Die Presse: Nach Gastvorlesungen an den US-Unis Brown und Columbia bekommen Sie nun einen fixen Lehrstuhl in Harvard. Die Arbeitsbedingungen müssen wunderbar sein.
Alfred Gusenbauer: Es soll doch eine der besten Universitäten der Welt sein. Ausgestattet mit reichlichen Finanzmitteln und daraus folgend einem günstigen Verhältnis zwischen Studierenden und Professoren ergeben sich natürlich eine vernünftige Lehrqualität und bessere Forschungsperspektiven. Dollars können zwar nicht grundsätzlich Exzellenz kaufen, aber dass heute im Uni-Bereich die notwendigen finanziellen Mittel eine Voraussetzung für den Erfolg darstellen, scheint mir evident.
Würden Sie auch an einer österreichischen Uni arbeiten?
Nicht unbedingt arbeiten. Aber ich werde heuer zweimal an der Uni Innsbruck sein und im Programms „Politiker in Residence“ mit Studenten arbeiten. Auch an der Donau-Uni Krems stelle ich mich immer wieder für einen Nachmittag zur Verfügung.
Ein Lehrstuhl in Österreich könnte Sie aber nicht locken.
Ich habe sehr viele Dinge zu tun.
In Österreich waren Sie gegen Elite-Unis, nun arbeiten Sie an einer. Wie geht das zusammen?
Ich habe dafür plädiert, ein System von europäischen Elite-Unis aufzubauen. Bei rund 500 Millionen Einwohnern in Europa können wir schon 15 oder 20 Elite-Unis vertragen. Die brauchen wir auch dringend. Ich glaube nicht, dass es zielführend ist, wenn jedes Land unabhängig von seiner Größe den Anspruch stellt, eine Elite-Uni haben zu müssen.
Österreich ist zu klein für eine Spitzen-Uni?
Österreich soll mehr Geld für ein besseres allgemeines Universitätssystem aufbringen. Elite-Unis nach dem Harvard-Vorbild sind eine europäische Aufgabe.
Wenn Sie heute noch Kanzler wären, wie würde die Hochschulpolitik aussehen?
Das ist zwar ein sehr eleganter Versuch, mich auf das Terrain der österreichischen Innenpolitik zu führen, aber zu solchen Fragen nehme ich nicht Stellung. Nur so viel: Josef Broukal hatte einen sehr vernünftigen Plan über die Finanzierung und den Kapazitätsausbau der Universitäten vorgelegt. Damit hätten wir uns eine Reihe von Problemen erspart.
Viele Expolitiker machen derzeit Stimmung für Reformen. Warum hört man von Ihnen nichts?
Ich habe mich entschlossen, meine innenpolitische Beschäftigung zu beenden und mich einem anderen Lebensschwerpunkt zuzuwenden. Der liegt nun im Bereich der Universitäten und der internationalen Wirtschaft. Ich sehe keinen besonderen Sinn, mich als Kommentator oder Stichwortgeber der Innenpolitik zu betätigen.
Sie weinen der österreichischen Innenpolitik keine Träne nach?
Sie verfügt nach wie vor über mehr Gestaltungsspielräume, als man glaubt. Ich habe mich dreißig Jahre mit großer Leidenschaft der Innenpolitik gewidmet und mich 2008 dazu entschlossen, diese Laufbahn zu beenden. Es gibt keine Wehmut. Ich habe jetzt ein anderes Leben.
Und das macht Sie glücklich?
Ich bin eigentlich sehr zufrieden. Ich habe ein interessantes, spannendes und herausforderndes Dasein.
Sie haben Macht gegen Freiheit getauscht.
Das Reich der Freiheit ist mit Sicherheit größer geworden. Und die tatsächliche Macht schaut manchmal auch etwas anders aus als die vermeintliche.
Was werden Sie in Harvard machen?
Ich halte Vorträge zum Thema Eurokrise und Weltwirtschaft. Mein Forschungsprojekt heißt „Erneuerungsprojekte der Sozialdemokratie in Europa und Lateinamerika“.
Die Erneuerung der österreichischen Sozialdemokratie ist Ihnen nicht wirklich gelungen.
