Martin Nowak: "Junge sollen unabhängig forschen"

Martin Nowak, österreichischer Spitzenforscher in Harvard, rät seinem Heimatland zu attraktiveren Stipendien und der gezielten Suche nach hervorragenden Wissenschaftlern. Ein "Presse"-Interview.

Martin Nowak Junge sollen
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Martin Nowak – (c) APA (CHRISTIAN MUELLER)

Die Presse: Von der Uni Wien nach Oxford, dann Princeton; seit 2003 sind Sie in Harvard. Das sind Spitzenuniversitäten im weltweiten Ranking. Warum rangieren die österreichischen Universitäten in diesen Uni-Vergleichen so abgeschlagen unter ferner liefen, was läuft da falsch in Österreich?

Martin Nowak: Es ist nicht unbedingt so, dass etwas falsch läuft. Man kann die Uni Wien als Institution nicht wirklich mit amerikanischen Top-Unis vergleichen. Denn die Funktion der Universität Wien ist es nicht nur, die allerbesten österreichischen Studenten auszubilden, sondern sie ist vom Gesetz her verpflichtet, einfach jeden Studenten zu nehmen, der kommt. Es ist vom Gesetz her vorgesehen, dass die Uni Wien eine ganz große Anzahl von Studenten ausbilden muss, weil es einen freien Zugang zum Studium gibt, sogar zum Doktoratsstudium. Das ist an keiner Eliteuniversität in den USA oder in England der Fall.

Die Universität Wien hat also gar keine Chance, in den Rankings weiter vorzustoßen.

Sie hat die Chance, ein bisschen vorzustoßen, aber sicher nicht die Chance, mit den Topuniversitäten mitzuhalten. Die Universitäten, die in der Topkategorie sind, haben das Recht, sich die Studenten ganz genau aussuchen zu dürfen und nur eine ganz kleine Anzahl der sich bewerbenden Studenten zuzulassen.

Was kann sich eine Uni Wien abschauen, was an internationalen Universitäten praktiziert wird?

Man kann seht viel lernen und sich fragen, was man an den österreichischen Universitäten verbessern könnte, im kleinen Ausmaß. Das Erste, was wichtig wäre – und das habe ich immer wieder gesagt: Man soll junge Leute unterstützen im Postdoc-Stadium, also diejenigen, die gerade mit der Doktorarbeit fertig sind. Man muss Stipendien anbieten, die es jungen Leuten ermöglicht, unabhängige Forschung zu betreiben. Und diese Stipendien sollten so attraktiv sein, dass sie Aufsehen erregen, dass wir auf der ganzen Welt bekannt werden, dass junge Leute aus der ganzen Welt nach Österreich kommen wollen. Das ist durchaus möglich und kostet nicht einmal viel – das ist nur eines der Beispiele.

Somit ist es also auch ein finanzielles Problem, dass unsere Universitäten nicht auf dem gleichen Level sind.

Das ist nicht nur ein finanzielles Problem. Österreich ist eines der reichsten Länder der EU und hätte sicher die Möglichkeit, Wissenschaft in ganz großem Ausmaß zu unterstützen.

Aber?

Aber die Strukturen sind wie gesagt andere, so wird das Geld aus der Wissenschaft zum Beispiel abgelenkt und für die Infrastruktur der Universität verwendet.

Weil unsere Universitäten nicht nur für die Forschung, sondern in größerem Ausmaß für die Ausbildung da sind...

Zweifellos gibt an den österreichischen Unis nicht das Konzept des „target and search“, also der gezielten Suche. Die US-amerikanischen Universitäten warten nicht, bis jemand in Pension geht, um dann eine Ausschreibung zu machen und dann einen von jenen zu nehmen, die sich melden. Sondern man stellt sich ununterbrochen die Frage, wen man jetzt anlocken könnte und wem wir ein Angebot machen könnten, damit sich unser Department etwa mit jenem in Princeton oder in Stanford vergleichen kann. Auch in Österreich müsste man sich immer wieder die Frage stellen, wen man ins Land holen – und dann müsste die Universität auch flexibel genug sein, das nötige Geld zur Verfügung zu stellen.

Wo sehen Sie in Österreichs Wissenschaft Bereiche, die in der internationalen Topwissenschaft mithalten können?

Ganz besonders die Physik von Anton Zeilinger in Wien und Peter Zoller in Innsbruck, weiters ganz hervorragende Leute in der Mathematik in Wien oder Josef Penninger vom Institut für Molekulare Biotechnologie in Wien. Es gibt wahnsinnig viele Talente hier, auch solche, die in der Öffentlichkeit nicht so bekannt sind. Die sind in Österreich geblieben, auch aus familiären Gründen, und sie hätten es woanders zu viel mehr bringen können.

Was müsste geschehen, dass Martin Nowak nach Österreich zurückkommt? Oder ist das illusionär?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe aus Österreich noch nie ein Angebot bekommen, aber ich würde darüber nachdenken. Ich hatte zum Beispiel vor zwei Jahren ein hervorragendes Angebot aus Deutschland, das war besser, als jede amerikanische Universität bieten könnte, und die Entscheidung, es nicht zu nehmen, war eine familiäre.

Zur Person

Martin Nowak (geb. 1965 in Klosterneuburg) studierte in Wien Biochemie und Mathematik (1989 Promotion sub auspiciis praesidentis). Von 1989 bis 2003 forschte er in Oxford und Princeton. Seit 2003 ist er Professor für Mathematik und Biologie an der Harvard University und Direktor des Program for Evolutionary Dynamics. Dieses Monat erscheint sein neues Buch: „SuperCooperators: Altruism, Evolution, and Why We Need Other to Succeed“. [NLK Reinberger]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2011)

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