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Bildungssystem: Schlechte Chancen für Behinderte

15.11.2009 | 19:01 |  CHRISTOPH SCHWARZ (Die Presse)

Schwerhörige können kaum die Matura bestehen, kritisieren die Grünen. Auch Unis sind nicht barrierefrei.

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WIEN. „Sicher gibt es Förderung für Behinderte. Und zwar in der Behindertenschule.“ Es waren Aussagen wie diese, mit denen sich die 17-jährige Karin konfrontiert sah, als sie diesen Sommer ihre Matura machen wollte: Karin ist schwerhörig, eine von rund 500.000 Menschen, die in Österreich mit dieser Behinderung leben. Den Schulalltag hat die junge Frau gut gemeistert, an der Englischmatura sollte sie scheitern. Die Prüfer ließen sie durchfallen – weil Karin das Hörbeispiel nicht verstand. Oder besser: wegen ihrer Schwerhörigkeit gar nicht verstehen konnte.

Den Lehrern in der Abendschule, die die 17-jährige Wienerin besucht, seit sie die HAK nach dem Tod ihrer Mutter abbrechen musste, schien das egal zu sein. „Wenn ich etwas im Unterricht nicht verstehe, dann habe ich Pech. Als das Problem mit dem Hörbeispiel auftauchte, bot man mir an, ich könne mich näher an den CD-Player setzen, mehr nicht.“

Ein trauriger Einzelfall sei das nicht, sagt Helene Jarmer, die für die Grünen als erste gehörlose Abgeordnete überhaupt im Nationalrat sitzt. Eher die Regel: „Das heimische Schulsystem ist im Bereich Schwerhörige und Gehörlose desolat“, so Jarmer. Zahlreiche Fälle würden das belegen. Auch in Salzburg hätten Lehrer einen Schwerhörigen bei der Matura durchfallen lassen. Die Begründung: Seine Aussprache sei „nicht gut genug“. Wie schwierig es für Schwerhörige ist, eine Fremdsprache zu lernen, „dafür haben viele Menschen kein Verständnis“, sagt Jarmer.

„Die Leute können mit meiner Behinderung einfach nichts anfangen“, sagt die 17-jährige Karin. Vor allem, weil „man Schwerhörigkeit nicht sehen kann“. Karin deutet auf die Hörgeräte, die sie unter langen Haaren versteckt trägt. Geeignete Förderangebote „für Leute wie mich“ gebe es daher kaum. Das Ergebnis: Nur wenige Menschen mit Sinnesbehinderung gelangen an höhere Bildung. Viele können nicht einmal richtig lesen. Auch aus der Schwerhörigenklasse, die Karin in der Mittelschule besuchte, sei sie die Einzige, die heute mehr als nur einen Lehrabschluss habe. Bei Gehörlosen sei die Situation noch schlimmer, sagt Jarmer. In Österreich haben von den rund 10.000 Gehörlosen nur 100 Matura, 20 bis 30 studieren.

 

„Katastrophale“ Uni-Situation

Jarmers Forderung: ein barrierefreies Bildungssystem mit individueller Förderung für beeinträchtige Menschen. „Schließlich ist das Recht auf Bildung ein Menschenrecht.“ Was es brauche, seien Sensibilisierung, spezielles Coaching für Pädagogen und breit ausgebildete Stützlehrer. „Es geht nicht darum, dass Prüfungen für Behinderte leichter sein sollen, es geht darum, dass die Menschen durch spezielle Arbeitsbehelfe die gleichen Chancen haben“, sagt Jarmer, die jetzt auch Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) zu Gesprächen bitten will.

Karin jedenfalls darf nach Interventionen im zweiten Anlauf den Text des Maturahörbeispiels mitlesen. Sobald sie die Prüfung geschafft hat, will sie an der Uni studieren – und wird dort erneut mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben. „Schon jetzt habe ich bemerkt, dass es kaum Anlaufstellen gibt“, sagt sie.

