KLAGENFURT (ewi). „Sehr geehrter Herr Bundespräsident, lieber Herr Doktor Fischer“, so beginnt der „Hilferuf“ von Oliver Vitouch. Der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychologie und Senatsvorsitzende der Uni Klagenfurt dankt Fischer, dass er sich in den hochschulpolitischen Grundsatzdiskurs eingeschaltet hat (Aufruf Fischers zum Dialog, Anm.), zugleich präsentiert er in seinem Schreiben „einige Zahlen zur immer prekäreren Lage der österreichischen Psychologie“. Und das sind die von Vitouch angeführten Daten:
•In Österreich beginnen derzeit 1620 Studierende jährlich ein grundständiges Psychologiestudium (weniger zuzulassen ist bundesgesetzlich untersagt), in Deutschland – bei 10-facher Einwohnerzahl – 3500. Die UG-Novelle sieht eine Steigerung in Österreich auf 2300 jährlich vor; das wären zwei Drittel der Anfängerzahl in ganz Deutschland (Ö: fünf Studienstandorte, D: 43, künftig 47).
•In Deutschland beträgt das mittlere Betreuungsverhältnis in der Psychologie 1:10, in Österreich 1:100. Betreuungsverhältnisse spielen aus gutem Grund auch in Rankings, wie dem Times Higher Education Ranking, eine wesentliche Rolle.
•Exemplarisch an der Uni Klagenfurt: Derzeit ist jedes fünfte Studium ein Psychologiestudium (1492 von 7669). Die Steigerung gem. UG-Novelle würde einer Erhöhung auf 30 Prozent der ordentlichen Studien bedeuten.
•Die Klagenfurter Psychologie, mit einem Personalstand von 15 WissenschaftlerInnen (darunter auch solche „in Ausbildung“), hat derzeit beinahe 1500 Studierende, rund 100 AbsolventInnen jährlich (mit empirischen Diplomarbeiten) und nicht unter 230 AnfängerInnen jährlich. Es herrscht also rund 60 Prozent Drop-out. Die AbsolventInnenzahl ist trotzdem nur unter gröbster Vernachlässigung anderer Aufgaben (Forschung, Drittmittel, Nachwuchsförderung...) und unter verheerenden Qualitätsabstrichen zu bewältigen.
•Stünde die Uni Klagenfurt auf deutschem Hoheitsgebiet, so hätte sie bei gegebenem Personalstand nicht mindestens 230 AnfängerInnen jährlich, sondern 35 (deutsche Kapazitätsverordnung, die von erschöpfender Nutzung der Ressourcen spricht).
•Aufgrund des strikten bundesweiten Psychologie-Numerus-clausus in Deutschland liegt (nach dem EuGH-Urteil 2005) die Zahl der deutschen Psychologie-AnfängerInnen an der Uni Salzburg bei derzeit über 70 Prozent, in Innsbruck bei ca. 60 Prozent.
Kritik am „sozialen“ Uni-Zugang
Nach diesen Fakten verweist Vitouch in seinem Brief darauf, dass der österreichische „freie Zugang“ hinsichtlich der sozialen Durchmischung höchst unzufriedenstellende Resultate erbringt. Nur Belgien rangiere punkto „Bildungskonservativität und Akademikerreproduktion“ noch schlechter. Vitouch: „Das wahre Problem liegt im viel zu früh segregierenden Schulsystem.“ Zugleich spielen die in anderen Ländern völlig selbstverständlichen „affirmative action“-Ansätze (Vorzugsquotierung für Studierende aus sog. „bildungsfernen Schichten“) in der österreichischen Debatte überhaupt keine Rolle.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.11.2009)
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