlechtsspezifische Stereotype gibt, die ihnen gar nicht bewusst sind. Das führt dazu, dass Knaben häufiger drangenommen werden, vor allem, wenn es um Experimente geht, dass bei der Benotung bei Mädchen eher Fleiß und Einsatz herangezogen werden, während es bei Knaben keine Verstärkung für Fleiß gibt. Wenn man Lehrer nach Berufen für Schüler fragt, kommt bei Knaben viel häufiger der Hinweis auf Technik, auf Naturwissenschaften; bei Mädchen werden viel öfter Sozialberufe genannt.
Dann haben Sie Änderungen bei den aktuellen Tests vorgeschlagen.
Spiel: Genau. Wir haben die Tests analysiert. Es gibt zwei Bereiche, die wir vor allem bezogen auf geschlechtsspezifische Unterschiede typisiert haben. Der eine ist: Was wird überhaupt alles abgeprüft? Wenn man sich das Anforderungsprofil für den Medizinberuf ansieht, so wurden ja ursprünglich im EMS (Schweizer Test für Wien und Innsbruck, Anm.), der ja auf dem deutschen Test für medizinische Studiengänge basiert, viel mehr Anforderungsprofile definiert, wozu unter anderem auch soziale Kompetenzen gehören.
Die gibt es bei uns nicht?
Spiel: Die sozialen Kompetenzen sind natürlich methodisch schwieriger abprüfbar. Mit mehr Aufwand ist das für einen zuverlässigen Test aber sicher möglich. Das führt jetzt dazu, dass möglicherweise bestimmte Gruppen benachteiligt sind. Es wird wohl jeder bestätigen, dass es für einen Arzt, für eine Ärztin sehr, sehr wichtig ist, dass diese gute soziale Kompetenzen haben. Diese Bereiche werden nicht entsprechend geprüft.
Das trifft auf beide Geschlechter zu.
Spiel: Ja, offensichtlich sind Frauen stärker benachteiligt, weil sie während der ganzen schulischen Sozialisation in sozialen Bereichen bestärkt werden. Wir haben eben im Kopf, dass Mädchen mehr sozial sind. Ein weiterer Bereich: Wir haben uns das Auswahlverfahren nicht nur als Gesamtes angeschaut, sondern auch die einzelnen Aufgaben. Und da zeigt sich, dass ein wichtiges Gütekriterium ist, wie gut eine Aufgabe in der Lage ist, zwischen Personen, die grundsätzlich in diesem Bereich gut sind, und den weniger guten zu differenzieren. Da hat sich eben herausgestellt, dass gerade beim EMS diese Trennschärfe nicht gut gegeben ist. Ein weiterer Mangel, der auch für den Grazer Test gilt, ist die Ratewahrscheinlichkeit. Die Aufgaben haben fünf Antwortalternativen, von denen eine richtig ist. Ich löse also durch Raten, durch Zufall, 20Prozent der Aufgaben.
Durch das Ankreuzen einer der vorgegebenen Antworten.
Spiel: Ja, aber die Literatur zu Tests im Allgemeinen sagt, dass mehr Männer dazu neigen zu raten und das zu nützen, während die Frauen das weniger tun. Sie neigen eher dazu, nichts anzukreuzen. Es ist übrigens sehr einfach, Testverfahren auch mit Antwortalternativen zu entwickeln, bei denen es keine Ratewahrscheinlichkeit gibt. Wenn unter Umständen mehrere Antworten richtig sind, fällt die Ratewahrscheinlichkeit weg.
Wann haben Sie die Ergebnisse der Arbeitsgruppe vorgelegt?
Spiel: Im Vorjahr knapp vor den Auswahlverfahren 2008.
Sind Sie jetzt über das Ergebnis 2009 überrascht?
Spiel: Nein. Das, was wir damals beobachtet haben, ist ja kontinuierlich derselbe Befund, nur im Vorjahr war es etwas schwächer, was halt eine Zufallsschwankung war. Das Problem ist jedenfalls nicht gelöst, wenn nicht entsprechende Maßnahmen gesetzt werden. Meines Wissens nach wurde das Auswahlverfahren weder durch zusätzliche Subtests ergänzt, noch wurden Maßnahmen in der schulischen Sozialisation gesetzt.
Die Geschäftsführerin der SPÖ-Frauen, Andrea Mautz, die ja einmal Hochschülerschaftsvorsitzende war, fordert für Frauen eine Aufnahmequote von 50 Prozent unabhängig von der Testreihung. Ist diese Frauenquote zielführend?
Spiel: Nein, ich finde das nicht gut. Wir sollten eher hergehen, die Tests so anzupassen, dass sie wirklich das Anforderungsprofil für die Berufseignung erfassen, und dass auch sonstige Mängel des Testverfahrens beseitigt werden. Und in der Schule, in der Lehrerausbildung muss etwas geschehen.
Das diesjährige Ergebnis muss man also zur Kenntnis nehmen?
Spiel: Das muss man zur Kenntnis nehmen, aber man sollte jetzt endlich wirklich etwas tun. Wir würden uns sonst davor drücken, uns mit dem Problem grundsätzlich auseinanderzusetzen.
■Bildungspsychologin Christiane Spiel (Uni Wien) ist in zahlreichen internationalen Gremien tätig, in Österreich war sie unter anderem Mitglied der Zukunftskommission des Bildungsministeriums, Mitglied der Arbeitsgruppe Eliteuniversität des Bildungsministeriums und Bereichsverantwortliche für den ersten Nationalen Bildungsbericht. Im Frühjahr 2008 legte sie den Bericht über die Ursachen für das unterschiedliche Abschneiden von Männern und Frauen bei den Aufnahmetests der Medizin-Unis Wien, Graz und Innsbruck vor. [Fabry]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2009)

Yigg
Webnews
Mr. Wong
Delicious
Facebook
Scoop
Google
Besetzte Hörsäle''Bitte mehr Unterstützung''
''Aktionstag''Sternmarsch zum Wiener Gürtel
Demonstration in WienPfeifkonzert zu Techno-Klängen
''Bei uns kann sich jeder einbringen''Chat-Nachlese: Niko und Barbara von den Audimax-Besetzern stellten sich Ihren Fragen.
''Bei uns kann sich jeder einbringen''Chat-Nachlese: Niko und Barbara von den Audimax-Besetzern stellten sich Ihren Fragen.











