Wien. Fühlt man sich auf einer kleinen Spezialuniversität abseits von überlaufenen Studienfächern und der „Massenuniversität“ auf einer Insel der Seligen? Wilfried Eichlseder kann sich ein Lächeln auf diese Frage nicht verkneifen. „Vom Arbeitsumfeld her gesehen: Ja“, sagt der neue Rektor der Montanuniversität Leoben im Antrittsinterview mit der „Presse“. „Wir haben ein sehr gutes Betreuungsverhältnis der Studierenden, haben gute Kontakte mit der Industrie, eine Tiefe in der Grundlagenforschung und eine enge Verzahnung von Forschung und Lehre.“
Doch andererseits seien viele Probleme dieselben wie auf großen Universitäten. Vor allem: „Das Budget ist mit der Steigerung der Kosten nicht mitgewachsen“, so Eichlseder. „Wir sind am Limit: Nur unter großen Anstrengungen werden wir in den nächsten Jahren eine schwarze Null schaffen.“ Dabei hilft auch der außergewöhnlich hohe Anteil an Drittmitteln – rund 40 Prozent – nicht wirklich: „Drittmittel kann man nur durch fachliches Know-how gewinnen.“ Um eine solide Wissensbasis aufbauen zu können, sei aber eine gesunde Basisfinanzierung durch den Staat unbedingt erforderlich. Oder kurz gesagt: „Das Gerüst der Drittmittel sind die global finanzierten Forscher.“
Eichlseder nennt ein aktuelles Beispiel: Seit einigen Jahren ist die Einrichtung des „Zentrums am Berg“ geplant: Dabei sollen alte Tunnelsysteme im Erzberg zu einem Zentrum etwa für Sicherheitsforschung ausgebaut werden. Es gibt bereits viele Interessenten, die das Zentrum für Forschung und Ausbildung nutzen wollen – „aber die Einrichtung und das Schaffen des Know-how gehen nicht aus Drittmitteln, das muss aus dem Globalbudget finanziert werden.“
Die „Alma Mater Leobiensis“ hat in den letzten Jahren unter der Ägide von Ex-Rektor Wolfhard Wegscheider und und des Uniratsvorsitzenden Hannes Androsch eine bemerkenswerte Entwicklung genommen: Die Studentenzahlen sind im letzten Jahrzehnt von 1700 auf derzeit 3300 gestiegen. In den letzten Jahren sind zahlreiche neue Gebäude errichtet worden, in Leoben ist dadurch eine Art Uni-Campus entstanden.
Traditionsreiche Fächer modernisiert
Bei der Modernisierung wurden auch alte Traditionen über Bord geworfen. So wurden etwa die klassischen Montan-Fächer „Markscheidewesen“ oder „Gesteinshüttenwesen“ aufgelassen und in die neue Studienrichtung des „Rohstoff-Ingenieurwesens“ integriert. Das quantitative Wachstum soll weitergehen: Als Ziel nennt der Rektor 4000, langfristig 5000 Studierende. Dennoch outet sich Eichlseder als Fan von kleinen Organisationseinheiten: „Kleine Einheiten sind überschaubarer, flexibler, die Leistungsträger sind sichtbarer“, sagt er. Aus seinem Leben vor der Universitätslaufbahn kennt Eichlseder auch die andere Seite: Er war 20 Jahre lang in der Großindustrie beschäftigt. „Große Einheiten können ziemlich schwammig sein“, erinnert er sich.
Umso zentraler ist es freilich, Schwerpunkte zu setzen, mit denen man einzigartig ist. „Kleine Pflänzchen sollen wachsen können.“ Bei einigen traditionellen Stärkefeldern hat die Montanuniversität in den vergangenen Jahren ihre Alleinstellung eingebüßt – Kunststofftechnik oder Materialwissenschaften gibt es in immer mehr Forschungseinrichtungen. Dafür will Eichlseder zusätzlich Schwerpunkte in anderen Bereichen setzen. Etwa in der Energietechnik – konkret in der Optimierung von Gesamtsystemen oder Werkstoffen, die eine höhere Energieeffizienz ermöglichen – oder beim Recycling von Rohstoffen. Den in Diskussion befindlichen Hochschulplan, der bald präsentiert werden soll, sieht er als Chance, um Schwerpunktbildungen zu forcieren, mit denen man dann führend ist. „Zudem ist eine Abstimmung erforderlich, damit es keinen Wildwuchs gibt“, so Eichlseder.
Masterstudien verstärkt auf Englisch
Parallel dazu soll die Montan-Uni verstärkt internationalisiert werden. „Durch eine Öffnung hin zu anderen Kulturkreisen kommen neue Ideen und man kann sich vom mitteleuropäischen Mainstream ein bisschen abheben.“ Nachsatz: „Das geht nur über persönliche Kontakte und über das Erlernen von Sprachen.“ Masterstudien sollen folglich verstärkt in Englisch durchgeführt werden. Die Montan-Uni ist schon jetzt deutlich internationaler ausgerichtet als andere Universitäten: Die Studierenden kommen aus mehr als 50 Nationen.
Ein Grundsatz müsse über allem stehen, so Eichlseder: „Wir müssen Weltspitze sein, sonst geht es nicht. Die Zukunft unseres Kulturraums hängt ganz massiv von Forschung und Innovation ab.“ Und: „Wir können nur mit Qualität, Flexibilität und Ideenreichtum überleben. Die haben leider nicht den ihnen gebührenden Stellenwert.“
Dass Wilfried Eichelseder, der neue Rektor der Montanuniversität, in Leoben lehrt und
forscht, ist eigentlich ein Zufall: Der gebürtige Oberösterreicher studierte an der TU Graz Maschinenbau und war danach zwei Jahrzehnte in der Industrie tätig – zehn Jahre in der Forschung, zehn weitere Jahre im Management. Dann wurde Eichelseder angesprochen, ob er sich nicht um eine Professur an der Montanuniversität Leoben bewerben wolle – was er wollte, weil ihn, wie er sagt, „Lehren und wissenschaftliches Arbeiten immer gereizt“ hätten. Nach 13 Jahren als Maschinenbau-Professor wurde Eichlseder im November des Vorjahrs als Nachfolger von Wolfhard Wegscheider als Rektor inauguriert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2012)
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