Von einem „neuen 1968“ kündet im österreichischen Herbst 2009 ein selbst gemaltes Plakat im Audimax. Das mag auf den ersten Blick absurd erscheinen – es gibt keine Naziväter, keinen Vietnam-Krieg, keinen reaktionären Muff unter den Talaren mehr. Aber es gibt doch Parallelen: Auch damals hatte alles mit überfüllten Unis und überbelegten Hörsälen begonnen. In Frankreich, dem Ausgangspunkt der Revolte in Europa, hatte sich an eben diesen widrigen Studienbedingungen der Protest entzündet. Die Babyboomer drängten in großer Zahl an die Unis, so viele Menschen wie nie zuvor hatten Abitur gemacht. Doch die Unis, vielfach in Kleinstädten angesiedelt, waren nur für eine kleine Elite konzipiert. Nun wurden sie zur Massenuniversität, doch sie konnten der Masse kaum Herr werden. In vielen Städten wurden in der Peripherie eilig Plattenbau-Unis hochgezogen.
Am trostlosen Stadtrand von Paris, in Nanterre, studierte Daniel Cohn-Bendit, der die Revolte von hier aus ins ganze Land tragen sollte. Die Unzufriedenheit an der Uni Nanterre schlug bald in Protest um, der Campus musste nach Zusammenstößen zwischen Studierenden und der Polizei gar gesperrt werden. Die Studenten zogen weiter an die Sorbonne, die Unruhen erreichten das Stadtzentrum. Der Mai 68 hatte begonnen.
„Halten wir fest, dass es lokale und ganz eigennützige Gründe waren, die die Ereignisse vom Mai 68 auslösten, damit wir uns nicht von den ideologisch befrachteten Programmen der folgenden Wochen in die Irre führen lassen“, schreibt der Historiker Tony Judt. Es habe damals, wie auch die Führung der französischen KP befand, „eine Party und keine Revolution“ stattgefunden.
So wie heute. Damit enden die Parallelen allerdings schon wieder. Selbst das Interesse am Marxismus, bei etlichen Audimaxisten zwar vorhanden, ist bei Weitem nicht so ausgeprägt wie bei den Vorgängern. Charismatische Führer fehlen diesmal, es dominiert das Kollektiv. Und dann wäre da noch der Erotikfaktor, der Revolten meist innewohnt: Während jene von 1968 mit einer echten sexuellen Revolution einherging, einer Abkehr von den Normen der verklemmten Nachkriegszeit, so sind die heutigen Hörsaalbesetzer vorrangig damit beschäftigt, den „Sexismus“ in all seinen Facetten durchzudeklinieren. In den 60ern konnte man mit einem Mini noch provozieren. Die heutigen StudentInnen im Audimax ziehen den Schlabberlook vor.
Und während man dieser Tage den Eindruck hat, dass alle Intellektuellen, jedenfalls alle, die sich zu Wort gemeldet haben, hinter den rebellierenden Studenten stehen, so war es damals kein Naturgesetz, dass die Kulturschaffenden nur auf dieser Seite der Barrikaden zu stehen haben. So meinte der italienische Filmemacher Pier Paolo Pasolini im Juni 1968: „Jetzt mögen euch die Journalisten der Welt in den Arsch kriechen, aber ich nicht, meine Lieben. Ihr habt die Gesichter verwöhnter Gören, und ich hasse euch, wie ich eure Väter hasse. Als ihr euch mit den Polizisten geprügelt habt, gehörte meine Sympathie den Polizisten, weil sie die Söhne armer Leute sind.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2009)

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