Am Beginn der Arbeiten für einen "Österreichischen Hochschulplan" setzt es zum Teil massive Kritik von Experten am neuen Bologna-Studiensystem. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann, Professor an der Uni Wien, bezeichnete Mittwoch das neue Studiensystem als "starren Schematismus, der wie ein Schimmelpilz die europäischen Universitäten überzieht, mit aufgeblähten Verwaltungen, exzessiven Modularisierungen, überflüssigen Akkreditierungen, verwirrenden Zertifizierungen und zahllosen Reglementierungen".
Seit zehn Jahren werden europäische Universitäten auf das neue "Bologna-Studiensystem" mit den Abschlüssen Bachelor, Master und PhD (Doktorat) umgestellt. In Österreich werden mittlerweile rund 80 Prozent der Studien in dieser Form angeboten. Derzeit schließen die meisten nach dem Bachelor-Abschluss sofort ein Master-Studium an. Das Studium ist somit bis zum Abschluss einfach aufwändiger geworden.
Namhafte Professoren nur im Masterprogramm
In Bachelor-Studiengängen würde, so Liessmann, die forschende Lehre nicht mehr vorkommen. Professoren, die auf sich halten, würden danach trachten, nur noch in Graduiertenprogrammen tätig zu sein. "Die Zweiklassenuniversität scheint nur mehr eine Frage der Zeit zu sein", und das werde das Vertrauen in Bachelor-Abschlüsse noch mehr erschüttern.
Arndt: Kein Job für Chemie-Bachelors
Auch der Physiker und Wittgenstein-Preisträger Markus Arndt von der Uni Wien bezeichnete das neue Studiensystem als "überreguliert", derzeit sei der Bachelor in Österreich eine "korsettierte Fachschule", die kaum Mobilität zulasse. Doch er sieht, etwa in seinem Fach, der Physik, durchaus einen Arbeitsmarkt für Bachelor-Absolventen, auch wenn diese, etwa aufgrund der fehlenden Praxis sicher keinen hochtechnologischen Beruf machen können. Die Beschäftigungsfähigkeit sei aber sehr fachspezifisch, "wer in Chemie nicht promoviert hat, bekommt keinen Job".
Humboldts Bildungsideal der Einheit von Forschung und Lehre könne im Bologna-Prozess "durch eine flexible Interpretation der Doktoratsprogramme erhalten werden", sagte Arndt. Dazu müsste etwa viel mehr Flexibilität ins System kommen, in den USA könne man etwa direkt nach dem Bachelor-Studium ein - dann längeres - PhD-Studium anschließen, was in Österreich durch die vor dem Sommer beschlossene Reform des Universitätsgesetzes übrigens auch möglich sein wird.
Gefahr einer Verschulung der Unis
"Masse und Klasse sind an einer Universität nicht vereinbar", erwartet der Rektor der Universität Karlsruhe, Horst Hippler, eine Ausdifferenzierung der Hochschullandschaft. So werde es neben Spitzenuniversitäten anwendungsorientierte Hochschulen wie Fachhochschulen und Einrichtungen mit einer lokaleren Ausrichtungen auf die Wirtschaft geben.
Die Innsbrucker Astronomin Sabine Schindler sieht die Einheit von Lehre und Forschung weiterhin als wichtige Grundlage für die Universität. Sie warnte aber vor der Gefahr einer Verschulung der Unis. So würden Seminare von der Rechtsabteilung gestrichen, weil es nicht sein könne, dass wie in Seminaren üblich Studenten verschiedener Ausbildungsstufen darin sitzen.
(APA/Red.)

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