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Martin Nowak: "Junge sollen unabhängig forschen"

03.04.2011 | 18:27 |  ERICH WITZMANN (Die Presse)

Martin Nowak, österreichischer Spitzenforscher in Harvard, rät seinem Heimatland zu attraktiveren Stipendien und der gezielten Suche nach hervorragenden Wissenschaftlern. Ein "Presse"-Interview.

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Die Presse: Von der Uni Wien nach Oxford, dann Princeton; seit 2003 sind Sie in Harvard. Das sind Spitzenuniversitäten im weltweiten Ranking. Warum rangieren die österreichischen Universitäten in diesen Uni-Vergleichen so abgeschlagen unter ferner liefen, was läuft da falsch in Österreich?

Martin Nowak: Es ist nicht unbedingt so, dass etwas falsch läuft. Man kann die Uni Wien als Institution nicht wirklich mit amerikanischen Top-Unis vergleichen. Denn die Funktion der Universität Wien ist es nicht nur, die allerbesten österreichischen Studenten auszubilden, sondern sie ist vom Gesetz her verpflichtet, einfach jeden Studenten zu nehmen, der kommt. Es ist vom Gesetz her vorgesehen, dass die Uni Wien eine ganz große Anzahl von Studenten ausbilden muss, weil es einen freien Zugang zum Studium gibt, sogar zum Doktoratsstudium. Das ist an keiner Eliteuniversität in den USA oder in England der Fall.

Die Universität Wien hat also gar keine Chance, in den Rankings weiter vorzustoßen.

Sie hat die Chance, ein bisschen vorzustoßen, aber sicher nicht die Chance, mit den Topuniversitäten mitzuhalten. Die Universitäten, die in der Topkategorie sind, haben das Recht, sich die Studenten ganz genau aussuchen zu dürfen und nur eine ganz kleine Anzahl der sich bewerbenden Studenten zuzulassen.

Was kann sich eine Uni Wien abschauen, was an internationalen Universitäten praktiziert wird?

Man kann seht viel lernen und sich fragen, was man an den österreichischen Universitäten verbessern könnte, im kleinen Ausmaß. Das Erste, was wichtig wäre – und das habe ich immer wieder gesagt: Man soll junge Leute unterstützen im Postdoc-Stadium, also diejenigen, die gerade mit der Doktorarbeit fertig sind. Man muss Stipendien anbieten, die es jungen Leuten ermöglicht, unabhängige Forschung zu betreiben. Und diese Stipendien sollten so attraktiv sein, dass sie Aufsehen erregen, dass wir auf der ganzen Welt bekannt werden, dass junge Leute aus der ganzen Welt nach Österreich kommen wollen. Das ist durchaus möglich und kostet nicht einmal viel – das ist nur eines der Beispiele.

Somit ist es also auch ein finanzielles Problem, dass unsere Universitäten nicht auf dem gleichen Level sind.

Das ist nicht nur ein finanzielles Problem. Österreich ist eines der reichsten Länder der EU und hätte sicher die Möglichkeit, Wissenschaft in ganz großem Ausmaß zu unterstützen.

Aber?

Aber die Strukturen sind wie gesagt andere, so wird das Geld aus der Wissenschaft zum Beispiel abgelenkt und für die Infrastruktur der Universität verwendet.

Weil unsere Universitäten nicht nur für die Forschung, sondern in größerem Ausmaß für die Ausbildung da sind...

Zweifellos gibt an den österreichischen Unis nicht das Konzept des „target and search“, also der gezielten Suche. Die US-amerikanischen Universitäten warten nicht, bis jemand in Pension geht, um dann eine Ausschreibung zu machen und dann einen von jenen zu nehmen, die sich melden. Sondern man stellt sich ununterbrochen die Frage, wen man jetzt anlocken könnte und wem wir ein Angebot machen könnten, damit sich unser Department etwa mit jenem in Princeton oder in Stanford vergleichen kann. Auch in Österreich müsste man sich immer wieder die Frage stellen, wen man ins Land holen – und dann müsste die Universität auch flexibel genug sein, das nötige Geld zur Verfügung zu stellen.

Wo sehen Sie in Österreichs Wissenschaft Bereiche, die in der internationalen Topwissenschaft mithalten können?

