LEOBEN.„Was da stattfindet, ist das Gegenteil von Profilierung“, ärgert sich Wolfhard Wegscheider, Rektor der Montanuniversität Leoben. Der nachhaltige Zorn des Rektors begründet sich mit einem seit Monaten anhaltenden Disput zwischen dem obersteirischen Uni-Standort und der Johannes Kepler Universität in Linz. Streitobjekt sind die Kunststofftechnikstudien.
Seit 40Jahren wird in diesem Fachbereich an der Montanuniversität österreichweit mehr oder minder monopolartig gelehrt und geforscht. Die jüngsten Aufrüstungspläne der Uni Linz – dort wurde mit diesem Wintersemester ebenfalls eine akademische Kunststofftechnikausbildung gestartet – haben den Alleinvertretungsanspruch Leobens gehörig ins Wanken gebracht. „Gerade dort, wo wir erfolgreich sind, versucht man zu duplizieren“, warnt Wegscheider vor einer „Doppelgleisigkeit“. Einen Vorwurf, den man in Linz nicht gelten lässt. „Die Kunststoffwirtschaft benötigt pro Jahr zumindest 60 bis 80 Absolventen“, kontert der Linzer Rektor Richard Hagelauer. Aus Leoben hätte es in den vergangenen Jahren aber nur zwischen zehn und 15 gegeben. „Da wurde in Leoben offensichtlich etwas verschlafen“, stichelt man in Linz. Dort habe erst das Drängen der Industrie – konkret durch die OMV-Tochter Borealis – zur Neuansiedlung der Kunststofftechnik geführt.
„Keine Doppelgleisigkeiten“
Gewürzt wird das Duell durch den Umstand, dass mit Reinhold Lang just ein aus Leoben abgeworbener Professor mit dem Aufbau der Studienrichtung in Linz betraut wurde. Auch er wehrt sich gegen den Vorwurf der Duplizierung: „Selbst bei gleichen Forschungsfeldern werden sich die konkreten Arbeiten aufgrund unterschiedlicher methodischer Ansätze, Materialien, Prozesse und Hypothesen unterscheiden.“ – „Qualität kann man nicht mit Geld kaufen“, plädierte zuletzt die steirische Wissenschaftslandesrätin Kristina Edlinger-Ploder (VP) für mehr Selbstbewusstsein an ihre Landsleute.
Der Streit zwischen den Unis wurde indes auch an einer Nebenfront genährt und weitergefochten. So hatten sich zuletzt die Borealis und die Uni Linz aus dem gemeinsamen in Leoben angesiedelten Polymerkompetenzzentrum zurückgezogen. Die jüngste Entscheidung des Infrastruktur- und Wirtschaftsministeriums wirkte da wie eine Heilsalbe auf den aufgerissenen Leobener Wunden: Am Donnerstag wurde das PCCL als K1-Zentrum genehmigt. Damit sind für die kommenden vier Jahre Forschungsinvestitionen mit einem Volumen von 20 Millionen Euro gesichert.
Der Leobener ÖH-Vorsitzende Peter Pulm sieht das Duell sportlich: „Wir werden wissenschaftlich mit Linz kooperieren müssen und werden sehen, wer in zehn Jahren die Nummer eins ist.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2009)

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