Lektorenchef: "Das System fördert die Angepassten"

Lektorenchef Claus Tieber über die Chancen für Jungwissenschaftler, exzellente Foschung und warum ohne mehr Geld alles nichts ist.

Lektorenchef Moment will einfach
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Lektorenchef Moment will einfach
(c) Michaela Bruckberger

DiePresse.com: Findet ein Wissenschaftler, der sich heute in Österreich habilitiert, überhaupt einen Job?
Claus Tieber: In Österreich, mit Ausnahmen, nicht. Nachdem der große Teil der Professoren in den letzten Jahren neu besetzt worden ist, sind die Stellen für die nächsten zwanzig, dreißig Jahre zu.

Jungen Wissenschaftlern bleibt also nichts anderes übrig, als ihr Glück im Ausland zu versuchen.
Tieber: Ja. Es gibt ab einem bestimmten Stadium der Qualifikation keine vernünftigen Stellen. Alles, was es gibt, sind Professuren und befristete Verträge für Pre- und Postdocs.  Ab der Habilitation gibt es in Österreich nur die Alternative: Professur oder Arbeitslosigkeit.

Fördert das System an den österreichischen Unis das Mittelmaß?
Tieber: Ja, es fördert die Angepassten. Die Uni-Struktur ist nach wie vor auf einem alten, hierarchischen System aufgebaut und hat für das, was außerhalb passiert, keinen Platz.

Wie könnte die Organisation der Universität künftig aussehen?
Tieber: Es muss jedenfalls so sein, dass die Hierarchie an einem Institut nicht wie derzeit eine Professur, ein Ordinarius und Assistenten in Ausbildung ist, sondern dass es einen Mittelbau gibt: Laufbahnstellen, bei denen man sich unbefristet weiter hocharbeitet, Leute, die nicht einfach nur einem Professor zuarbeiten, sondern selber arbeiten. So wie es jetzt ist, mit dem UG 2002, ist es eine Entdemokratisierung und eine Rehierarchisierung, in der die Professoren einen Stellenwert haben, der ihnen überhaupt nicht zusteht.

Forschung und Lehre werden hauptsächlich von Mitarbeitern in prekären Arbeitsverhältnissen getragen. Welche Konsequenzen hat das?
Tieber: Exzellente Forschungsergebnisse und exzellente Lehre gibt es nur unter exzellenten Arbeitsbedingungen. Ansonsten ist es schlicht nicht möglich. Man kann nicht die miserabelsten und prekärsten Arbeitsbedingungen schaffen, und dann exzellente Forschung verlangen. Das funktioniert einfach nicht. Das ist etwas, was man irgendwann begreifen muss.

Was strukturelle Fragen betrifft, gibt sich Wissenschaftsministerin Beatrix Karl gerne handlungsunfähig angesichts der Autonomie der Universitäten. Nehmen Sie ihr das ab?
Tieber: Die Unis sind finanziell abhängig. Ab dem Moment kann man ansetzen. Entweder machen sie das, was das Ministerium will, oder sie kriegen weniger Geld und aus.

Stichwort Geld: Warum machen die österreichischen Unis es nicht wie in den USA und suchen sich Sponsoren?
Tieber: Weil es diese Sponsoren in Österreich nicht gibt. Wer soll denn sponsern, außer Red Bull?  Die zwei, drei Unternehmen, die Interesse hätten, österreichische Unis zu sponsern, das geht sich unterm Strich nicht aus. Sollen sie da und dort Sponsoren suchen, wo es geht, aber das rechnet sich ja nie.

Wie kann man die Unis aus der Misere führen, ohne immer nur mehr Geld zu verlangen? 
Tieber: Ohne mehr Geld wird es nicht gehen. Die zwei Prozent des BIP, zu denen sich die Regierung zumindest bekannt hat, sind eh lächerlich wenig. Das ist eine politische Entscheidung: Wenn man der Bildung einen hohen Wert zuspricht und wenn man sieht, dass das dem gesamten Wirtschaftsstandort auch etwas bringt, dann muss man mehr Geld investieren. Alles andere kann man dann diskutieren.

Es geht auch um die Verteilung. Wäre Studienplatzfinanzierung eine Lösung?
Tieber: Das funktioniert nicht ohne Zugangsbeschränkungen. Man muss zuerst schauen, wie viel Geld man lockermachen kann. Dann kann man sich zusätzliche Schritte überlegen.

