Vorlesungen auf Arabisch: „Gratis ist nicht genug“

Das Kinderbüro der Uni Wien versucht, Kinder aus bildungsfernen Familien an die Universität zu locken. Dabei sollen nun auch Vorlesungen von geflüchteten Wissenschaftlern helfen. Sie sind Vorbilder für Flüchtlingskinder.

 Rund 4000 Kinder studieren im Sommer an der Kinderuni der Uni Wien. Angeboten wurden auch Vorlesungen auf Arabisch.
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 Rund 4000 Kinder studieren im Sommer an der Kinderuni der Uni Wien. Angeboten wurden auch Vorlesungen auf Arabisch.
Rund 4000 Kinder studieren im Sommer an der Kinderuni der Uni Wien. Angeboten wurden auch Vorlesungen auf Arabisch. – (c) Kinderbüro der Uni Wien

Wien. Fünf Wassergläser, in denen jeweils ein Salatblatt steckt, stehen auf dem Tisch inmitten des Hörsaals. Neugierig beugen sich Kinder darüber und füllen rote, grüne und blaue Lebensmittelfarbe ein. So, wie die Professorin gerade gebeten hat, nicht auf Deutsch, sondern auf Arabisch.

Elf Kinder sitzen an diesem Julivormittag im Hörsaal an der Kinder-Uni Wien. Sie kommen u. a. aus Syrien, Ägypten und dem Irak und sind nach Österreich ausgewandert oder geflüchtet. Genauso wie Rana, die syrische Wissenschaftlerin, die einst schon im Forschungszentrum in Seibersdorf gearbeitet hat und heute vor den Kindern steht, um in ihrer Muttersprache über den Aufbau und die Funktion von Pflanzen zu referieren. An der Kinder-Uni Wien wird bereits seit Längerem nicht nur auf Deutsch unterrichtet. Die Vorlesungen für die Sieben- bis Zwölfjährigen finden in zehn verschiedenen Sprachen – von Englisch über Französisch bis hin zu Türkisch – statt. Neu ist, dass vor den Kindern Wissenschaftler, die selbst geflüchtet sind, stehen. Es ist eine Kooperation des Kinderbüros der Uni Wien und der Initiative Science in Asylum.

Die geflüchteten Wissenschaftler sollen Vorbilder für die Flüchtlingskinder sein. „Wir wollen zeigen, dass es Wissenschaft auf der ganzen Welt gibt und sie nicht abhängig von Herkunft und Deutschkenntnissen ist“, sagt Karoline Iber, die Geschäftsführerin des Kinderbüros der Uni Wien. Das sei wichtig, da der Besuch einer Universität durch die Flucht oft weit weg rückt.

Beim 13-jährigen Achmed aus Damaskus ist die Universität schon wieder angekommen. Als er mit den arabischen Wörtern für Wurzel, Stängel, Blüte die Bestandteile der Pflanze aufzählt, gibt es für ihn Applaus. Seit vier Monaten ist Achmed in Österreich. Deutsch spricht er noch kaum. Das soll sich bald ändern. Immerhin soll der heutige Uni-Besuch nicht der letzte sein.

 

Vorlesungen in Parks

Seit Jahren versucht die Kinder-Uni, vermehrt Kinder anzusprechen, für die Universität nicht Normalität ist. Dazu werden Folder in 22 Sprachen in Kultur- und Fußballvereinen verteilt, Kinder von zu Hause abgeholt und Vorlesungen in Wiener Parks abgehalten. „Wir haben bemerkt, dass gratis nicht genug ist, um die Kinder wirklich zu erreichen“, sagt Iber.
Der Forschergeist der Arabisch sprechenden Kinder wurde in der Vorlesung geweckt. Stolz holen sie sich ihre erste Uni-Teilnahmebestätigung ab. Auch Wissenschaftlerin Rana ist mit ihrer Vorlesungspremiere zufrieden. Noch lieber, als in Österreich zu unterrichten, würde sie aber forschen. (j. n.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2016)

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