Ich weiß nicht, wie Sie zu Ihrem Befund kommen. Wissenschaftlich abgesichert ist er in keinem Fall. Ich habe die SPÖ als Parteivorsitzender im Jahr 2000 in einem desolaten Zustand übernommen. Wir haben in meiner Zeit mehr Wahlen gewonnen als in zwanzig Jahren davor. Mit dem „Netzwerk Innovation“ haben wir weithin anerkannte programmatische Standards gesetzt. Und selbst die aktuelle bildungspolitische Diskussion lebt noch immer von den Vorschlägen, die in meinen „Salzburger bildungspolitischen Thesen“ gemacht wurden.
Welche Vorschläge sind das?
Das geht von der Frage der Lehrerausbildung über die verpflichtende Vorschule über die modulare Oberstufe über die Gesamtschule über die Ganztagsschule bis zur Berufsmatura.
Ein Lehrstuhl ist ja kein Nebenjob. Wie viel Zeit werden Sie ab 2012 in den USA verbringen?
Ich werde pro Uni-Monat eine Woche dort sein. Ich bin dann von Montagfrüh bis Freitag ständig im Einsatz: Vorlesungen, Seminare, Workshops, Forschungsarbeit.
Trauen Sie einem anderen österreichischen Politiker eine Lehrtätigkeit in Harvard zu?
Ich würde es nicht grundsätzlich ausschließen.
Einige schnelle Fragen. Was interessiert Sie mehr: Forschung oder Lehre?
Die Forschung interessiert mich mehr, die Lehre macht mehr Spaß.
Politik oder Philosophie?
(überlegt) Am Ende des Tages doch die Politik.
Österreich oder Europa?
Europa. Aber das ist kein Widerspruch.
Würden Sie jungen Menschen ein Studium in Österreich empfehlen?
Ich habe an der Brown University zwei junge österreichische Forscher kennengelernt, mit denen ich über die Vor- und Nachteile des österreichischen Uni-Systems philosophiert habe. Dazu muss man sagen, dass Harvard nicht repräsentativ ist und die österreichischen Unis besser sind als die allgemeinen amerikanischen. Diese Forscher haben gesagt, dass der echte Vorteil des österreichischen Systems sei, dass die Bedingungen des Studiums so widrig sind, dass, wenn man es schafft, sich durchzubeißen, einen das für vieles qualifiziert. Offensichtlich ist unser System so selektiv, dass das Schaffen des Studiums tatsächlich ein Asset darstellt. Den Preis, den wir dafür bezahlen, ist, dass Studenten auf der Strecke bleiben.
Das Argument der Forscher ist schlecht. Was würde aus den erfolgreichen Studenten, wären sie an einer Uni mit guter Betreuung?
Sie wären vielleicht noch besser. Kehrum muss man sagen: Die Harvard-Qualität ist nicht verallgemeinerbar für ein öffentliches Uni-System. Klug wäre, wenn wir ein möglichst gutes nationales System hätten, das durch europäische Elite-Unis ergänzt wird.
Das haben Sie 2004 vorgeschlagen, es folgte ein Aufschrei. Was ist das Problem der Sozialdemokratie mit dem Begriff Elite?
(lacht) Elite steht im Konflikt zu einem falsch verstandenen Gleichheitsbegriff. Ich glaube, dass Gleichheit und Elite kein Widerspruch sind. Im Sport geht es die ganze Zeit um Spitzenleistungen, das wird akzeptiert. In Forschung, Technik und Wirtschaft natürlich auch. Wieso es nicht auch um intellektuelle Spitzenleistungen gehen soll, entzieht sich meinem Verständnis.
Kann es sein, dass der Wähler hier falsch verstanden wird?
Ich glaube gar nicht, dass man einem vermeintlich generellen Wählertypus dienen kann oder muss. Ich plädiere für das Formulieren von politischen Zielen und Projekten, von denen man möglichst viele überzeugen soll.
Alfred Gusenbauer (51) war SPÖ-Parteichef und von Jänner 2007 bis Dezember 2008 österreichischer Bundeskanzler. Nachdem er bereits als Gastdozent an verschiedenen renommierten US-Universitäten gelehrt hat, wechselt Gusenbauer (im Bild mit „Presse“-Redakteurin Rosa Schmidt-Vierthaler) ab 2012 an die Elite-Uni Harvard. Dort erhält er einen fixen Lehrstuhl und wird ein Forschungsprojekt betreuen. [Bruckberger]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2011)
Ex-Kanzler in Harvard: Gusenbauer und andere prominente Profs




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