DiePresse: Sie sind von den steinernen Hallen der Uni Wien zu Glas und Metall der FH Campus Wien gewechselt. Ist die inhaltliche Veränderung so groß wie die optische?
Arthur Mettinger: Sie ist schon groß. Ich komme von einer sehr alten, sehr guten Universität in eine neue, sehr gute Fachhochschule. Die große Herausforderung ist der Switch von einer Curricula-Entwicklung, die durch Disziplinen getrieben ist, in eine, die sehr stark am Berufsfeld orientiert ist. Andererseits: Was die Qualität der Lehre betrifft, was Internationalisierung betrifft, was Kooperationen betrifft, ist die Situation wieder nicht so verschieden.
Sie haben an der Uni lange mit dem Budget gehadert, jetzt haben Sie eine Pro-Kopf-Finanzierung.
Das macht mich durchaus glücklich. Es wird spannend sein zu sehen, wie ein System mit Studienplatzfinanzierung und mit akzeptierten Aufnahmeverfahren funktioniert. Ich werde auch weiter mit den Unis Kontakt halten und schauen, ob das eine oder andere aus dem FH-System für sie interessant sein könnte.
FH und Unis waren nicht immer die besten Freunde.
Das ist richtig, aber es ist hoch an der Zeit, das Verhältnis neu zu definieren. Wir haben als Bildungsinstitutionen die Aufgabe, den jungen Leuten die besten Chancen zu bieten. Da deckt der FH-Sektor den einen Bereich ab und der Uni-Sektor den anderen. Mein Ziel ist eine große Durchlässigkeit. Ich werde analysieren, welche Fortsetzungsmöglichkeiten man jungen Leuten, die ein Studium an der FH Campus Wien beginnen, bieten kann.
Was können Sie denn machen, wenn eine Universität keine Doktoratsstudenten von einer FH nehmen will?
Hier ist in der Vergangenheit einiges an Porzellan zerschlagen worden. Ich glaube, dass sich universitäre Fachbereiche direkt mit den FH-Bereichen zusammenschließen und die Kompetenzprofile anschauen sollen. Sie sollen auch klar sagen, was nachzulernen ist, denn die Profile sind unterschiedlich und sollen es auch sein.
Werden Sie auch die Curricula an diese Erfordernisse anpassen?
Ich bin der Meinung, die aufnehmende Institution soll entscheiden, wen sie aufnimmt. Eine mögliche Übergangsschiene einzubauen, wäre eine Möglichkeit, die man durchaus überlegen soll. Wichtig ist allerdings: Die FH Campus Wien soll ihr Profil in Berufsrelevanz, Berufspraxis und Berufsfeldorientierung bewahren.
Derzeit wird diskutiert, ob die höhere Berufsbildung an FH stattfinden soll. Sind Sie für einen „Bäcker-Bachelor“?
Eine Meisterprüfung ist etwas anderes als ein forschungsbegleitetes Studium. Die Frage ist, ob es eine Zwischenform geben kann, um einen Übertritt in die höhere Bildung zu erleichtern. Was interessant und noch wenig entwickelt ist, ist der gesamte Lifelong-Learning-Ansatz. Er wird einerseits im Bereich der klassischen höheren Bildung und andererseits in der Berufsbildungsschiene gesehen. Hier zwischen den Systemen eine Brücke zu bauen, wird eine Aufgabe der nächsten fünf Jahre sein.
Eine Aufgabe für die FH?
Nicht nur. Es wird eine Aufgabe für den gesamten tertiären Sektor sein. Die Frage der Berufsfeld-zentrierten Weiterbildung sehe ich tendenziell eher bei den FH als bei den Unis. Aber ich denke nicht in Schwarz und Weiß.
Gibt es etwas, das sich die Unis von den FH abschauen können?
Die Universität könnte sich Know-how im Bereich der berufsbegleitenden Studien abschauen. Das ist ein großes Thema.
Sie waren lange Vizerektor der Uni Wien, jetzt sind Sie Rektor an der FH. Ist das für Sie ein Karriereabstieg?
Nein. Ich war zwölf Jahre lang Vizerektor. Es ist für mich spannend, im Alter von 55Jahren noch einmal eine neue Phase zu beginnen. Was mich fasziniert, ist die Dynamik im FH-Sektor. Wenn man weiß, wie schwierig es an einer Uni ist, ein neues Studium einzuführen, dann freut man sich, dass das hier als institutionelle Aufgabe gesehen wird. Mir kommt die Position auch deshalb so entgegen, weil ich aus dem Bereich der Lehre komme. Und die steht an der FH im Mittelpunkt.
Kein Trennungsschmerz?
Nein. Ich werde nun keine Alma-Mater-Weglegung betreiben. Aber ich werde hier mit voller Kraft arbeiten, im vollen Bewusstsein einer universitären Vergangenheit und einer FH-Zukunft.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2012)
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