„Die Presse“: Haben Sie die Studentenproteste überrascht?
Sigurd Höllinger: Nein. Überrascht bin ich von der Dauer, das schon.
Die Universitäten, die Studierenden haben ja zu jeder Zeit, auch zu Ihrer Zeit als Sektionschef, mehr Geld gefordert.
Höllinger: Ja, das habe ich während meiner ganzen Berufstätigkeit erlebt. Die Budgets wurden auch, mit ganz wenigen Ausnahmen, immer angehoben. Aber eben nicht in dem Maß, wie es notwendig gewesen wäre, um dem Zuwachs der Studentenzahlen zu entsprechen. Man muss aber eines sagen: Die große Überlastung der Universitäten ist auf ganz wenige Studienrichtungen beschränkt, das sind etwa zehn von 170. Die übrigen sind nicht so schlecht ausgestattet. Ein großer Teil hat sehr, sehr gute Verhältnisse.
Ist die Studiensituation jetzt kritischer als vor einigen Jahren?
Höllinger: Ja, zweifellos. Weil in einigen Studienrichtungen die Zunahme der Menge der Studierenden kontinuierlich größer geworden ist, erstens durch österreichische Maturanten, zweitens durch deutsche Studierende.
Kann der Staat Studien wie Publizistik, Politikwissenschaft, Psychologie unbeschränkt erweitern?
Höllinger: Ich sehe das nicht für zweckmäßig, denn das sind Studienrichtungen, die in den heute schon vorhandenen Größenordnungen ohnehin problematisch groß geworden sind – im Hinblick auf die doch sehr beschränkte Möglichkeit, entsprechende Berufe zu finden.
Wo sehen Sie den größten Finanzierungsbedarf?
Höllinger: Sicherlich generell, weil seit vielen Jahren die Verhältniszahl Studierende zu Lehrern höchst ungünstig ist. Und man muss auch sehen, dass die Studienzeiten der österreichischen Studierenden relativ lang sind. Die Studierenden sind mehr Semester als in anderen Ländern an der Universität und beanspruchen Betreuung und Lehre.
Es gibt auch die Forderung „Bildung statt Ausbildung“, die sich gegen das Bologna-System und die Vermittlung einer gewissen Berufsfähigkeit schon im Bachelorstudium richtet.
Höllinger: Das ist eine klassisch deutsche, österreichische und schweizerische Angelegenheit, die man in dieser Form sonst so nicht kennt. Also die Unterscheidung in Bildung und Ausbildung ist im angelsächsischen Bereich und in Skandinavien eine fremde Angelegenheit.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.11.2009)
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