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Praktisches Jahr: Ärzte fürchten um Theorieausbildung

06.02.2012 | 12:26 |   (DiePresse.com)

Gemischte Reaktionen auf das geplante klinisch-praktische Jahr im Medizin-Studium. Die Studenten hoffen auf eine rasche Reform des ungeliebten Turnus.

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Die drei Medizin-Unis wollen das sechste Studienjahr in ein einheitliches klinisch-praktisches Jahr umwandeln und von derzeit 30 auf 40 bis 48 Wochen verlängern. Im Gegenzug fordern sie eine Reform von Turnus und Facharztausbildung. Von der Ärztekammer (ÖÄK) und der Österreichischen HochschülerInnenschaft (ÖH) wird der Plan mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Während die Studenten hoffen, dass dadurch die Reform des ungeliebten Turnus beschleunigt wird, fürchten die Ärzte, dass die Theorie auf der Strecke bleiben könnte.

Die Studentenvertreter der Medizin-Uni Wien befürworten ein klinisch-praktisches Jahr (KPJ) prinzipiell. Dort ist das sechste Studienjahr derzeit noch ein Mix aus Vorlesungen und Praktika, in Graz und Innsbruck verbringen die Studenten dieses schon jetzt fast ausschließlich am Krankenbett. Die ÖH der Medizin-Uni Wien hofft, dass die Studenten durch ein solches Jahr mehr Zeit auf einer Station verbringen und folglich besser eingeschult und in die täglichen Abläufe eingebunden werden. Allerdings sei bisher etwa noch offen, wie ein solches Jahr sozialverträglich gestaltet werden kann oder wie die Platzvergabe erfolgt, wenn ein Student Kinder hat.

"Wir stützen unsere Zustimmung zum klinisch-praktischen Jahr darauf, dass man hört, dass in drei bis vier Jahren eine Reform der postgraduellen Ausbildung angestrebt ist", sagt der ÖH-Vorsitzende der Medizin-Uni Wien, Christian Orasche. Das Jahr gelte als politische Voraussetzung dafür. Im Idealfall könnten damit die ersten Studenten, die ein solches absolvieren, bereits anstelle eines Turnus eine neue "Facharztausbildung zum Allgemeinmediziner" beginnen. Dabei würden sie wie ein Assistenzarzt behandelt und nicht wie derzeit die Turnusärzte für Hilfsdienste eingesetzt, hofft Orasche.

Ärzte fürchten um Theorie-Ausbildung

Für Ärztekammer-Sprecher Martin Stickler stellt sich die Frage, ob bei einer de-facto-Verkürzung der theoretischen Ausbildung die Studenten noch den dynamischen Entwicklungen in der Medizin entsprechend ausgebildet werden können. "Je mehr man abzwackt, desto weniger von der Wissensexplosion kann man abdecken", warnt er. "Das kann nicht der Stein der Weisen sein." Darin, dass die Allgemeinmediziner-Ausbildung reformiert werden muss, ist sich die Ärztekammer aber mit den Medizin-Unis und der ÖH einig.

Allgemeinmediziner müssten intensiver ausgebildet werden, die Dauer solle von drei auf fünf Jahre angehoben werden, eines davon verpflichtend in der Hausarzt-Ordination. "Der derzeitige Turnus wird den Anforderungen nicht gerecht." Die Einführung des klinisch-praktischen Jahrs, die "beschlossene Sache zu sein" scheine, ändere nichts an der Forderung nach einer Verlängerung.

Den EU-Vorschlag, die Mindeststudiendauer der Mediziner-Ausbildung von derzeit sechs auf fünf Jahre zu verkürzen, stößt bei der Ärztekammer auf Ablehnung. Man fürchte eine Verschlechterung und Abwertung der medizinischen Ausbildung, heißt es in einer Aussendung. Das Studium der Humanmedizin sei bereits von einem Doktorat auf ein Magisterstudium "zusammengestutzt" worden, betonte ÖÄK-Präsident Walter Dorner.

Mehr Unsicherheit, mehr Behandlungsfehler

"Wenn wir nun weiter an der theoretischen Ausbildung sparen, haben wir am Ende unsichere Ärzte", warnt Dorner. Das bedeute mehr Behandlungsfehler und - wegen der aufgrund von Unsicherheit für eine Diagnose nötigen Zusatzuntersuchungen - auch zusätzliche Kosten für das Gesundheitssystem. Für den Sprecher der Primarärzte in der ÖÄK, Robert Hawliczek, ist es "realitätsfern", zu glauben, eine so komplexe und rasant wachsende Materie wie Medizin könne im "Schnelldurchgang" gelehrt werden.

Schon jetzt würden zunehmend praktische Tätigkeiten ins Studium verlagert, obwohl diese in der Fachausbildung problemlos und den aktuellen Erfordernissen angepasst vermittelt werden. Es sei nicht nachvollziehbar, dass die Ausbildung anderer Gesundheitsberufe akademisiert und verlängert werden solle, aber angehende Mediziner mit immer weniger Ausbildung auf ihre Aufgaben vorbereitet werden sollen, kritisierte Hawliczek.

(APA)

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4 Kommentare
Gast: Gastarzt
06.02.2012 15:36
0 0

Das theoretische Grundlagenwissen

der jungen Kollegen aus dem neuen Curriculum ist jetzt schon schlecht bis nahezu katastrophal.

Antworten Lilo1
08.02.2012 09:50
0 0

Re: Das theoretische Grundlagenwissen

Wie wahr! Derzeit ist der Studienplan eine Kathastrophe.
Da gibt es Praktika, die vor oder paralell mit der theoretischen Vorlesung stattfinden, womit die theoretische Grundlage völlig fehlt, oder es werden Rezepte ausgefüllt- muss man auch lernen, aber nicht an der Uni. Ein Semester wird vorwiegend mit Dingen wie Sozial und Gendermedizin (und Statistiken zu Themen an welchen Krankheiten Männlein oder Weiblein mehr leiden,...) verbröselt. Dafür ist die Zeit für Pathophysio und Pathologie zu kurz,... und und und. Das hilft dem zukünftigen Arzt und dem Patienten nicht.

UNI ist die Gelegenheit, sich wenigstens einmal im Leben strukturiert und intensiv mit der Theorie zu befassen - das bringt die Grundlage eines sicheren Wissens. Praxis lernt man in der Praxis, sprich im praktischen Jahr und in der klinischen Ausbildung.

Aus Erfahrung mit alter und neuer Studienordnung, kann man nur gen, die alte war eindeutig besser. Die neue führt bei den Studenten nur zu Frust.


Antworten freeman
07.02.2012 11:17
0 0

Um die praktischen Erfahrungen

ist es aber nicht besser bestellt.

Antworten Antworten Lilo1
08.02.2012 09:53
0 0

Re: Um die praktischen Erfahrungen

Die sollte man in einer guten Ausbildung in dser Praxis bekommen. Das theoretische allgemeine Wissen holt man im Arbeitsalltag nicht mehr auf (wegen Arbeitsüberlastung und mangelnder Zeit. Und was interessiert die Theorie der Kinderheilkunde, wenn man gerade auf
chirurgie ist....)

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