Ein Eindruck, der nicht täuscht: „Die Situation an den Unis ist eine Katastrophe“, so Verena Petzl, die für den „Verein österreichischer gehörloser Studierender“ arbeitet. „Dolmetscher sind kaum zu finden. Tutoren, die bei der Nachbearbeitung des Stoffs helfen, gibt es nicht.“ Und die Professoren haben bei Prüfungen meist kein Verständnis für Studenten mit besonderen Bedürfnissen. Zwar würden sich die Unis als „barrierefrei“ rühmen, „die Realität schaut anders aus“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.11.2009)

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3 Kommentare
Gast: Not quite like Beethoven
17.11.2009 12:28
0 0

Was oben vollkommen herausfällt

, wohl weil es sich schwer gesetzlich regeln läßt ist die Rolle der Eltern. Mit der richtigen Unterstützung können behinderte Kinder wesentlich mehr erreichen, denke ich. Wer sich fürs Thema interessiert, ich habe mir dazu <a href="http://notquitelikebeethoven.wordpress.com/2009/11/16/schwerhorige-in-der-schule-eine-frage-des-glucks">hier</a>" target="_blank">" target="_blank">http://notquitelikebeethoven.wordpress.com/2009/11/16/schwerhorige-in-der-schule-eine-frage-des-glucks">hier</a> Gedanken gemacht und es ist eine ganz interessante Diskussion entstanden.

Das sind ja mal interessante Linke, danke NewAtair.

Gast, die von ihnen beschriebenen Abwägungen, größere und kleinere Anpassungen finden, soweit ich sehe, im Schulalltag ständig bereits statt, man hört nur nicht viel darüber weil es Abweichungen von der Norm sind.

Gast: Gast
15.11.2009 22:01
0 1

Ohne jetzt

auch nur irgendwie etwas gegen Menschen mit Behinderung sagen zu wollen, das vorweg.

Wenn man wirklich jeden Umstand jeder Person berücksichtigen würde (jetzt ohne Behinderung)

- hätte ich dann eine bessere Note verdient, bei der Schularbeit wo 5 Tage vorher mein Großvater gestorben ist?
- hätte ich die Englisch-Schularbeit später schreiben dürfen, weil ich 1 Woche vorher krank war?
- hätte ich am Geschichte-Test was besseres verdient wenn ich einen besseren Tag gehabt hätte?
- hätte ich auf Verständnis des Lateinlehreres hoffen sollen, wenn mir Vokabel nicht eingefallen sind?

[...]„dafür haben viele Menschen kein Verständnis"

Nochmal, nicht polemisch oder böse gemeint, aber wenn jetzt alle Verständnis haben und trotz nicht vorhandener Englisch Aussprache jemand die mündliche Englisch-Matura besteht (zB, weil es da oben als Beispiel steht), was bringt das?

Dann bewirbt man sich irgendwo, und im Vorstellungsgespräch wird plötzlich von Deutsch auf Englisch umgeschwenkt (damit sollte man immer rechnen btw) na toll, super was da rauskommen wird, aber Hauptsache die gute Note steht da, weil wir ja alle Verständnis gehabt haben. Das ist die falsche Art von "wir sind alle Barrierefrei"

Wenn jemand aufgrund von akuter schwerer Prüfungsangst zur theoretischen Führerscheinprüfung nicht antreten kann, haben dann auch alle Verständnis? Nein, du brauchst diese Voraussetzung für die Praktische, that¿s it..

NewAtair
16.11.2009 21:04
0 0

Re: Ohne jetzt

Lieber Gast, aus Ihrem Kommentar kann ich als selbst Schwerhöriger, der die Regelschule beucht hat und vor einem Jahr mit deinem Masterstudium an der TU fertig geworden ist, erkennen, dass Sie eigentlich keine Ahnung über das Thema haben. Denn eine gute Schriftsprache ist immer noch wichtiger als eine gute Aussprache der Fremdsprache. Weiters sind die ganzen "Listening Compensation" für Schwerhörige für den Hugo. Beim TEOFEL-Test, IELTS-Test, Cambridge ESOL-Test usw. wird auf SH7GL-Personen Rücksicht genommen. Nur ganz selten steht diese im Zertifikat.
http://www.cambridgeesol.org/exams/exams-info/special-circumstances/hearing-difficulties.html
Den TOEFL-Test kann man sogar in ASL ablegen und im Zertifikat steht nichts davon.
http://www.ets.org/portal/site/ets/menuitem.c988ba0e5dd572bada20bc47c3921509/?vgnextoid=ed32486227855010VgnVCM10000022f95190RCRD&vgnextchannel=c9d7be3a864f4010VgnVCM10000022f95190RCRD

So what? Immer dieses engstirnige Denke. Leider typisch für Österreich!