London. Der Sommer ist endlich da, doch hunderttausende britische Jugendliche werden ihn kaum genießen können. Nach dramatischen Kürzungen bei den Ausgaben für Unis drohen bis zu 250.000 Schulabgänger bei Studienbeginn ohne Studienplatz zu bleiben.
Bis 2013 will die Regierung in London die Ausgaben für die 147 Unis und Hochschulen in England und Wales (für die 19 schottischen Unis ist die Regierung in Edinburgh verantwortlich) um rund 1,2 Milliarden Pfund – von zuletzt 14 Milliarden Pfund – kürzen. Dabei dürfte es sich nur um die Spitze des Eisbergs handeln, befürchten Studenten und Uni-Lehrer. Steve Smith, der Vorsitzende des Interessenverbandes Universities UK sieht die Hochschulen gar vor dem Marsch durch das „Tal des Todes“.
Bereits jetzt haben die Einsparungen dramatische Folgen: An vielen Unis werden Stellen abgebaut, Lehrgänge gestrichen und Investitionen gestoppt. Nach Schätzungen des Gewerkschaftsverbandes „University and College Union“ (UCU)sind 15.000 Posten in Gefahr. Doch es droht noch Schlimmeres. In den nächsten vier Jahren will die Regierung ihre Ausgaben um 25 Prozent kürzen, Details sollen im Oktober vorliegen. „Unsere Unis müssen geschützt werden“, so Paul Marshall, Chef der „1994 Group“, von 19 führenden Forschungseinrichtungen.
Die Kürzungen erfolgen nach einem Jahrzehnt massiver Investitionen in Lehre und Forschung, die von 1997 bis 2007 mehr als verdoppelt wurden. „Wir haben eine gute Dekade gehabt“, räumt Professor Adam Roberts, Vorsitzender der British Academy, im Gespräch ein. Vier englische Universitäten – Cambridge, Oxford, Imperial College London und University College London – sind unter den zehn führenden Unis der Welt. Das hat nachweisbar ökonomischen Nutzen: „Unsere Universitäten tragen im Jahr 59 Milliarden Pfund zu unserer Volkswirtschaft bei“, sagt Nicola Dandrige, Geschäftsführerin von Universities UK. Dennoch gibt Großbritannien nur 1,3Prozent des BIPs für Unis aus, während es etwa in den USA drei Prozent sind.
Unis fürchten Zusammenlegung
Die Zahl der Studierenden stieg von 1,8 Millionen im Jahr 1997 auf zuletzt 2,4 Millionen bzw. 43 Prozent der Schulabgänger. 2006 änderte die Regierung die Regelung für Studiengebühren. Seither dürfen die Unis einen jährlichen Maximalbetrag von britischen und EU-Studenten einheben, der künftig 3290 Pfund (3940 Euro) beträgt. Andere ausländische Studenten – immerhin elf Prozent der Gesamtzahl – zahlen bis zu 20.000 Pfund (23.952 Euro) im Jahr.
Um die Höhe der Gebühr drehen sich mittlerweile auch alle Debatten. Im Herbst wird eine Kommission ihren Bericht vorlegen. Erwartet wird die Empfehlung, die Gebühren entweder drastisch zu erhöhen oder überhaupt freizugeben. Dafür machen sich vor allem die Elite-Unis stark. Der Chancellor der Uni Oxford, Chris Patten, argumentiert, dass die Studiengebühren plus Zahlungen des Staates nicht einmal die Hälfte der Kosten für einen Studienanfänger abdecken. „Umgekehrt zahlen unsere Uni-Lehrer doppelt so viel für einen Kindergartenplatz, wie ein Studienplatz in Oxford kostet“, sagt Patten, der wahrlich nicht als Scharfmacher gilt.
Während Vorzeige-Unis auf ihren weltweiten Ruf setzen, bangen viele andere Hochschulen um ihre Existenz; bis zu 20 Unis gelten als akut gefährdet. Die Wirtschaft fordert die „Zusammenlegung von Einrichtungen, die nicht überleben können“. Der neue Staatssekretär für Universitäten, der konservative David Willetts, bezeichnete in ersten Interviews Studenten als „Belastung für den Steuerzahler“.
Tatsächlich ist das System reformbedürftig. Aus den Gebühren beziehen die Unis nicht einmal ein Drittel der Jahreseinnahmen. Umgekehrt liegt das Lebenseinkommen von Absolventen nach Erhebungen des linksgerichteten Thinktanks „Demos“ bei 160 Prozent des Durchschnittseinkommens – nicht verwunderlich, dass 80 Prozent der Schulabgänger ein Studium beginnen wollen (wobei 60 Prozent von ihnen sagen, dass sie höhere Gebühren als Investition in die Zukunft akzeptieren würden).
Hunderttausende werden allerdings nicht die Gelegenheit dazu haben; Proteste sind bereits angekündigt. Großbritannien droht neben dem Rückfall in der Forschung erneut – wie in der Thatcher-Ära – eine „verlorene Generation“. Und das ist, wie sich gezeigt hat, die teuerste Form der Einsparungen.