WIEN. „Ich bin Bachelor, und kein Mensch weiß, was das ist!“ So, wie eine Studentin auf der Onlinestudentenplattform StudiVZ über ihren Studienabschluss schreibt, haben sich das die 29 europäischen Minister wohl nicht gedacht, als sie 1999 die Bologna-Erklärung unterzeichneten. Dem Papier zufolge sollten Bachelorabsolventen nach drei Jahren Studium an einer österreichischen Uni oder FH ein Jahr früher in den Job einsteigen können.
Die österreichische Realität sieht anders aus: Laut Personalberater Iventa nehmen Arbeitgeber den Bachelor noch nicht als Berufsausbildung wahr. Gerhard Riemer, Bereichsleiter für Bildung in der Industriellenvereinigung (IV), wird präziser: „Einzelne Bachelorabschlüsse sind an der Technischen Uni ein Zwischenabschluss, ein besserer erster Studienabschnitt.“ Doch auch von der Vorbildung hängt ab, wie gut die Chancen eines TU-Bachelor stehen, gleich in den Beruf einzusteigen. Bei Klaus Mörtl, Personalchef der Mobilkom Austria (A1), haben TU-Bachelors mit HTL-Matura gute Jobaussichten. Für solche mit AHS-Matura sehe die Sache schlechter aus. Jenny Dinich, Personalchefin von Microsoft Österreich, ist bei der Besetzung einer Stelle eine fachliche Grundlagenbildung wichtig und die nötige Leidenschaft für den Job. Ob jemand als Bachelor oder Master zu ihr komme, sei egal.
Überlastete Studienpläne
Ingeborg Kühling-Garfield ist Direktorin der Europa-Wirtschaftsschulen, einer Privatuni in Wien. Sie setzt noch eins drauf: „Uni-Studenten haben auch, wenn sie bis zum Doktorat studiert haben, schlechte Karten auf dem Arbeitsmarkt.“ Es sei denn, sie hätten sich Soft Skills wie EDV- und Englischkenntnisse oder die Fähigkeit, „auch in der deutschen Sprache ordentlich zu kommunizieren“, anderswo angeeignet. Die Unis müssten sich bei der Gestaltung der Studienpläne stärker fragen: „Welche Kompetenzen soll der Student haben?“ Im Moment wolle man möglichst viele Inhalte im Studienplan abarbeiten: „Keiner fragt, wozu die Studenten die brauchen“, so Kühling-Garfield. „So wie die Unis den Bachelor strukturieren, zeigen sie, dass sie ihn nicht wollen.“ Die Fachhochschulen seien mit ihrer Praxisorientierung jedoch ganz gut unterwegs.
87 Prozent der Studenten, die an einer österreichischen Uni oder FH mit Bachelor abschließen, hängen noch ein Masterstudium dran. Nicht einmal ein Viertel (13 Prozent) wagt sich damit gleich auf den Arbeitsmarkt. Selbst professionelle Personalchefs hätten keine Informationen darüber, „was der Bachelor ist, was er kann und wofür er gedacht ist“, sagt IV-Experte Riemer. Die Personalchefs sehen das nicht so eng: „Wir sind aktiv mit den Fachhochschulen in Verbindung und wissen Bescheid, woher wir die richtigen Mitarbeiter bekommen“, sagt etwa Birgit Payerl, Recruiting-Chefin der Erste Bank Österreich.
Stellenwert nicht geklärt
Arthur Schneeberger, Experte vom Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft, sieht sich eher auf der Seite Riemers: „Der Stellenwert des Bachelor im Bildungssystem ist nie diskutiert und bis heute nicht geklärt worden. Wir brauchen eine Strukturdiskussion über den tertiären Bildungssektor. Berufsbildende Höhere Schulen (BHS, Anm.), Bachelor, Master und zweijährige Kollegs müssen klar voneinander abgegrenzt werden.“
Im englischsprachigen Raum, in dem das Bachelor-Master-System als Erstes eingeführt worden ist, reiche ein Bachelorabschluss für den Einstieg in Toppositionen. Die österreichischen Abschlüsse seien jedoch, entgegen der Intention des Bologna-Prozesses, international nicht vergleichbar. Der englische oder amerikanische Bachelor entspräche in Österreich dem Abschluss einer Berufsbildenden Höheren Schule plus fünfjähriger Berufserfahrung. Dieses Berufssegment sei jedoch durch die BHS-Absolventen auch gut abgedeckt. „Der Bachelor in den USA ist ein achtsemestriger erster Studienabschluss, der eine gute Grundlagenausbildung bietet. Ich glaube nicht, dass wir Europäer uns anmaßen können, den amerikanischen Bachelor so abzuwerten“, kommentiert Kühling-Garfield, die ihren Bachelor selbst in den USA gemacht hat, Schneebergers Aussage.
Das Wissenschaftsministerium will die Zahl der Bachelors, die direkt in den Beruf einsteigen, deutlich erhöhen, so Nikola Donig, Sprecher von Minister Johannes Hahn (ÖVP). Verpflichtende Ziele müssten mit Hochschulen und Unternehmen zwar erst diskutiert werden, doch 50 Prozent sei eine Quote, über die man verhandeln könne. Nachsatz: „Dies ist jedoch ein ambitioniertes Ziel.“
■Die Absolventen eines Bachelorstudiums werden auf dem Arbeitsmarkt unterschiedlich beurteilt. Personalchefs finden die Absolventen gut, beanstanden aber die mangelnde Erfahrung. Bildungsexperten üben Kritik an überfrachteten Studienplänen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2009)

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