Wer noch vor zehn Jahren den Namen der italienischen Stadt Bologna hörte, dachte vor allem an eines: an Spaghetti mit Fleischsoße. Im Jahr 1999 sollte sich das ändern. Da beschlossen die Minister von 29 europäischen Staaten mit dem Bologna-Prozess die größte Uni-Reform der europäischen Geschichte. Eine Reform, an der sich zehn Jahre später die größten Studentenproteste der jüngeren österreichischen Vergangenheit entzünden sollten. Denn die Studenten machen mit dem Aufstand nicht zuletzt ihrem Verdruss über die missglückte Umsetzung einer großen Vision Luft.
Die Ziele, die in Bologna formuliert wurden, sind ambitioniert: Bis 2010 sollten die mittlerweile 45 teilnehmenden Staaten ihre alten Uni-Strukturen einstampfen, um einen gemeinsamen, wettbewerbsfähigen Hochschulraum zu errichten – mit vergleichbaren Abschlüssen und größtmöglicher Mobilität für Studenten. Ob man dort je ankommen wird, ist unklar: Die Realität schaut anders aus.
Rein technisch ist die Umstellung weit vorangeschritten: Österreich muss seine Diplomstudien auf das neue Bachelor-Master-System umstellen: Der meist vierjährige Magister wird durch den dreijährigen Bachelor und den zweijährigen Master ersetzt. Das Doktorat heißt künftig PhD. In 80 Prozent der Studien ist das schon passiert, an FH sind es noch mehr.
Woran es mangelt, ist die inhaltliche Umsetzung vor allem des Bachelors: Konzipiert ist dieser primär als Berufsausbildung, der wissenschaftliche Anspruch tritt dabei in den Hintergrund. Worum es geht, ist die Arbeitsmarktfähigkeit.
Ende der freien Wissenschaft
Aber genau dort, auf dem Arbeitsmarkt, kommt der Bachelor nicht gut an: Firmenchefs schrecken vor dem „Abschluss light“ zurück und sogar der Staat hat den Bachelortitel im Beamtenwesen nicht dem Magister gleichgestellt. Das Ergebnis: Nur jeder Zehnte verlässt die Uni mit dem Bachelor, alle anderen hängen Masterstudien dran. Nicht im Sinne des Erfinders: Der Master ist eher als berufsbegleitende Ausbildung oder Zwischenschritt für jene gedacht, die eine wissenschaftliche Karriere planen.
Hauptkritikpunkt jener Studenten, die nun das Audimax besetzt halten, ist ein anderer: die Ökonomisierung der Bildung, die vor allem geisteswissenschaftliche und künstlerische Studien der Grundlage beraube. Schuld daran ist das einengende Kurssystem, das viele Unis derzeit errichten: Die freien Wahlfächer werden beschränkt, Studienpläne verschult.
Generell haben sich viele Unis bei der Umstellung wenig Mühe gegeben. Statt neue Curricula zu entwerfen, wurden die bestehenden einfach in die neue Architektur gepresst. Ergebnis: überfrachtete Bachelorstudien ohne klare Struktur. Zudem nutzten die Rektoren ihre Autonomie, um spezialisierte Studien zu entwerfen. Der Wechsel zwischen Unis wird dadurch nicht erleichtert, sondern erschwert. Die Zahl jener, die Auslandssemester absolvieren, droht seit der Umstellung zu sinken.
Auch der Oberste Gerichtshof (OGH) hält vom Bachelor offenbar nicht besonders viel. Er gab den Klagen eines Grazer BWL-Studenten und einer Wiener Publizistik-Studentin statt. Sie hatten ihre Väter belangt, weil diese nach Ende des Bachelorstudiums keine Alimente mehr zahlen wollten. Der Oberste Gerichtshof betonte aber, dass das Masterstudium gegenüber einem Bachelor eine deutliche Erweiterung der beruflichen Möglichkeiten bringe: Daher müssten die Väter den Kindern auch das Masterstudium finanzieren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2009)

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