Serie: Die Zukunft der Unis

Gesprächspartner aus dem Uni-Sektor haben in der DiePresse.com-Serie ihre Visionen für die österreichischen Universitäten skizziert. Alle Gespräche zum Nachlesen.


Laut einer Studie mindert der freie Hochschulzugang die Qualität. Gehört er abgeschafft?
Tieber: Die IG Lektoren ist grundsätzlich für den freien Hochschulzugang. Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren werden im Moment nur eingesetzt, um weniger Studierende zu haben. Und das verträgt sich überhaupt nicht mit der angeblich gewollten Erhöhung der Akademikerquote. Man muss wissen, was man will. Im Moment will man einfach nur weniger Studenten und möglichst kein Geld ausgeben.

Ein Drittel der Studenten quält sich in Massenfächern. Was ist per se schlecht daran, wenn man versucht, Studierendenströme zu lenken?
Tieber: Das hätte man längst machen können. Das Problem ist, dass man in Studien, die die Leute jahrelang einfach durchgewunken haben, jetzt Eingangstests und Studieneingangsphasen einführt. Dabei hat kein Mensch in den letzten zehn Jahren jemanden daran gehindert, Studenten negativ zu beurteilen, wenn sie nicht dem Niveau entsprechen. Aber die Lehrenden schöpfen die Bandbreite der Noten nicht aus. Die Arbeiten der Studierenden werden nicht angeschaut, sondern durch die Bank mit Gut benotet.

Wie kann man das lösen?
Tieber: So oder so, selbst wenn ich noch so harte Eingangsprüfungen schaffe, ist unterm Strich mehr Lehrpersonal nötig. Das, was jetzt zur Verfügung steht, reicht nicht einmal für einen Bruchteil der Studierenden. Auch wenn ich die Anzahl der Studierenden runterdrücke, ja selbst wenn ich sie halbiere, brauche ich immer noch mehr Lehrende.

Was wäre für Sie ein vertretbares Betreuungsverhältnis?  
Tieber: 10, 15 Studenten. Aber wir haben ja 300.

Die Universität soll zuallererst der zweckfreien Suche nach Erkenntnis dienen. Ist das noch zeitgemäß?
Tieber: Den Widerspruch zwischen Bildung und Ausbildung und diese künstlich aufgebaute Spannung zwischen Fachhochschulen und Universitäten sehe ich so nicht. Man muss die Balance halten zwischen Markttauglichkeit und einer reinen Ausbildung von Fachidioten, die irgendwelche Excel-Tabellen perfekt können aber sonst nichts. Studienpläne, die nur darauf aus sind, Akademiker hervorzubringen, von denen die besten Wissenschaftler werden, sind aber auch sinnlos, das ist Produzieren von Arbeitslosen. Deshalb haben sich die Universitäten mehr in Richtung Praxis und die FHs mehr in Richtung Theorie zu bewegen. Das werden aber beide machen.

Wie soll die Universität in zehn Jahren aussehen? 
Tieber: Sie soll offener sein, weniger hierarchisch, und weniger Ausschließungsmechanismen haben. Man muss Hierarchien abbauen, auf den einzelnen Instituten. Man muss das UG 2002 grundsätzlich revidieren. Und diese Ausschließungsmechanismen einfach abbauen, um bestimmte Bereiche der Wissenschaft allgemein zu öffnen, damit jeder, den es interessiert, mitdiskutieren kann.

Wovon hängt die Zukunft der Unis am stärksten ab: bessere Studienanfänger, mehr Geld, straffere Lehrprogramme, bessere Verteilung der Ressourcen, mehr Wettbewerb?
Tieber: Mehr Geld. Die zwei Prozent sind einmal ein Anfang. Danach kann man über alles andere reden. Geld ist natürlich nicht alles, aber ohne mehr Geld ist alles nichts und dann bricht es einfach irgendwann zusammen.

Zur Person

Claus Tieber, 44, ist Filmwissenschaftler und seit März 2010 Präsident der Interessensgemeinschaft Freier Lektoren (IG Elf). Der gebürtige Tiroler lehrt als externer Lektor an der Universität Wien. Die IG Elf setzt sich für eine Aufwertung der Universitäts-Lektoren ein. Mehr dazu im Web: www.ig-elf.at.

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