WIEN. Es ist Routine eingekehrt bei den Besetzern im Audimax der Uni Wien. Genau zwei Wochen ist es her, dass Hunderte den Hörsaal in Beschlag nahmen. Seither hat sich viel verändert: Die Reihen der Protestierenden haben sich gelichtet, nur noch knapp 60 bis 70 Unbeugsame halten am Dienstag die Besetzung aufrecht. Gefeiert wird im Hörsaal nicht mehr, sogar das Rauchen haben sich die Studenten selbst verboten. Das Podium, um das sich am Anfang unzählige drängten, um ihre Statements ins Plenum zu schreien, ist verwaist.
Und doch, von einem schleichenden Ende der Besetzung will hier niemand sprechen. Eher von der Ruhe vor dem Sturm. Denn die jüngsten Aussagen von SPÖ-Chef und Kanzler Werner Faymann, der sich überraschend für Zugangsbeschränkungen aussprach, haben den Ärger vieler hier erneut angefacht. „Mit offenem Mund“ habe sie die Nachricht vernommen, sagt etwa die 22-jährige Julia Bruch, eine der Besetzerinnen. Die Enttäuschung über den Schwenk in der SPÖ-Parteilinie, die die Anliegen bislang unterstützte, ist groß. „Mein Eindruck hat sich wieder einmal bewahrheitet“, sagt die 21-jährige Lina Dornhofer. „In der Politik wird A gesagt und dann B gemacht.“
„Entschuldigung“, ruft plötzlich einer vom Podium. „Wenn ihr die Arbeitsgruppe Protestwelle sucht, wir sitzen hier vorne.“ Organisiert wird hier der große Aktionstag am Donnerstag – und zwar von gezählten acht Personen. Ein „Proteststurm“ sieht anders aus. Dennoch: „Der Eindruck täuscht“, sagt Geschichte-Student Alex. „Wir sind organisiert. Sollte eine Räumung anstehen, kriegen wir den Saal innerhalb kürzester Zeit voll.“
Bundesweiter Aktionstag
Für den Aktionstag erwartet der 24-Jährige erneut tausende Teilnehmer: Schon in der Früh soll es Schülerstreiks geben, geplant sind auch Workshops und Kundgebungen in anderen Uni-Städten. Höhepunkt soll in Wien ein Demozug zum Urban-Loritz-Platz sein. Bis dahin jedoch herrscht unter den revolutionären Besetzern fast so etwas wie Alltag. Rund um das Audimax tagen Arbeitsgruppen, in der Volksküche wird Mittagessen zubereitet. Viele lesen oder lernen. Später kommt der Philosoph Konrad Paul Liessmann zur Diskussion. Eine Besetzerin hat sogar „Besuch“ von ihrer Schwiegermutter. Der 59-Jährigen gefällt es: „Die Erwachsenen sind so kleinkariert. Es ist gut, dass sich die Jugend wehrt.“ Auch die Metallergewerkschafter sind da, um den „solidarischen Arbeitskampf“ zu beschwören. Das bringt leisen Applaus.
Zwischen den Räumen eilt ein Team von Publizistik-Studenten umher, um eine Doku zu drehen: „24 Stunden im Leben eines Besetzers“. Die sind mitunter nicht nur vom Streik geprägt: Viele besuchen trotz Protest reguläre Vorlesungen und Seminare. Ein Widerspruch? „Im Gegenteil“, sagt eine Studentin. „Wer für bessere Bildung demonstriert, der muss bestehende Angebote auch wahrnehmen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2009)
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