Ganz besonders die Physik von Anton Zeilinger in Wien und Peter Zoller in Innsbruck, weiters ganz hervorragende Leute in der Mathematik in Wien oder Josef Penninger vom Institut für Molekulare Biotechnologie in Wien. Es gibt wahnsinnig viele Talente hier, auch solche, die in der Öffentlichkeit nicht so bekannt sind. Die sind in Österreich geblieben, auch aus familiären Gründen, und sie hätten es woanders zu viel mehr bringen können.

Was müsste geschehen, dass Martin Nowak nach Österreich zurückkommt? Oder ist das illusionär?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe aus Österreich noch nie ein Angebot bekommen, aber ich würde darüber nachdenken. Ich hatte zum Beispiel vor zwei Jahren ein hervorragendes Angebot aus Deutschland, das war besser, als jede amerikanische Universität bieten könnte, und die Entscheidung, es nicht zu nehmen, war eine familiäre.

Zur Person

Martin Nowak (geb. 1965 in Klosterneuburg) studierte in Wien Biochemie und Mathematik (1989 Promotion sub auspiciis praesidentis). Von 1989 bis 2003 forschte er in Oxford und Princeton. Seit 2003 ist er Professor für Mathematik und Biologie an der Harvard University und Direktor des Program for Evolutionary Dynamics. Dieses Monat erscheint sein neues Buch: „SuperCooperators: Altruism, Evolution, and Why We Need Other to Succeed“. [NLK Reinberger]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2011)

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11 Kommentare
vegetation
04.04.2011 08:44
0 1

er hat es noch nicht ganz verstanden

Kollege Novak mag aus der Ferne die Situation teilweise besser beurteilen als manche einheimischen Kollegen. Aber eines vergisst er - Universitäten sind als Bildungsstätten konzipiert und werden in der Bevölkerung als HOHE SCHULEN betrachtet. Daher muss die Lehrekomponente im Vordergrund stehen. Dass Forschung an Universitäten fast genauso notwendig ist wie Lehre ergibt sich aus der Tatsache der "Forschungsgeleiteten Lehre" - nur z.B. ist die Universität Wien nie und nimmer eine Forschungsunversität und ihre Probleme haben mit dieser Grundthese erst wirklich begonnen.

Und nochwas - kann mir endlich wer erklären warum Universitäten sich in einen Konkurrenzkampf begeben müssen. Ich dachte immer Forschung dient dem Gewinn von Erkenntnis und nicht der Befriedigung persönlichen oder institutionellen Geltungsbedürfnissen.

Antworten Gast: StudentXY
05.04.2011 22:31
0 0

Re: er hat es noch nicht ganz verstanden

Die Konkurrenz ergibt sich einfach aus der Knaphheit an guten Forschern, Vortragenden und Studenten.

Der freie Hochschulzugang und mangelnde Finanzierung machen die Sachen noch schlimmer.

Antworten Gast: Kollege Professor
05.04.2011 14:22
0 0

Re: er hat es noch nicht ganz verstanden

Jemand, der den Namen von Dr. Nowak nicht richtig schreibt, will offenbar gar nicht ernstgenommen werden.

Antworten Antworten vegetation
05.04.2011 18:09
0 0

Re: Re: er hat es noch nicht ganz verstanden

lieber kollege professor

die hier angesprochenen dinge sind zu ernst, als das es notwendig erscheint dumme kommentare zu liefern.

Antworten Antworten Antworten Gast: Der echte Nowak
06.04.2011 12:06
1 0

Re: Re: Re: er hat es noch nicht ganz verstanden

Richtig.
Warum tun Sie es dennoch?

