Audimax-Rückblick: Basisdemokratie, Party und Obdachlose

20. Oktober

Fünf Jahre sind vergangen seit den größten Studentenprotesten, die es in Österreich seit den 60er Jahren gab. Ein Rückblick.

Die Revolte beginnt bei den Kunststudenten. Aus Protest gegen die geplante Umstellung der Ausbildung auf die Bologna-Struktur und die Abschaffung von Studien besetzen Studenten der Akademie der Bildenden Künste die Aula der Hochschule.(c) APA (GEORG HOCHMUTH)

22. Oktober

Der Protest schwappt auf die Uni Wien über. Im Sigmund-Freud-Park vor der Votivkirche treffen sich einige hundert Studenten verschiedener Studienrichtungen. Sie sind wegen schlechter Studienbedingungen frustriert und fordern "Bildung als Menschenrecht und nicht als Ware". Ein Protestzug zur Hauptuni formiert sich.(c) DiePresse.com (Rosa Schmidt-Vierthaler)

22. Oktober

Im Arkadenhof der Uni Wien fasst man den Beschluss, das Audimax, den größten Hörsaal der Uni Wien, zu stürmen. Die Aktion ist spontan, eine Besetzung nicht geplant.

22. Oktober

Wenig später im Audimax: Unter Jubel wird die Besetzung beschlossen. Sogar vor den Türen drängen sich die Studenten. Am Nachmittag greift die Polizei ein, zieht jedoch bald wieder ab. Nach und nach strömen immer mehr Studenten in den Hörsaal , der sich über Nacht in eine Partymeile verwandelt.(c) DiePresse.com (Rosa Schmidt-Vierthaler)

23. Oktober

Nach und nach entsteht eine Infrastruktur im Audimax. Es gibt eine Volksküche, ein basisdemokratisch organisiertes "Plenum" entscheidet über alle wichtigen Angelegenheiten, daneben konstituieren sich "Arbeitsgruppen" und ein Pressezentrum.(c) DiePresse.com (Bernhard Lichtenberger)

23. Oktober

Ein erster Forderungskatalog wird erarbeitet. Darin enthalten: Die Ausfinanzierung und Re-Demokratisierung der Unis, selbstbestimmtes Lernen, Abschaffung aller Studiengebühren und freier Uni-Zugang. Brot, Aufstriche und Gemüse sollen die nötige Energie geben.(c) DiePresse.com (Bernhard Lichtenberger)

23. Oktober

Das Rektorat der Universität Wien entscheidet sich gegen eine Räumung. Bundeskanzler Werner Faymann äußert Verständnis für die protestierenden Studenten.(c) DiePresse.com (Bernhard Lichtenberger)

24. Oktober

Im Audimax etabliert sich eine Tagesstruktur: Während tagsüber nur wenige Studenten die Stellung halten, füllt sich der Saal abends für Plena bzw. Kulturveranstaltungen, mit teils prominenten Gästen - von Robert Menasse bis Ute Bock.(c) DiePresse.com (Günter Felbermayer)

27. Oktober

Die für das Audimax vorgesehenen Lehrveranstaltungen findenindessen im Austria Center und später in der Messe Wien statt. Nach und nach werden auch an anderen Unis Räume besetzt.(c) Die Presse (Clemens Fabry)

28. Oktober

An einer Demonstration durch die Wiener Innenstadt beteiligten sich am Abend an die 20.000 Personen, die Veranstalter sprechen gar von 50.000. Im Anschluss wird der Hörsaal C1 am Wiener Uni-Campus im Alten AKH besetzt.(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

30. Oktober

Wissenschaftsminister Johannes Hahn zapft eine Notfalls-Reserve an und stellt den Hochschulen 2010 daraus 34 Millionen Euro zur Verfügung. Dies wird von Unis und Studentenvertretern zwar begrüßt, aber als unzureichend bezeichnet.(c) APA (ROBERT JAEGER)

5. November

Rund 8000 Personen demonstrieren in Wien für eine Verbesserung der Studienbedingungen. Der Gürtel wird für einige Zeit gesperrt. Auch in anderen österreichischen Uni-Städten gehen hunderte Studenten und Sympathisanten auf die Straße.(c) Reuters (LEONHARD FOEGER

14. November

Aktion der Audimax-Besetzer: 150 bis 200 Demonstranten unterbrechen eine Vorstellung im Burgtheater und werfen Flugzettel. Die Reaktion des Publikums: teils Buhrufe, teils Applaus.(c) APA (JAN ZISCHKA)

17. November

Der Protest wird schwächer, im Audimax wie auf der Straße. Am "Weltstudententag" demonstrieren einige hundert Studenten vor der Industriellen-Vereinigung gegen die Ökonomisierung von Bildung.

19. November

Die Leitung der Uni Wien lädt zum "Dialogforum" mit den Besetzern, die allerdings Verhandlungen (noch) ablehnen. Für solche müsse Rektor Georg Winckler vor dem Plenum erscheinen.

25. November

In Wien findet ein von Hahn initiierter "Hochschuldialog" statt, zu dem auch Vertreter der Besetzer geladen sind. Diese verwandeln den Auftakt mit Clowns und Feuerschluckern zu einem Zirkus. Konkrete Ergebnisse gibt es beim Dialog nicht.(c) APA (ROBERT JAEGER)

Ende November

Immer weniger Studenten halten tagsüber die Besetzung aufrecht. Die Kritik an den hohen Kosten dieser Protestform wird immer lauter. Indessen wird der durch die Hörsaalbesetzung kreierte Begriff Audimaxismus zum Wort des Jahres gekürt.

2. Dezember

Bei Besuchen sieht man es schon lange, nun machen die Audimax-Besetzer selbst auf das "Obdachlosenproblem" aufmerksam. Diese haben den besetzten Hörsaal und die Volxküche der Studenten zu ihrer Zufluchtsstätte gemacht.

3. Dezember

Die ÖVP fordert die Räumung des Audimax - wenn nötig auch durch die Polizei. Die Uni-Leitung setzt allerdings weiter auf eine "politische Lösung".(c) APA (HERBERT NEUBAUER)

4. Dezember

Rektor Georg Winckler erfüllt eine der Bedingungen für einen Abzug und diskutiert nach mehr als fünf Wochen erstmals mit den Besetzern im Audimax. Er spendet zwar 10 Euro, das Gespräch verläuft jedoch ergebnislos.(c) APA ( HERBERT NEUBAUER)

14. Dezember

Eine große Mehrheit der Besetzer stimmt dafür, das Audimax unter noch undefinierten Bedingungen für Vorlesungen freizugeben. Auf einen Abzug können sie sich nicht einigen.(c) APA (GEORG HOCHMUTH)

21. Dezember

Schließlich veranlasst das Rektorat in den frühen Morgenstunden die polizeiliche Räumung des Hörsaals. Nur mehr rund zehn bis 15 Studenten und an die 80 Obdachlose verlassen das Audimax.

Ab 29. Oktober im Kino: Die von den Aktivisten selbst gestaltete #unibrennt-Dokumentation.(c) APA/GEORG HOCHMUTH

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