Antworten Antworten Antworten Antworten vegetation
10.04.2011 11:25
0 0

Re: Re: Re: Re: er hat es noch nicht ganz verstanden


Weil dieses Konkurrenzdenken nicht zu erkennbaren Erfolgen im österreichischen Hochschulwesen führte und auch in Zukunft führen wird. Ich bin ein überzeugter Anhänger der Beibehaltung eines sehr umfassenden Dauerstellensystems – warum geht es seit Jahren in allen Rankings mit österreichischen Universitäten bergab ? Genau seit dem Zeitpunkt als die großen Reformen umgesetzten wurden (UG 2002). Und gleich dazu bemerkt: bin ein Ass.Prof – ein böser Unifunktionär – natürlich nicht habilitiert – mit 16 Wochenstunden Lehre pro Semester und drei Impaktpunkt (oder wie immer man das schreibt) in fünf Jahren – ach ja – und ca. 40 Diplomaden, die ich in den letzten fünf Jahren im Berufsleben platzieren konnte! – und wie schaut`s da mit den Exzellenz – Wissenschaftler_innen aus – meist viele Publikationen (durchschnittliche Lesefrequenz liegt bei 0.78 mal gelesen mit Ausnahme der Reviewer ) – wenig bis keine Lehre und geringe Betreuungsarbeit im Bereich der Masterarbeiten und Diplomarbeiten. Es ist nicht alles Gold was glänzt.

Antworten Gast: pluslucis*
04.04.2011 13:59
0 0

Re: er hat es noch nicht ganz verstanden

"kann mir endlich wer erklären warum Universitäten sich in einen Konkurrenzkampf begeben müssen."

Weil die Leute, die bildungspolitische Entscheidungen treffen, aus eigener Erfahrung nicht wissen, was intrinsische Motivation ist, und daher davon ausgehen, dass Konkurrenz der einzige mögliche Motivator ist.

Antworten Antworten Gast: StudentXY
05.04.2011 22:01
1 0

Re: Re: er hat es noch nicht ganz verstanden

Die Konkurrenz ergibt sich einfach aus der Knaphheit an guten Forschern, Vortragenden und Studenten.

Der freie Hochschulzugang und mangelnde Finanzierung machen die Sachen noch schlimmer.

Antworten vertex77
04.04.2011 12:37
2 0

Re: er hat es noch nicht ganz verstanden

Es kann sein das die Österreicher die Unis als Volkshochschule betrachten, aber dann ist das ihre subjektive Meinung. Die Unis sollten eine Forschungseinrichtungen sein. Wie sollten die Profs, Assistenten Forschung betreiben, wenn sie müssen zu viele Studenten betreuen? Sie müssen mehr unterrichten als forschen.

Gast: Ludwig Ammer
04.04.2011 00:37
0 2

Evolutionary

Dynamics hört sich fetzig cool an, aber ich möchte einen wirklichen Evolutionary Power Reactor in Burghausen an die Grenze zu Österreich hinstellen, um die hier in Bayern wegen Energiemangel in Österreich etablierte Raffinerie der OMV auch nach der Stillegung von Isar 1 und den zwei fukushimigen Siedern zu Gundremmingen noch versorgen zu können. Dann möchte ich nukleartechnologische Forschung mit einem weiteren EPR in Gundremmingen und Biotechnologen in einer akademischen Anstalt bei den Bioraffinerien in der Weltstadt des Jazz Burghausen ausbilden lassen. Ich denke da auch sehr an Fachhochschulen, weil mir zum Thema der freien Steuerzahleruniversitäten nicht mehr so viel nettes einfallen mag wie dem Herrn Novak, der das Problem schon richtig erkennen aber die Verfassung nicht ändern mag. Ja, bitteschön: darf es nach dem Kreisky keinen lieben Gott und keinen Verstand für Individuen mehr geben?
Sozialistische Universitäten politisch bekämpfen, damit man sie monetär austrocknen darf: das ist eine Devise mit Fortune!
Derweil mache ich so unendlich viel effektive und für die Wirtschaft wertvollste Forschung mit den Fachhochschulen, daß der Steuerzahler sich fragt, warum wir überhaupt noch ein Pennergymnasium brauchen. Na gut, in Bayern haben wir das Gymnasium gestrafft: das kann ein Vorbild werden. Ich habe mich auch schon mit 17 Jahren an der Hochschule eingeschrieben mit einem bayernweit besten Abitur in Mathe und Statistik. Physik durfte ich in der Schule nicht richtig lern

Antworten vegetation
04.04.2011 08:35
4 0

Re: Evolutionary

Und was wollen sie mit ihrem Posting sagen - irgendwie kann ich ihnen da nicht folgen

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